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Samstag, 21. Mai 2022

Rihm, Wolfgang - Orgelwerke

Schlichter, intimer Zugriff


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Organist Dominik Susteck hat Wolfgang Rihms Orgelwerke eingespielt und überzeugt durch ebenso facettenreiche wie spannende Wiedergabe.

Der 60. Geburtstag von Wolfgang Rihm bringt es mit sich, dass so manche bislang wenig beachtete Komposition oder Werkgruppe den Weg ans Licht der Öffentlichkeit findet. So haben beispielsweise Rihms Orgelwerke, eine relativ kleine Gruppe von zumeist frühen Kompositionen, von denen einige aus der Jugendzeit stammen, bislang eher ein Nischendasein geführt. Insofern ist die vorliegende, bei Wergo veröffentlichte Einspielung durch den Organisten Dominik Susteck ein Glücksfall, denn sie verdeutlicht, welches Potenzial in den entsprechenden Werken steckt und auf welche Weise sie zum Verständnis der kompositorischen Entwicklung Rihms beitragen können. Dass dies zudem mit einem exzellenten Booklettext von Ingo Dorfmüller einhergeht, macht die CD noch empfehlenswerter.

Was die hier eingefangenen Aufnahmen durchweg überzeugend macht, ist Sustecks zumeist schlichter, stellenweise gar intimer Zugriff auf die einzelnen Kompositionen. Er führt dazu, dass man die Werke wahr- und ernstnimmt als das, was sie tatsächlich sind: als Versuche eines jungen Komponisten, auf einem Instrument all jene Farbwerte zu realisieren, für die er eigentlich eines Orchesters bedurft hätte. Susteck setzt dieses Moment der Suche sehr gekonnt in individuelle Klanggestalten um, indem er die vielfältigen und teils außergewöhnlichen Registriermöglichkeiten der Orgel der Kunst-Station Sankt Peter Köln – ihre besondere Disposition ist lobenswerter Weise im Booklet genauestens dokumentiert – ebenso wie die damit verbundenen Optionen zur Verräumlichung des Klanggeschehens weidlich ausnutzt.

Die Ergebnisse sind, auch dank der hervorragenden Aufnahmetechnik, faszinierend: So erklingt 'Bann, Nachtschwärmerei' (1980), das jüngste der hier eingespielten Stücke, das zugleich eine ironische Distanz zu den früheren Werken aufbaut, in einer weitgehend zurückhaltenden, von gedeckten Farbwerten bestimmten Wiedergabe, die es dem Organisten erlaubt, die wenigen eruptiven Momente der Musik umso stärker hervortreten zu lassen. Gerade hier schafft Susteck ein deutlich wahrnehmbares Spannungsverhältnis zwischen Klang und umgebendem architektonischem Raum, so dass durch seinen Vortrag hindurch der Kirchenraum erlebbar wird. Auch in der frühen 'Fantasie für Orgel' (1968), einem ruhigen und suggestiven Werk des 16jährigen Rihm, setzt der Organist auf eine zurückhaltende, aber dennoch kontrastreiche Zeichnung der Texturen und verleiht den Klängen dadurch eine plastische Wirkung.

Sehr deutlich zeigen sich die noch früher entstandenen 'Drei Fantasien' (1967) und die 'Sinfoniae I – Messe für Orgel' (1971) von den Vorbildern der französischen Orgelsinfonik und Orgelmessen beeinflusst, erinnern hier und da sogar dezidiert an die Musik von Louis Vierne oder Charles-Marie Widor. Susteck arbeitet in beiden Fällen sehr geschickt mit den Klangfarben des Instruments, bleibt etwa in der ersten der 'Fantasien' weitgehend zart – eine interpretatorische Haltung, die er auch in der 'Contemplatio' (1967) einnimmt – und weist jedem einzelnen Stück einen ganz individuellen Charakter zu. Mit der Komposition 'Siebengestalt' für Orgel und Tamtam (1974) überschreitet Susteck schließlich den reinen Orgelklang, indem er unter Mitwirkung von Jens Brülls in den Rahmenteilen in gleichsam ritueller Manier Orgelakkorde und Tamtamschläge einander abwechseln lässt und im mittleren Abschnitt die Musik zu Phasen der Verdichtung bringt. Damit setzt der Organist den Schlusspunkt unter eine rundum gelungene Veröffentlichung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rihm, Wolfgang: Orgelwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
01.03.2012
72:48
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228675122
WER 67512


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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