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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Schoenberg, Arnold - Gurrelieder

Stokowskis Magie


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Trotz herrlicher vokaler Darbietungen von McCracken und Brouwenstijn ist es der oft umstrittene Dirigent Stokowski, der diesen 'Gurreliedern' den magischen Lebensfunken einhaucht.

Arnold Schönbergs größtes seiner vollendeten Werke dürften wohl die 'Gurrelieder' sein. Seit ihrer umjubelten Uraufführung 1913 in Wien gehören sie zu den populärsten Werken des Komponisten. Dass die 'Gurrelieder' so gar nicht in Richtung Zwölftonmusik tendieren, sondern vielmehr eine spätromantische Urgewalt mit riesigem Orchester, Chor und Gesangssolisten darstellt, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Beim Edinburgh International Festival 1961, also zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten, dürfte das Publikum jedoch noch ziemlich überrascht gewesen sein, welche Art von Schönberg-Musik ihnen im Konzert begegnete. Unter der Leitung des damals schon 79 Jahre alten Dirigenten Leopold Stokowski kamen die 'Gurrelieder' zur Aufführung und markierten bezeichnenderweise die Eröffnung des damaligen Festivals.

Leopold Stokowski hatte zu Lebzeiten Schönbergs bereits alle Orchesterwerke des Komponisten zur Aufführung gebracht, darunter auch die Uraufführung des Violin- und Klavierkonzerts, sowie etliche amerikanische Premieren, 1932 auch die 'Gurrelieder' in Philadelphia. Als nun 1961 Stokowski in Edinburgh ans Pult des London Symphony Orchestra trat, hatte man folglich einen renommierten Interpreten Schönberg’scher Musik gewinnen können. Und was der Maestro aus dem gigantisch großen Klangapparat mit Solisten und Chor hervorzauberte, beeindruckt selbst noch heute als Klangkonserve. Der Mitschnitt dieses Eröffnungskonzerts ist beim Label Guild auf zwei CDs erschienen und verfügt sogar noch über einen spannenden Bonustrack, nämlich Schönbergs 'Verklärte Nacht' in einer Studioaufnahme unter der Leitung von Leopold Stokowski aus dem Jahr 1952.

Glamourfaktor und große Solisten

Der Zauber, den Stokowski mit den 'Gurreliedern' beschwört, ist schwierig zu orten. Das London Symphony Orchestra spielt farbenreich mit berückendem Streicherklang, Chor und Solisten geben hörbar ihr Bestes. Nun kann man dem Dirigenten wirklich keinen strukturellen oder entschlackten Zugang zu Schönbergs Oratorium unterstellen, und dennoch scheint das Klangbild – trotz teils schwieriger Tonqualität – erstaunlich durchsichtig zu sein, während an anderer Stelle sich üppiger Klangrausch ungebremst Bahn bricht. Stokowski hat die Fäden nicht fest in der Hand, er inspiriert seine Musiker vielmehr, das ist Teil der Magie des Moments, die auf diesem Mitschnitt fast schon mit Händen zu greifen ist.

Der noch junge James McCracken wirft sich mit Inbrunst in die Partie des Waldemar und beeindruckt mit robustem Metall in seiner Stimme und unbändiger Kraft. Die Niederländerin Gré Brouwenstijn ist eine Tove von großer Innigkeit und Wärme. Ihr Vortrag wirkt an manchen Stellen etwas manieriert, ist aber von ergreifender Schönheit und Kunstfertigkeit. Das Lied der Waldtaube gestaltet die Amerikanerin Nell Rankin mit viel Pathos und großer Stimme. Ihr fehlt es etwas an schlichter Eindringlichkeit, was die ‚Amneris vom Dienst‘ aber mit viel Persönlichkeit und vokalem Glamour ausgleicht. In den kleineren Partien bringen Forbes Robinson als Bauer und der Tenor John Lanigan als Klaus-Narr solide Leistungen, während sich Alvar Lidell als Sprecher redlich um die deutsche Sprache bemüht.

Wer den historischen Mitschnitt der 'Gurrelieder' von 1932 unter Leopold Stokowski kennt, wird sich freuen, nun eine klanglich bessere Variante greifbar zu haben. Denn trotz herrlicher vokaler Darbietungen von McCracken und Brouwenstijn, ist es doch der oft umstrittene Dirigent Stokowski, der diesen 'Gurreliedern' den magischen Lebensfunken einhaucht.

Interpretation:
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    Schoenberg, Arnold: Gurrelieder

Label:
Anzahl Medien:
Guild
2
Medium:
EAN:

CD
795754238921


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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