> > > Monteverdi, Claudio: L'Incoronatione di Poppea
Sonntag, 20. Oktober 2019

Monteverdi, Claudio - L'Incoronatione di Poppea

Blut und Spiele


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brutal: Monteverdis und Busenellos Oper 'L'incoronazione di Poppea' in einer Inszenierung an der Norwegischen Nationaloper. Den Zuschauer springt die harte Obszönität des Karnevals an.

Begehren und Niedertracht, Gewalt und Erotik sind selten so schonungslos und kühl auf die Opernbühne gelangt wie in Claudio Monteverdis 'L‘incoronazione di Poppea'. Die kommerzielle Oper in Venedig war noch jung, da vertonte der Komponist des 'L‘Orfeo' nach 'Il ritorno d‘Ulisse in patria' das Libretto von Giovanni Francesco Busenello, der als Erster nicht dichterische, sondern geschichtliche Quellen heranzog. Poppea, Liebhaberin des Nero, möchte zur Kaiserin gekrönt werden. Die Sprache funkelt. Der Sphäre des Karnevals, mit welcher die venezianische Oper enge Bande unterhielt, entstammen Maskerade, Obszönität und die Umkehrung der Verhältnisse. Ole Anders Tandberg streicht diese Grundzüge des Librettos in seiner Inszenierung konsequent heraus, die 2010 über die Bühne der zwei Jahre zuvor eröffneten Norwegischen Nationaloper in Oslo ging. Die DVD zeigt einen Mitschnitt.

Schwärze

Die Bühne ist eine gewölbte Platte, in deren Mitte sich am Ende das Blut in einer Pfütze sammeln wird; umgeben von Schwärze, ein Meteor auf einsamer Bahn. Nichts Römisches haftet den Kostümen an. Der Regisseur präsentiert starke Bilder. Die Personenführung ist stimmig, das Spiel des Ensembles prall und vital. Poppeas todernstes Verführungsspiel entfaltet dramatische Wucht. Der Einführungstext im Booklet weist auf die prekäre Überlieferung von Monteverdis 1642/43 uraufgeführter Oper hin, wird aber nicht konkreter. Dirigent Alessandro De Marchi hat die musikalische Einrichtung übernommen. Er schlägt rasche Tempi an. Das Orchester der Nationaloper bringt den Affektreichtum der Partitur energisch zur Geltung. Das Zwischenspiel swingt. Der Klang ist schlank und hell, die Koordination von Sängern und Orchester meistens gut.

La demenza di Nerone

Birgitte Christensen in der Titelrolle ist keine perfekte Besetzung – sie ist schlicht zu alt, auch weist ihr Ton manchmal Eintrübungen auf. In den Duetten mit Nero ist sie aber ganz bei sich. Jacek Laszczkowskis Gesang und Spiel beeindrucken, an der Grenze zur Überzeichnung, mit drastischer Expressivität. Sein Nero ist jähzornig, heimtückisch, irre. Patricia Bardon gestaltet die Kaiserin Ottavia mit nahezu naturalistischer Drastik. Counter Tim Mead ist ein Ottone mit großer Kraft und Sensibilität, Marita Sølbergs Drusilla visuell und vokal eine sinnliche Erscheinung. Emiliano Gonzalez-Toro spielt Arnaltas primitive Eitelkeit burlesk aus. Das Terzett von Senecas Freunden hingegen fällt mit unsauberer Tongebung etwas ab.

Vereisung

Anja Stabell und Stein-Roger Bull machen für ihre filmische Aufbereitung Anleihen beim Thriller. Der Vorspann könnte einer Graphic novel entsprungen sein (im Gegensatz zur exzellenten Produktion der Oper auf Harmonia mundi mit René Jacobs und dem Concerto vocale wird hier der Librettist genannt). Ein Farbfilter sorgt für Vereisung: Grautöne herrschen vor, allein das Rot von Lippen, Rosen und Blut sticht hervor. Die Sphäre der Götter ist markiert durch verschwimmende Konturen und die Projektion von vorüberziehenden Wolken. Oft im Bild ist Amor (Amelie Aldenheim), den ein alberner Teddybär verharmlost, dabei ist es doch der Liebesgott, der das Zerstörungswerk erst in Gang setzt.

Morde

Neben filmischen gibt es szenische Überblendungen: Figuren bleiben auf der Szene, während sie laut Libretto eigentlich schon abgegangen sind, und verfolgen das Geschehen – mit entsetztem Blick. Im Libretto stirbt nur Seneca, durch eigene Hand. Giovanni Battista Parodi gibt den Philosophen mit charismatischem Bass. Er ist eine eindrucksvolle Erscheinung, mit Krücken und einem Hang zum Genuss, der ihm eine zusätzliche Tiefendimension verleiht. Senecas Leiche schändet Neros Freund Lucano (Magnus Staveland), der hier auch sein Liebhaber ist. Dann beginnt das Morden: Nero erschießt Ottone beim Spiel mit der Pistole, direkt nach dessen Liebesduett mit Drusilla; ihr stummes Leid ist kaum auszuhalten. Ottavia ersticht die Dienerin und schließlich sich selbst. Die Diener sterben, man weiß nicht, woran. Blut fließt. Dass die Inszenierung trotzdem nicht in Splatter abgleitet, ist der Glaubwürdigkeit des Spiels, der visuellen Stimmigkeit und natürlich Monteverdis erhabener Musik zu verdanken. Im vergifteten lieto fine liegen Poppea und Nero, da haben sie ihr Glück, in der Pfütze. Das weiße Kleid der neuen Kaiserin verfärbt sich rot.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: L'Incoronatione di Poppea

Label:
Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:
EAN:

DVD
880242589286


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

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Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

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Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

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