> > > Monteverdi, Claudio: Missa in illo Tempore
Samstag, 25. September 2021

Monteverdi, Claudio - Missa in illo Tempore

Rundum emphehlenswert


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Monteverdis 'Missa in illo tempore' wird hier schlüssig kombiniert, vor allem aber wird sie vom Ensemble Odhecaton mit äußerstem Feinsinn in der Klanggestaltung musiziert. Eine rundum tolle Aufnahme!

Das Jahr 1610 sollte für Claudio Monteverdi ein äußerst fruchtbares werden: Er komponierte eins seiner berühmtesten Werke überhaupt, die 'Marienvesper', die er Papst Paul V. überreichen durfte. Doch Monteverdi konnte nicht nur die kunstvoll gearbeitete 'Marienvesper' vorzeigen. Sie wurde zusammen mit einer ebenfalls diesem Jahr komponierten 'Missa in illo tempore' übergeben, und beide Werke wurden auch zusammen gedruckt. Bei dieser selten zu hörenden Messvertonung handelt es sich um eine sogenannte Parodiemesse, bei der weltliche Motetten oder Chansons das thematische Material für ein Sakralwerk liefern. Monteverdi bediente sich für seine Messe bei einer Motette von Nicolas Gombert, der er Motive entlehnte.

Gombert entstammt der franko-flämischen Kompositionstradition, der sich Monteverdi in dieser Messvertonung anzunähern versuchet. Das ganze Werk kann als Stilübung in dieser damals schon als leicht veraltet geltenden Satzart verstanden werden, da keine andere Komposition Monteverdis dieser Schreibart verpflichtet ist. Die Messe zeigt die Wandelbarkeit von Monteverdis Kompositionskunst und seine Fähigkeit, auch in anderen Satzarten als dem italienischen Madrigalstil zu brillieren.

Die Messe wurde nun vom exzellenten Vokalensemble Odhecaton unter der Leitung von Paolo da Col neu eingespielt. Aufgenommen am Ort von Monteverdis Schaffen – der wunderschönen Basilica di Santa Barbara in Mantua – wird hier einem Meisterwerk der Renaissancepolyphonie neues Leben eingehaucht. Dank einer guten Programmgestaltung, die neben der Messe auch das Madrigal 'In illo tempore' von Gombert, drei bisher unbekannte und erst vor kurzem wiederentdeckte Marienantiphone Monteverdis sowie drei geistliche Madrigale von Hofkapellmeister Giaches de Wert präsentiert, bekommt der Hörer einen guten Eindruck vom reichen musikalischen Leben in Mantua.

Paolo da Col und seine Sänger versuchen in ihrer Einspielung die Musik an ihrem ursprünglichen Entstehungsort möglichst originalgetreu zu neuem Leben zu erwecken. So spielt die Akustik der Basilika für die Aufnahme eine bedeutende Rolle, wie man am wohldosierten Hall der Stimmen erkennen kann. Wie minutiös man die Architektur der Kirche beachtete zeigt der Booklettext von Tonmeister Jérome Lejeune, der beschreibt, wie man sich um eine klangliche Abbildung der räumlichen Atmosphäre bemüht hat. Entsprechend differenziert und farbig sind die Aufnahmen gelungen, was auch am delikat ausbalancierten Gesang der Odhecaton-Sänger liegt.

Ihre nuancierten Phrasierungen, ihr durchsichtiger Tutti-Klang sowie ihre kultivierte, glasklare Stimmführung machen die Einspielung der Messe zu etwas ganz Besonderem. Die komplexe Struktur der polyphon verwebten Stimmen strahlt große Leichtigkeit und Eleganz aus. Alles ist gut durchhörbar und klar gegliedert. Das begleitende Basso continuo spielt zurückhaltend, so dass die Stimmen immer im Vordergrund stehen. Das feinsinnige Spiel belebt die Klangtextur sanft und fügt ihr warme, dunkle Schattierungen hinzu. Auch die beiden Vertonungen der Marienantiphon 'Salve Regina' strahlen eine große innere Ruhe und Kraft aus. Das Osterantiphon 'Regina Coeli' wirkt feierlich getragen. Die CD ist ein wahres Kleinod sakraler Vokalpolyphonie, zeigt sie doch exemplarisch die ganze meditative Schönheit dieser Musik in lebendigen Farben. Sie ist eine der großen Entdeckungen dieses Jahres und stellt einen Meilenstein in der Monteverdi-Diskographie dar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: Missa in illo Tempore

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
01.03.2012
Medium:
EAN:

CD
5400439003224


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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