> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 5
Donnerstag, 20. Februar 2020

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 5

Verbindung zweier Welten


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Manfred Honecks Einspielung von Mahlers Fünfter Sinfonie ist ein nicht so herausragender Wurf wie die Erste, kann aber durch die stringente Umsetzung des interpretatorischen Konzepts für sich einnehmen.

Manfred Honecks vor wenigen Jahren begonnener Mahler-Zyklus startete gleich mit einer fulminanten Einspielung der Ersten Sinfonie. Seitdem hat Honeck mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra weitere Folgen vorgelegt, mittlerweile auch die Fünfte Sinfonie, die – wie auch bereits erschienenen Ausgaben – vom audiophilen Label Exton als reine Stereo-SACD produziert wurde. Auch diesmal zeigt sich, dass sich die Gewichte in der US-amerikanischen Orchesterlandschaft deutlich verschoben haben. Anders als die ehemaligen ‚Big Five‘ sind es Klangkörper wie das Pittsburgh Symphony Orchestra, die vor allem auf dem Tonträgermarkt nicht nur präsent, sondern mit herausragenden Einspielungen vertreten sind.

Wie Manfred Honeck in einem kleinen Beitrag im Booklet betont, geht es ihm darum, den wienerischen Tonfall von Mahlers Musik deutlich zu machen. Was er mit diesem interpretatorischen Konzept erreicht, ist nichts weniger als eine Verbindung zweier Welten: amerikanische Höchstpräzision im Orchesterspiel und wienerischer Tonfall, den Honeck als ehemaliger Bratscher der Wiener Philharmoniker freilich auf geschmackvolle Weise einzubringen versteht, vor allem geschmeidige Rhythmik der Walzer-Bewegung und schmiegsame Phrasierung betreffend. Das erste Trio des ausladenden und an unterschiedlichen Charakteren so reichhaltigen Scherzo-Satzes erklingt in der Tat mit wienerisch anmutendem, schwebendem Rubato.

Offensichtlich hat Honeck mit dem optimal disponierten Orchester aus Pittsburgh intensiv geprobt; das zeigt sich in der auffallenden Detailfülle. Sie tritt insbesondere in den kontrapunktischen Passagen markant hervor, die für Mahlers Fünfte charakteristisch sind; der Orchestersatz ist von einer so komplexen Vielstimmigkeit wie keine von Mahlers Sinfonien bis dahin. Die Mehrstimmigkeit wird nicht nur äußerst sinnfällig aufgefächert, sondern durch zarte Betonungen und dynamische Feinzeichnung der Einzelstimmen entsteht ein lebendig wogendes Umschlingen der Stimmen – von Routine oder Geradlinigkeit keine Spur. Honecks Verständnis des expressiven Gehalts in Mahlers Sinfonien zeigt sich zudem in einem geradezu gestischen Zugriff: Den Trompetenfanfaren des ersten Satzes verleiht der Dirigent einen gleichsam gehetzt-atemlosen Charakter, und auch an mehreren anderen Stellen gewinnt man den Eindruck, es gehe Honeck vor allem um den musikalischen Ausdruck, der sich hinter den Motiven und ihren kontrapunktischen Verstrickungen verbirgt.

Diese Reichhaltigkeit an Details wird durch relativ langsame Tempi unterstützt, die allerdings nie Gefahr laufen, den Fluss ins Stocken zu bringen, auch nicht im Scherzo, das hier bemerkenswert bedächtig im Tempo genommen wird. Nur das berühmt-berüchtigte 'Adagietto', das Honeck seinem Bookletbeitrag zufolge ebenso flüssig wie zart und leise musizieren wollte, gerät entgegen dem Vorsatz zum – allerdings mit weichem Streicherklang sehr schön musizierten –Sehnsuchts-Adagio. Die Sorgfalt, mit der Details interpretatorisch modelliert werden, führt allerdings dazu, dass gerade in den ersten beiden Sätzen die Spannung übergeordneter Zusammenhänge, die von älteren Dirigenten (mit weniger Detailfreude) erfasst wurden, stärker hätte ausfallen können. Auch in der musikalischen Charakterisierung bleibt Manfred Honeck stets geschmackvoll; er meidet das Grelle, Bizarre, Hässliche. Im Gegensatz zu den expressionistischen Klangfetzen, die Tennstedt oder Mitropoulos in Mahlers Musik fanden, bleibt etwa das höhnische Gackern der Holzbläser im zweiten Satz hier im Bereich des Kunst-Schönen: Überzeichnung ist Honecks Sache nicht.

Dass die Produktion durch ihre Geschlossenheit einnehmen kann, liegt nicht zuletzt an der superben Klangtechnik. Honecks Ansatz, die Mehrstimmigkeit möglichst plastisch zu vermitteln, kommt eine Klanggestaltung entgegen, die das gesamte Klangpanorama in exakter räumlicher Staffelung und größter dynamischer Bandbreite wiedergibt. Man würde nicht merken, dass es sich um Konzertmitschnitte handelt, wenn es nicht im Booklet angegeben wäre; vom Publikum in der Pittsburgher Heinz Hall ist nichts zu hören. Die exquisite Klangtechnik bringt es mit sich, dass sich der Klang des überwältigenden Solotrompeters in seiner kaum nur als glänzend zu bezeichnenden, eher gleißenden Pracht zeigt und der außerordentlich stark fokussierte, durchdringende Ton des Solohorns sich neben den vielen Farbschattierungen des übrigen Blechs sowie der tadellosen Holzbläser in größter Klarheit zeigt – doch führt die offensichtlich detailgetreue Abbildung der Lautstärkeverhältnisse auch dazu, dass die Streicher in Fortissimo-Passagen von der Kraft des Blechs fast zugedeckt werden. Doch ist dies angesichts der schieren Wucht des Musizierens und der temperamentvollen Nachzeichnung der unterschiedlichen expressiven Werte ein marginaler Kritikpunkt.

Neben Jonathan Nott und Jukka-Pekka Saraste darf Manfred Honeck als weiterer bedeutender Mahler-Dirigent der mittleren Generation gelten. Seinen Rang unterstreicht diese klanglich brillante und interpretatorisch konsistente Einspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
04.11.2013
Medium:
EAN:

SACD
4526977004606


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Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


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