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Freitag, 14. August 2020

Deserno, Katharina spielt - Hommage à Clara Schumann

Kinder, Küche, Kammermusik, Karriere?


Label/Verlag: Kaleidos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit größter Souveränität und Gestaltungskraft präsentieren die Cellistin Katharina Deserno und der Pianist Nenad Lečić eine kleine Auswahl an kammermusikalischen Werken – und rütteln damit am Kanon.

Eine Einspielung unter dem Titel ‚Hommage à Clara Schumann. Komponistinnen im Spiegel der Zeit‘ gibt dem Programm eine bestimmte Richtung. Es trägt einen Beigeschmack vom hitzigen Diskurs über die Geschlechterdifferenz seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Biologisch begründete Schwadronaden über ein angeblich fehlendes ‚productives Genie‘ (Hans von Bülow) oder konservative Wunschvorstellungen vom ‚ewig Weiblichen im Reiche der Töne‘ (Otto Gumprecht) zementierten ein zugleich verklärtes und kompromittierendes Frauenbild und damit die ‚Schwierigkeiten, welche einer Dame auf dem Gebiet der musikalischen Komposition entgegenstehen‘ (Luise Adolpha Le Beau).

Im Mittelpunkt der Produktion steht Clara Schumann (1819-1896), die sich zu Lebzeiten besonders als Interpretin und Virtuosin profilierte und mit den beiden ebenfalls gelisteten Komponistinnen Fanny Hensel und Luise Adolpha Le Beau bekannt gewesen war. Mit den drei Romanzen op. 22, die sie dem Geiger Joseph Joachim widmete, würdigen die Interpreten Katharina Deserno und Nenad Lečić ihr kompositorisches Talent. Deserno zeichnet dabei für das Arrangement verantwortlich, ebenso für den hintergründigen Booklettext. Die Interpreten setzen auf eine kraftvolle, mitunter dramatische Umsetzung und überzeugen mit Spielfreude, artikulatorischem Nuancenreichtum und filigraner Ausgestaltung der Phrasen. Qualitäten, die besonders gut auch in der hochromantischen Sonate op. 17 von Luise Adolpha Le Beau (1850-1927), und dem 'Epilogue' der englischen Bratschistin und Komponistin Rebecca Clarke (1886-1979) zur Geltung kommen.

Umso wirkungsvoller bricht in diese überwiegend sentimental-elegische Grundstimmung die hier ersteingespielte 'Hommage à Clara Schumann' für Cello solo von Oxana Omelchuk (*1975) ein. Ein Stück, das nicht nur stilistisch und besetzungstechnisch eine Sonderstellung bezieht, sondern auch titelgebend für die Produktion ist. Die geborene Weißrussin wandelt ihre Reverenz an die Romantikerin in die zeitgenössische Tonsprache, bespiegelt mit ungewöhnlichen spieltechnischen Anforderungen die herausragende Künstlerinnenbiographie. Aus zerbrechlichen Flageoletts und Ponticello-Klängen, aus geräuschhaftem, expressivem Spiel, aus getupften, trivialen Anklängen an eines ihrer Klavierstücke ersteigt Clara Schumanns Schemen; ein stark verfremdetes und mitunter kritisches Porträt der musikalischen Pionierin. Auch eine theatrale Dimension gewinnt das Stück hinzu, wenn Deserno synchron zum Cellospiel Textfragmente aus Briefen rezitiert und den Hörer näher noch an die Person Clara Schumann heranrückt.

Und somit fordert die Produktion bei all der klanglichen Eleganz des warmen, sehnigen Cellotons und der kantablen, höchst sinnlichen Themen auch eine etwas ungemütliche Rezeptionshaltung ein: Denn wie bewertet man die hier eingespielten Werke angesichts einer Musikgeschichte, in der Frauen wenig sichtbar sind? Werden Überlegenheitskonzepte und stereotypisierte Fehlrepräsentationen nicht erst dann aufgebrochen und korrigiert, wenn die ‚emancipierte‘ Frau selbstverständlich neben ihren männlichen Zeitgenossen steht? Oder sind komparatistische Haltungen wenig sinnvoll, mussten die Komponistinnen doch zeitlebens Rezensionen ertragen, die ihrem Werk den Charakter männlichen Selbstverständnisses verwehrten? Programmatisch für diese Produktion ist Omelchuks Hommage vielleicht auch gerade deshalb, ist sie in ihrem reflexiven Zugriff auch ein Fingerzeig auf die Komplexität des Themas. Denn es muss ein prekärer Balanceakt gewesen sein, den Clara Schumanns Schwestern zu leisten hatten, zwischen den Zwängen der Konvention und ihrem künstlerischen Freigeist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Jasemin Khaleli Kritik von Jasemin Khaleli,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Deserno, Katharina spielt: Hommage à Clara Schumann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kaleidos
1
19.03.2012
Medium:
EAN:

CD
4260164631724


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Bonner Generalanzeiger: "[...] Die beiden jungen Musiker [...] nehmen die drei "Romanzen", die Clara Schumann als ihr Opus 22 eigentlich für Violine schrieb, zum Anlass einer spannenden Tour d'horizon durch die abwechslungsreiche Landschaft "weiblicher" Musik für Violoncello und Klavier, und das auf musikalisch wie spieltechnisch exquisitem Niveau. [...] Im übrigen erfreuen die hier versammelten Stücke das Ohr mit einer romantisch gefärbten Klangwelt wie zum Beispiel der wertvollen, entfernt an Mendelssohn erinnernden Sonate von Le Beau; nachdenklicher gibt sich der das Programm abschließende "Epilogue" der als Bratschistin wirkenden Rebecca Clarke; wenn man es nicht schon zuvor bemerkt haben sollte, so macht dieses Stück überdeutlich, das komponierende Frauen ihren männlichen Kollegen weder im Handwerklichen noch in Bezug auf Ausdruckstiefe nachstanden und -stehen. Im übrigen erfreut das Musiker-Duo durch sein klangschönes und perfektes Zusammenspiel, das durch eine sehr gute Aufnahmetechnik unterstützt wird. Nicht zuletzt bietet auch das geschmackvoll gestaltete Beiheft mit ausführlichen Werkkommentaren wertvolle Hilfe beim Kennenlernen all dieser Raritäten."

Das Orchester: ""[...] Katharina Desernos voller, sehniger Celloklang, ihr breites Spektrum klanglicher Valeurs von flüsternden Flageoletts bis zur Fortissimo-Attacke, die perfekte Balance und das feine Zusammenspiel des Duos, all dies bereitet ungetrübtes Hörvergnügen. [...]""

neue musikzeitung: "(nmz) - Warm und intensiv entfaltet sich der Celloton Katharina Desernos gleich zu Beginn der ersten Romanze op. 22 von Clara Schumann. Kongenial begleitet wird sie von Nenad Lečić am Klavier, der die Sensibilität der Tongestaltung und Ausbreitung der Phasen aufgreift und stützt. [...] All dies vollzieht sich in der spannenden Intensität des Spiels beider Interpreten. Der Celloton Katharina Desernos fasziniert und man wünscht sich beim Hören, sie im Konzert erleben zu können, der Klavierpart Nenad Lečić gestaltet mit, verliert nicht seine Eigenständigkeit. Es entsteht eine musikantische, musikalische und faszinierende Interpretation der Kompositionen. [...]"

Viva Voce: ""[...] Dem musikalischen Können der beiden Wahl-Kölner, beiden für sich wie auch im gemeinsamen Interagieren, geschmackvollem Phrasieren, kann man nur das höchste Lob aussprechen. Der wandlungsfähige, betörende Ton Desernos, in allen Ausdruckspaletten von wohlig warm bis sehnig stets sicher geführt, wurde zudem vom Aufnahmeteam vorbildlich eingefangen und auf CD gebannt. Wer sich durch diese Platte durchgehört hat, der dürfte schon wegen des Schmelzes des Celloklangs und der schönen Zusammenstellung der Kompositionen, "Glückes genug" genossen haben. [...]"

Westfälische Nachrichten: "Es dauert wirklich keine zehn Sekunden, und man ist völlig verliebt in den Klang, den Katharina Deserno ihrem Cello entlockt. Mit Clara Schumanns "Romanzen" beginnt ihre CD ? und mit ihnen das Abtauchen in eine faszinierende Welt voller Poesie, voller Geheimnisse, voller Entdeckungen. Wie in Schumanns "Romanzen" entwickelt Deserno auch in Luise Adolpha Le Beaus Sonate op.17 eine emotional dichte Atmosphäre, zeigt sich wie ihr Klavierpartner Nenad Lecic als extrem expressiv gestaltende Malerin mit einer unglaublich reichen Palette an Farben. [...] Großartige Werke allererster Qualität. Und wenn dann noch so sensationell gut musiziert wird wie hier, ist das Glück absolut perfekt. [...] Klanglich ist diese Produktion eine echte Offenbarung, genauso das eingespielte Repertoire. Schön, dass auch die Aufnahmetechnik nicht die geringsten Wünsche offen lässt!"


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Kaleidos

KALEIDOS MUSIKEDITIONEN wurde im Jahr 2007 von dem Tonmeister und Musikproduzenten Jens F. Meier als Teil der Firma Kaleidos media & arts gegründet. Grundidee war von Beginn an, ausgesuchte, konzeptionelle Programme mit hohem Repertoirewert zu produzieren und so das Werk der Musikautoren selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Veröffentlicht werden Programme aus den Bereichen klassische Musik, Neue Musik und Weltmusik sowie eine eigene Edition mit „Klassik für Kinder“. Das Konzept des Labels beinhaltet die konsequente Einordnung der Veröffentlichungen in verschiedenen » Editionen, die Musikstil, Repertoire und Künstler dezidiert repräsentieren.

KALEIDOS ist ein unabhängiges Musiklabel, das sich ausschließlich jeder einzelnen Musikproduktion (Inhalt und Künstlern) verpflichtet fühlt. Dieses jeweilige individuelle Projekt zu einem guten Produkt zu machen, ist Aufgabe und Ziel des Produzenten. Dabei ist eine enge Verbindung zwischen den einzelnen Bereichen Planung, Musikproduktion, Redaktion, Grafikdesign, Marketing, Vertrieb auf der einen Seite und den ausführenden Künstlern auf der anderen Seite notwendig und sinnvoll, damit ein Tonträger authentisch und ansprechend wird.

Im gesamten Prozess einer Musikproduktion versteht sich KALEIDOS als Partner der Interpreten, deren künstlerische Aussage die zentrale Botschaft einer Aufnahme darstellt. Neben der künstlerischen Leistung der Musiker wird großer Wert auf technisch einwandfreie sowie akustisch hochwertige Aufnahmen gelegt. Ermöglicht wird dies durch die Zusammenarbeit mit musikalisch ausgebildeten Tonmeistern, die den Künstler optimal in der Umsetzung seiner Interpretation unterstützen und für ein klanglich optimales Ergebnis sorgen.

Der technische und ästhetische Qualitätsanspruch zeigt sich ebenfalls in der Umsetzung redaktioneller und gestalterischer Elemente: Begleittexte (Liner Notes), Textlayout und Design von Tonträgerverpackungen und Booklets sollen einen sinnvollen Zusammenhang zur inhaltlichen Aussage der Musik darstellen und den Hörer umfassend und unterhaltend informieren.


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