> > > Korngold, Erich Wolfgang: Quintet op. 15 & Sextet op. 10
Montag, 24. Januar 2022

Korngold, Erich Wolfgang - Quintet op. 15 & Sextet op. 10

Schwelgen auf höchstem Niveau


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach dem Debut mit seinen drei Streichquartetten gelingt dem Doric String Quartet und seinen Mitstreitern auch mit der zweiten CD mit Kammermusikwerken von Korngold eine Referenzaufnahme, die in keiner Sammlung fehlen sollte.

Vor zwei Jahren debütierte das Doric String Quartet mit Erich Wolfgang Korngolds (1897-1957) drei Streichquartetten beim renommierten Label Chandos und legte gleich eine Referenzaufnahme vor. Schon damals kündigte das Quartett auf seiner Website eine Fortsetzung mit dem Klavierquintett op. 15 und dem Streichsextett op. 10 an, die nun endlich erschienen sind. Dazwischen legte das junge britische Ensemble hoch gelobte Einspielungen der Quartette von Walton und Schumann vor. Nun also Korngold zweiter Teil – das Warten hat sich gelohnt!

Längst ist Korngold kein Unbekannter mehr, und es tauchen neben seinem häufig gespielten Violinkonzert auch immer mehr andere Werke, vor allem seine Kammermusik, aus der Versenkung wieder auf. Schon als Kind galt er in Wien als komponierendes Wunderkind und wurde von privaten Mäzenen gefördert. Nachdem er dem aktiven Dienst im Ersten Weltkrieg als Musikdirektor seines Regiments entgehen konnte, schaffte er 1920 mit seiner Oper 'Die tote Stadt' den großen Durchbruch. Aber die Machtergreifung der Nazis in Deutschland bereitete diesem Höhenflug ein jähes Ende; Korngold wanderte nach Kalifornien aus, wo seine spätromantische Musik genau den Nerv der aufstrebenden Filmindustrie traf. So wurde er zum Filmmusikkomponisten und setzte mit seiner sinfonischen Untermalung von knapp 20 Kinofilmen, für die er zwei Oscars gewann, musikstilistische Standards, die bis heute gelten. Leider konnte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg beim Versuch, wieder als ‚ernster‘ Komponist in Europa wahrgenommen zu werden, nicht von dem Makel des kommerziellen Unterhaltungskomponisten lösen. Außerdem hatte hier längst eine musikalische Avantgarde das Ruder übernommen, für die er mit seiner spätromantischen, tonalen Musik als veraltet galt.

Wenn man heute seine Musik, wie das noch vor dem Zweiten Weltkrieg entstandene Streichsextett op. 10 hört, fragt man sich, warum man es nicht öfter in Konzerten zu hören bekommt. Ein Teil der Antwort ist sicherlich, dass es einfach wahnsinnig anspruchsvoll zu spielen ist, was für das Doric String Quartet und seine Mitstreiter aber nicht wirklich ein Problem zu sein scheint. Mit seinem dunklen Klang am Anfang und seiner stark kontrapunktischen Faktur bezieht sich das Stück deutlich auf die beiden Sextette von Brahms, nicht nur wegen einiger motivischer Anklänge im letzten Satz. Der orchestrale Charakter, die spätromantische Harmonik und die Verwendung des Gedichts ‚Nachts‘ von Trebitsch als nicht öffentliche Vorlage für den zweiten Satz (kurz vorher hatte Korngold ein unveröffentlicht gebliebenes Lied zu dem Text verfasst) weisen auf das Sextett 'Verklärte Nacht' von A. Schönberg als weitere Inspirationsquelle hin, mit dem es bis zur antisemitischen Ächtung durch die Nazis oft bei Konzertprogrammen gekoppelt wurde – was für ein anspruchsvolles Programm! Und der dritte Satz erinnert mit seiner verfremdeten Wiener Tanzmusik sehr an die Tanzsätze aus Sinfonien Mahlers, ein kleiner Höhepunkt der CD, bei dem dem Doric String Quartet die große Spielfreude in Form von perfekt abgestimmten, vollkommen spontan wirkenden, agogischen Freiheiten anzuhören ist. Danach schließt ein ausgelassenes Finale, Markenzeichen für Korngolds Kammermusik, das großartige Werk ab, nicht ohne in seinem Verlauf durch die Wiederaufnahme von Themen der ersten drei Sätze dem zyklischen Aufbau des Werkes zu huldigen. Hier, und das ist Kritik auf höchstem Niveau, beginnen die sechs Musiker in einem wahnsinnigen Tempo, halten die Vorschrift ‚so rasch als möglich‘ aber nicht ganz durch und verschenken dadurch eine noch beeindruckendere Wirkung des Satzes.

Man merkt dem nach dem ersten Weltkrieg entstandenen Klavierquintett op. 15 sofort an, dass sich der Stil Korngolds durch die Komposition seiner Oper 'Die tote Stadt', die er direkt vorher vollendete, weiterentwickelt hat. Er hat sich von seinen großen Vorbildern gelöst und schöpft nun souverän alle vorhandenen kompositorischen Mittel aus. Heraus kommt Spätromantik pur, ein Schwanken zwischen Zerrissenheit und Süßlichkeit, wie wir es aus der Musik der 1920er Jahre kennen. Das alles wird eingebettet in eine Struktur und Form, die sich aufgrund ihrer Komplexität dem Hörer nicht mehr automatisch erschließt, was man bei der tollen Komposition Korngolds und dem phantastischen Spiel des Doric String Quartet aber nicht vermisst. Der zweite Satz bringt mit freien Variationen über sein kurz vorher komponiertes Lied 'Mond, so gehst du wieder auf' op.14/3 und weitere Bezüge zu anderen Liedern dieser Serie, erneut eine Verknüpfung mit einem ‚Programm‘. Gleichzeitig versteckte Korngold in diesen Variationen einen geheimen Code, über den er mit seiner Verlobten Luise von Sonnenthal kommunizierte. Der ganze Satz ist ein spätromantsiches Schwelgen der schönsten Art, eine Musik voller Tempoübergänge, die von Doric String Quartet vollkommen schlüssig und natürlich gespielt werden. Den zentralen Ruhepunkt des Satzes nehmen die fünf Musiker so langsam und ohne die Spannung zu verlieren, dass sich beim Hörer ungewollt eine Ruhe einstellt, aus der heraus die folgende Steigerung bis zum virtuosen, orchestralen Höhepunkt um so intensiver herauskommt – einfach grandios! Der dritte und letzte Satz beginnt eigentlich mit einer weiteren Variation des Themas des zweiten Satzes, aus dem sich ein durchsichtiges, fein verschachteltes Rondo entwickelt – wieder eines dieser typischen ausgelassenen Finales Korngolds.

Auch die graphische Gestaltung und der Booklettext befinden sich auf dem für Platten aus dem Hause Chandos üblichen hohen Niveau. Den Kauf dieser CD kann man also nur wärmstens empfehlen, sie ist eine Referenzeinspielung, die so schnell sicher nicht übertroffen werden wird. Wir dürfen gespannt sein, welche Komponisten und Werke sich das junge Ausnahmequartett als nächstes vornimmt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Korngold, Erich Wolfgang: Quintet op. 15 & Sextet op. 10

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
24.02.2012
Medium:
EAN:

CD
095115170724


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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