> > > Praetorius, Michael: Ostermesse
Samstag, 26. September 2020

Praetorius, Michael - Ostermesse

Vielfältige Osterfreude


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Manfred Cordes und sein Ensemble Weser-Renaissance demonstrieren die Qualitäten einiger geistlicher Werke Michael Praetorius' auf einer auch programmatisch sehr interessanten Platte.

Michael Praetorius ist der breiteren Rezeption zweifellos noch nicht in allen Facetten seines Schaffens vertraut. Gewiss: Als auch in der Gegenwart noch vielzitierter Theoretiker und Musikschriftsteller ist er ebenso präsent wie als Schöpfer manch eingängiger Sätze, die im kirchenmusikalischen Alltagsleben ein sicheres, wenn auch bescheidenes Überleben haben. Doch war Praetorius ein produktiver, kreativer, durchaus eigenwilliger Komponist von einigem Format – was zu zeigen noch immer allzu selten unternommen wird, denn ohne all die oft kurzen Beiträge zu gemischten adventlich-weihnachtlichen Platten und ohne die allfälligen Querschnitte aus der Sammlung Terpsichore sähe die diskographische Lage doch deutlich überschaubar aus. Natürlich haben sich gewichtige Interpreten mit Nachdruck für Praetorius verwendet, genannt seien nur Paul McCreesh oder besonders Paul van Nevel. Doch ist es mehr als erfreulich, dass sich der Bremer Manfred Cordes nun mit seinem Ensemble Weser-Renaissance daran gemacht hat, aus den Sammlungen ‚Musae Sionae‘ (1607), ‚Missodia‘ (1611) und ‚Hymnodia‘ (ebenfalls 1611) entlang der Wolfenbütteler Kirchenordnung eine Ostermesse Praetorius’ zu rekonstruieren.

Darin finden sehr verschiedene musikalische Ausprägungen Raum: Einleitend wird großformatiges Musizieren nach italienischem Vorbild demonstriert, mehrchörig in der Anlage, alternierend zwischen repräsentativen Klangballungen und luziden, teils rhythmisch vertrackten Ensembles. Diese feinen Vokalpartien werden von obligatem Instrumentalwerk umwoben, was einigen klangsinnlichen Reiz verströmt und zugleich manch lineare Eigenwilligkeit Praetorius zu Tage fördert. Überhaupt scheint die Tonsprache dieses Komponisten sehr eigenständig, entfaltet sich seine Phantasie in dieser anspruchsvollen Kunstmusik mit idiomatischem Geschick, das Praetorius zwar auch in seinen einfacheren Sätzen auszeichnet, dem hier, im ambitionierteren Satzgefüge, aber eine nochmals gesteigerte Bedeutung zukommt.

Neben dieser Art von Musik stehen noch lateinischen Messsätze, die überwiegend schlichter gehalten sind und doch affektstarke Passagen kennen sowie herrliche chorale oder variative Formen, die in reicher Verzierungskunst an ältere Vorbilder aus der musikalischen Tradition Mitteldeutschlands anknüpfen. Dazu authentifiziert und ordnet die Rekonstruktion der Wolfenbütteler Gottesdienstform die Musik Praetorius’, verknüpft sie mit ihrem ursprünglichen Zweck. Das überzeugt und verlebendigt Historisches, wohl auch durch die deutschen Texte der gesungenen Gebete.

Souverän und kundig umgesetzt

Manfred Cordes verfügt mit seinem versierten Ensemble Weser-Renaissance über beachtliche Ressourcen. Vokal sind in dieser Einspielung die Soprane Andrea Lauren Brown und Margaret Hunter, der Altus Alex Potter, die Tenöre Mirko Ludwig, Bernd Oliver Fröhlich und Nils Giebelshausen sowie der Bass Dominik Wörner verantwortlich. Sie erweisen sich sämtlich als stilerprobte Akteure, die sich souverän auf jenem schmalen Grat von solistischer Präsenz und Ensembleinteraktion bewegen, der in dieser Musik im Mittelpunkt steht. Die Vokalisten zeigen sich mit schlanken Stimmen einem konzentrierten Klangideal verpflichtet, bei aller geforderten Beweglichkeit auch dezent agierend. Das auf diese Weise geformte Ensemble nimmt mit einer schönen Balance von oft schlichtem Affekt und nötiger Kunstfertigkeit für sich ein.

Die Instrumente agieren passgenau – mit viel feinem Klangsinn, einiger Virtuosität in ausgeprägter Beweglichkeit. Der farbige Basso continuo liefert dazu etliche perkussive Impulse, immer wieder interagieren so homogene wie expressive instrumentale Kleingruppen vorzüglich, etwa die Posaunen mit dem behänden Zink. Die variabel gewählten Tempi tragen den durchaus klaren Satzcharakteren Rechnung, gelegentlich mit klaren Akzenten, immer aber ohne Hektik. Dynamisch ist die Szene einerseits durch die intensive Gestaltung feiner Differenzen gekennzeichnet, bringen vor allem die strukturellen Momente manifester Mehrchörigkeit auch stärkere Kontraste ein.

Klanglich wird ein sehr schönes Abbild der gesamten Formation geliefert: Trennscharf gefasst und doch zu einem harmonischen Ganzen verbunden, strahlt es eine gewisse Luzidität und Leichtigkeit aus. Allenfalls der Vokalbass wirkt in diesem Ansatz etwas reduziert – was angesichts seines stimmlichen Vermögens kaum an Dominik Wörner gelegen haben kann. Das Booklet informiert in drei Sprachen umfassend zur Musik wie zu deren theologischen und politischen Hintergründen.

Und so ist es wie oft bei Produktionen von Manfred Cordes: Das Programm ist konzeptionell und interpretatorisch durchdacht, wird zugleich auch als klangsinnliches Erlebnis erfahrbar. Cordes’ konsequente Repertoiresuche und sein sicheres Gespür für schlüssige Programmideen zeigen uns Praetorius in einigen durchaus weniger präsenten Aspekten. Zugleich wird deutlich, warum diese Musik aus der breiteren Rezeption und Aufführungspraxis weitgehend verschwunden ist: Es gibt etliche attraktive, in der Qualität der Sätze wie ästhetisch hochinteressante Alternativen – man denke stellvertretend an die nur wenig jüngeren Schütz, Schein oder Scheidt – und Praetorius’ Musik ist zur gleichen Zeit interpretatorisch enorm ambitioniert. Dieser Herausforderung zeigt sich Weser-Renaissance jedenfalls deutlich gewachsen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Praetorius, Michael: Ostermesse

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.02.2012
Medium:
EAN:

CD
0761203995325


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Praetorius, Michael
 - Ostermesse - Introitus: Venite exultemus Domino à 9
 - Ostermesse - Kyrie
 - Ostermesse - Gloria
 - Ostermesse - Gruß, Kollekte, Epistel
 - Ostermesse - Sequenz
 - Ostermesse - Evangelium
 - Ostermesse - Credo
 - Ostermesse - Choral
 - Ostermesse - Hymnus
 - Ostermesse - Praefatio
 - Ostermesse - Sanctus, Benedictus
 - Ostermesse - Vater unser, Einsetzungsworte
 - Ostermesse - Agnus Dei
 - Ostermesse - Sub communione
 - Ostermesse - Kollekte, Segen
 - Ostermesse - Postludium


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Dirigent(en):Cordes, Manfred


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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