> > > Adams, John: Harmonielehre & Short Ride in a Fast Machine
Samstag, 23. Oktober 2021

Adams, John - Harmonielehre & Short Ride in a Fast Machine

John Adams, der Melodiker


Label/Verlag: San Francisco Symphony
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Tilson Thomas legt mit dem San Francisco Symphony Orchestra die bislang dritte Einspielung der 'Harmonielehre' von John Adams vor und überzeugt damit auf ganzer Linie.

Selbst wer John Adams und seiner Musik fern steht, muss zugeben, dass der amerikanische Komponist mit seiner gut 40-minütigen 'Harmonielehre' (1984/85) eines der klanglich faszinierendsten Orchesterstücke der vergangenen Jahrzehnte geschaffen hat – Dokument einer brillanten und sinnenfrohen Beherrschung der orchestralen Farbpalette, wie sie unter zeitgenössischen Komponisten eher selten geworden ist. Mit einer neuen, auf SACD erschienenen Produktion haben der Dirigent Michael Tilson Thomas und das San Francisco Symphony Orchestra beim hauseigenen Label SFS Media die nunmehr dritte Aufnahme des dreisätzigen Werkes vorgelegt. Es lohnt sich, die bisherigen Aufnahmen zum Vergleich heranzuziehen, um die Besonderheiten dieser neuen – in den Jahren 2010 live aufgezeichneten und einen ungemein hohen Präzisionsgrad aufweisenden – Werkwiedergabe festzustellen: Die Erstaufnahme der 'Harmonielehre', drei Tage nach der Uraufführung des Werkes entstanden und noch nicht die späteren Partiturrevisionen enthaltend, hat Edo de Waart gemeinsam mit dem San Francisco Symphony Orchestra aufgenommen (Nonesuch, 1985) und dabei viel Wert auf die Schärfe der Artikulation und die Profilierung der rhythmischen Verläufe gelegt. Die zweite Aufnahme, entstanden mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Simon Rattle (EMI, 1994), war bislang die einzige Einspielung der überarbeiteten Partitur, schöpft aber das Potenzial der Musik nur unzureichend aus und überzeugt auch nicht in Bezug auf Intonation und Zusammenspiel des Orchesters.

Michael Tilson Thomas nun setzt andere Akzente als Edo de Waart, denn er zeigt sich primär an den kantablen Elementen des Werkes interessiert, ohne jedoch die übrigen Schichten zu vernachlässigen: Nach den energiegeladenen Akkordrepetitionen des Beginns nimmt er rasch die Spannung zurück, schöpft aber dennoch aus den einander überlagernden und ineinander verschränkten Repetitionsstrukturen des Orchestergewebes die Impulse zum Weitertragen der Musik. Wie der Dirigent dieses irisierende Gewebe pulsieren lässt und zugleich den nicht abreißenden Fluss der melodischen Phrasen als Vordergrundgeschehen herausarbeitet, zeugt von großer Einsicht in die Musik, zumal Thomas die harmonischen Veränderungen mit leichter Hand kontrolliert, um die Spannungsschraube bei Bedarf anziehen zu können. John Adams wird dem Hörer hier als wahrhaft betörender Melodiker vorgeführt, was sich im langsamen Mittelsatz konsequent fortsetzt. Was der Dirigent dort an melodischem Reichtum in feinsten Farbgebungen und Zeichnungen entfaltet, was er aber auch mit enormer klanglicher und dynamischer Intensität auf dem Höhepunkt des Satzes ins Zitat des berühmten Zehntonakkordes aus dem Adagio von Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie münden lässt, wirkt aufgrund der außerordentlich guten Aufnahmequalität der Produktion wie ein überwältigender Klangsog.

Der letzte Satz überzeugt schließlich nicht nur aufgrund seiner großen Transparenz; indem er auch hier einen weitgehend zarten Tonfall realisiert, formt der Dirigent die harmonischen Bewegungen und die einander durchdringenden rhythmischen Schichten zu einem ständigen Changieren, das zwar eine gewisse Prägnanz aufweist und daher wie ein Vexierbild in immer anderen Gestalten wahrnehmbar ist, das aber dennoch auch hier den melodischen Komponenten untergeordnet bleibt, weshalb auch das Erreichen der brillanten Schlusssteigerung mit ihrem strahlenden Fortissimo-Orchesterklang eine umso stärkere Wirkung erzeugt. An der kurzen Zugabe, dem vorwärtsdrängenden Orchesterstück 'Short Ride in a Fast Machine' (1986), kann man sich als Hörer gleichfalls vergnügen, auch wenn sich die Produktion mit einer Spielzeit von gerade einmal 47 Minuten am Ende doch als recht kurz erweist. Gleichfalls ausbaufähig erscheint das Booklet, denn der Text von James M. Keller steuert kaum etwas zum Verständnis der Werke bei und ergeht sich stattdessen in zusammenhangslos dargebotenen Zitaten von John Adams, ohne den Besonderheiten der Musik überhaupt gerecht zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Adams, John: Harmonielehre & Short Ride in a Fast Machine

Label:
Anzahl Medien:
San Francisco Symphony
1
Medium:
EAN:

SACD
821936005323


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San Francisco Symphony

Das SAN FRANCISCO SYMPHONY Orchestra gab seine ersten Konzerte im Jahre 1911 und hat seitdem bei wachsender Publikumsbegeisterung unter einer Reihe von Dirigenten konzertiert: Henry Hadley, Alfred Hertz, Basil Cameron, Issay Dobrowen, Pierre Monteux, Enrique Jordá, Josef Krips, Seiji Ozawa, Edo de Waart, Herbert Blomstedt (nun zum Ehren-Dirigenten ernannt) und seit 1995 unter Michael Tilson Thomas. In den vergangenen Jahren konnte das San Francisco Symphony Orchestra einige der weltweit bedeutendsten Schallplatten-Preise gewinnen, wie den französichen Grand Prix du Disque, den britischen Gramophone Award und eine Reihe von Grammys für die Aufnahmen von Werken Brahms', Orffs, Prokofievs und Strawinskys. Die erste Aufnahme des Mahler-Zyklus', die 6. Sinfonie, erhielt 2002 den Grammy für die beste Orchesterproduktion des Jahres, die Aufnahme der 3. Sinfonie wurde 2003 mit dem Grammy der Kategorie "bestes klassisches Album" ausgezeichnet. 2006 wurden dem San Francisco Symphony Orchestra anlässlich der Aufnahme der 7. Sinfonie die beiden Grammys für die beste Orchesterproduktion und für das beste klassische Album des Jahres zuerkannt; die Aufnahme von Mahlers Achter wurde 2009 mit drei Grammys für das beste klassische Album, die beste Chorproduktion und das bestausgeführte klassische Album geehrt. 2004 wurde das multimediale Pädagogikprojekt Keeping Score im TV, auf DVD, über den Rundfunkt und die Website keepingscore.org lanciert.

Für das Label RCA Red Seal hat das SFS unter Michael Tilson Thomas auch Berlioz' Symphonie fantastique, zwei Copland-Alben, eine musikalische Auswahl von Charles Ives und eine Gershwin-Sammlung aufgenommen, die das Programm der Eröffnungsgala der Saison 1998 in der Carnegie Hall New York enthält. Die Celebration of Leonard Bernstein, eine Live-Aufnahme der Carnegie Hall-Eröffnungsgala von 2008, wurde bundesweit im Fernsehen ausgestrahlt und ist auf DVD erhältlich.

Das San Francisco Symphony Orchestra ist regelmäßig in den USA, Europa und Asien zu hören und debütierte 1990 mit großem Erfolg bei den Salzburger Festspielen und beim Lucerne Festival. 1980 übersiedelte das Orchester in die neu erbaute Louise M. Davies Symphony Hall. Im selben Jahr wurde zusätzlich das San Francisco Jugendsymphonie-Orchester gegründet. Der San Francisco Symphony Chorus ist auf dem Soundtrack der drei weltbekannten Filme "Amadeus", "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" und "Der Pate III" zu hören. Das San Francisco Symphony Orchestra hat nicht nur im Jahre 1926 als erstes amerikanisches Orchester überhaupt im Radio symphonische Musik aufgeführt, sondern wird auch noch heute überall in den USA gern gehört und leistet durch seine künstlerische Vielfalt einen wesentlichen Beitrag zum amerikanischen Musikleben.


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