> > > Kaminski, Heinrich: Werk für Streichorchester
Dienstag, 20. Oktober 2020

Kaminski, Heinrich - Werk für Streichorchester

Eine Entdeckung nach der anderen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Label cpo bietet mit der Einspielung von Heinrich Kaminskis Werk für Streichorchester eine weitere lohnende Wiederentdeckung. Sie wird von der Deutschen Kammerakademie Neuss hoch engagiert zu Leben erweckt.

Das Label cpo veröffentlicht seit über 25 Jahren eine Entdeckung nach der anderen. So auch diesmal: Unter Lavard Skou-Larsen erklingt Heinrich Kaminskis (1886-1946) 'Werk für Streichorchester' durch die Deutsche Kammerakademie Neuss. Es scheint zurzeit, als wäre man hierzulande bemüht, die nationalsozialistische Vergangenheit auch musikgeschichtlich aufzuarbeiten. In diesen Trend fügt sich jedenfalls diese neu erschienene Aufnahme des 'Werks für Streichorchester' Heinrich Kaminskis durch die Deutsche Kammerakademie Neuss unter dem brasilianischen Dirigenten und Geiger Lavard Skou-Larsen. Kaminski, dessen Musik zunächst Anklang bei den Nationalsozialisten gefunden hatte, sah sich in der Zeit des ‚Dritten Reiches‘ sehr bald mit dem Vorwurf konfrontiert, entfernte jüdische Verwandte zu haben. Er bekam die Konsequenzen – das Aufführungsverbot seiner Werke – sehr bald zu spüren.

Das 'Werk für Streichorchester' war 1916 ursprünglich als Streichquintett fis-Moll komponiert worden, wurde jedoch 1926 von Reinhard Schwarz-Schilling für Orchester arrangiert. Davon profitiert Kaminskis Musik sehr, ist sie doch reich an großen Klangflächen, die mit vergrößertem Klangkörper besser zur Geltung kommen. Weiterhin profitiert das Werk von seinen Interpreten, die sich ihm angenommen haben. Die Deutsche Kammerakademie Neuss steht seit Jahren neben brillanten Einspielungen der ‚Klassiker‘ auch für musikalische Neuentdeckungen und Ur- und Erstaufführungen. Ihr Chefdirigent Lavard Skou-Larsen bringt durch seine weltweite Bekanntheit internationales Flair in das Ensemble, das er regelmäßig auf Konzerttourneen rund um den Globus schickt.

Die Tonsprache Kaminskis ist, wie seine Persönlichkeit selbst, zwischen den beiden Weltkriegen gefangen. Man würde sie weder eindeutig als modern und von romantischen Tönen abgegrenzt noch als eindeutig noch der Romantik zuordnen. Doch gerade diese Gratwanderung ist das Interessante am 'Werk für Streichorchester'. Schon der Beginn des ersten Satzes lässt den Hörer harmonisch und formal im Unklaren. Ist dies ein Allegro? Ein Andante? Gibt es eine Anknüpfung an eine tradierte Form? Die ersten Minuten sind von Klangflächen bestimmt, deren einzige Unterbrechungen schnellere Passagen in den tieferen Streichern sind.

Doch eines ahnt der Hörer bereits: Dass die Interpretation des Werkes auf hohem Niveau erfolgen wird. Das langsame Aufbäumen der Musik und das Auskosten der Harmonien und deren Wechsel werden von der Deutschen Kammerakademie Neuss in perfekter streicherischer Qualität ausgeführt. Als Kontrast zögern die tieferen Streichinstrumente nicht, störend mit ihren Einwürfen in diese soliden Klangflächen zu poltern. Angenehm ist auch, dass sämtliche Klangflächen ohne Vibrato gespielt sind. Das Ensemble lässt die Klänge einfach im Raum stehen, wie sie sind. In den solistischen Passagen des ersten Satzes wird dem Hörer auch noch einmal das besondere künstlerische Können der einzelnen Musiker deutlich. Die Kammerakademie scheint mühelos mit wenigen Instrumenten einen volltönenden Klang entwickeln zu können.

Auch den zweiten Satz bestimmen viele Klangflächen. Hier ist viel solistischer Einsatz gefragt, der den Satz sehr intim wirken lässt. Das Ensemble kreiert hier eine besonders zarte, sinnliche Atmosphäre, die vor allem durch besonders gute Intonation ungestört bleibt. Der dritte Satz ist eindeutig als 'Allegro grazioso' zu verstehen. Kaminskis scherzhafte Elemente, wie hohe Violentöne gepaart mit Pizzicato-Achteln in den Violinen, werden von der Kammerakademie in spielerischer Leichtigkeit und exaktem Zusammenspiel ausgeführt. Der Dreivierteltakt ist die Grundlage für den tänzerischen Charakter, den die Kammerakademie in diesem Satz auf lebhafte Weise entfacht. Besonders wirkungsvoll sind auch solistische Passagen im Violoncello, die, hervorragend dezent, von den Violinen begleitet werden.

Im vierten Satz, einer Fuge, geht es noch einmal hoch her: In lautestem Fortissimo stürmen die Violinen in den Satz und schwingen sich in höchste Höhen. Der Satz erfährt jedoch in solistischen Passagen wieder Beruhigung. Der Übergang dahin und wieder zurück in das schnellere Tempo gelingt dem Ensemble schlüssig und fließend. Auch sonstige agogische Veränderungen, die Kaminski in diesem Satz einsetzt, um verschiedene musikalische Stimmungen zu erzeugen, sind von der Kammerakademie einheitlich und in genauer Abstimmung umgesetzt.

Die CD bietet die Gelegenheit, neueres und unbekannteres musikalisches Terrain auf hohem Niveau kennenzulernen. Möglicherweise wird sogar der Hörer, der von Kaminskis 'Werk' nicht zu überzeugen ist, spätestens durch seine Interpretation von der Deutschen Kammerakademie Neuss zum Weiterhören animiert. Spannend ist auch das Booklet. Es bietet nicht nur generelle Informationen zum Ensemble und seinem Dirigenten, sondern reflektiert Gedanken, die hinter dem Werk Kaminskis stehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kaminski, Heinrich: Werk für Streichorchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.03.2012
Medium:
EAN:

CD
761203757824


Cover vergössern

Kaminski, Heinrich
 - Werk für Streichorchester - Adagio - Allegro - Andante
 - Werk für Streichorchester - Andante
 - Werk für Streichorchester - Allegro grazioso
 - Werk für Streichorchester - Fuga


Cover vergössern

Dirigent(en):Skou-Larsen, Lavard
Orchester/Ensemble:Deutsche Kammerakademie Neuss


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Runde Sache: Ob man Telemann im Ensemble inspirierter, zutreffender, kundiger spielen kann? Zweifel scheinen angebracht. Unabhängig davon: Ein großes, lebendiges Telemann-Denkmal ist mit dieser Reihe geschaffen worden. Sehr verdienstvoll. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Beethoven-Randrepertoire: Diese CD gehört zu den ungewöhnlichen und lohnenden Neuerscheinungen des Beethoven-Jahres. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Zwischen klassischem Klavierkonzert und Filmwalzer: Der Pianist Oliver Triendl und der Dirigent Ernst Theis werben auf einer schönen CD für die klassische Seite des Operettenkomponisten Oscar Straus. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Katharina Fleischer:

  • Zur Kritik... Barenboim als Beethoven-Interpret: Eine DVD-Reihe zeigt Daniel Barenboims Interpretation der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens aus den Jahren 1983/84. Weiter...
    (Katharina Fleischer, )
  • Zur Kritik... Vergleichsmomente: Eine DVD-Reihe widmet sich Daniel Barenboims Interpretationen der Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven aus den Jahren 1983/84. Das lädt zum Vergleich mit seinen jüngeren Beethoven-Deutungen ein. Weiter...
    (Katharina Fleischer, )
  • Zur Kritik... Gratwanderung: Sängerisch wertvoll: Die Aufnahme von Mendelssohns 'Paulus' unter Helmuth Rilling überzeugt durch akkurate Textdeklamation. Leider zieht der orchestrale Unterbau nicht ganz so gut mit. Weiter...
    (Katharina Fleischer, )
blättern

Alle Kritiken von Katharina Fleischer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Liebesidylle auf der Alm : Dario Salvi hält mit der CD-Premiere der Oper 'Jery und Bätely' ein überzeugendes Plädoyer für die vergessene Komponistin Ingeborg von Bronsart. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Nicht immer gefunden: Die Profil-Edition zu Rudolf Firkušný hätte mit noch etwas mehr Mühe zu einer echten Schatztruhe werden können. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach Tiefe: Die Emanzipation der Harfe ist der Finnin Kaija Saariaho in einem Solokonzert eindrucksvoll gelungen. Schwer widerstehen kann man auch ihrem Liederzyklus 'True Fire', in dem der Bariton Gerald Finley über das Ende der Zeit eindrücklich brilliert. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2020) herunterladen (3612 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Leo Fall: Die Rose von Stambul - Introduktion und Lied

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich