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Mittwoch, 15. Juli 2020

The Sixteen - The Earth Resounds

Englischer Blick


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine gemischte Platte franko-flämischer Meister: Harry Christophers und The Sixteen widmen sich Josquin Desprez, Antoine Brumel und Orlando di Lasso.

Harry Christophers und sein Vokalensemble The Sixteen werden vielen Sätteln gerecht, das belegt die umfangreiche Diskographie beim hauseigenen Label Coro nachdrücklich. Schwerpunkte sind neben den Klassikern der englischen Vokalpolyphonie, die das Ensemble schon vor Jahrzehnten in mustergültigen Deutungen einspielte, immer wieder markante Programme im Reich des iberischen Renaissance-Repertoires oder auch gewichtige Beiträge zum Werk Georg Friedrich Händels ebenso wie zur neuesten Chormusik.

Weniger im Repertoire verankert sind bisher die Hauptvertreter der franko-flämischen Schule der Vokalpolyphonie, denen sich Christophers und sein Ensemble nun auf der aktuell erschienene Platte ‚The earth resounds’ widmen. Das Programm wird von Motetten Josquin Desprez’ (ca. 1452-1512), Antoine Brumels (ca. 1460-1512) und Orlando di Lassos (1532-1594) getragen. Neben dem groß angelegten 'Praeter rerum seriem' von Josquin sind vor allem die beiden Magnificat-Vertonungen di Lassos gewichtig, dazu zwei Sätze aus Brumels ebenfalls eindrücklicher 'Missa et ecce terraemotus', die dem Ensemble in ihrer Zwölfstimmigkeit reichen Entfaltungsraum bietet. Dieses Programm ist interessant konzipiert, verrät allerdings auch keinen wirklich systematischen Zug.

Josquin wird gleichsam als ‚Grundlagenmeister’ späterer Generationen porträtiert, Ebenmaß und Klangschönheit sind in seinen Sätzen mit jenem individuellen Zug aufgeladen, der den Tonsetzer eine musikhistorisch prägende Gestalt werden ließ. Das zeigen auch die ausgewählten Motetten nachdrücklich, in edler Balance von vertiefter technischer Strukturalität und feinem Klangsinn. Brumels grandiose Messe demonstriert mit ihrer opulenten und doch souverän bewältigten Zwölfstimmigkeit, dass Klangpracht differenziert werden kann ohne an Wirkung zu verlieren. Orlando di Lasso agiert mit seinen dichten, harmonisch gebauten Sätzen hörbar Jahrzehnte später. Er bilanziert das im polyphonen Stil Mögliche ausgewogen und auf höchstem Niveau, schon in Maßen die Quecksilbrigkeit des Madrigals integrierend und damit das affektive Potenzial der kontrapunktischen Setzweise ausdeutend.

Eigenständiger Zugriff

Das Ensemble The Sixteen singt mit 21 Vokalisten in sehr präsenten Stimmgruppen, die klar pointiert und mit einer gewissen Tendenz zu kristalliner Härte ausgebaut sind. Die Randregister sind besonders charakteristisch – die Soprane wirken hell und leicht, durchaus auch scharf, die Bässe überzeugen mit stimmlicher Größe und profunder Schwärze. Dazu treten deutlich zeichnende Mittelstimmen. Intonatorisch bleiben keine Wünsche offen, wobei diese Sphäre deutlich kraftbasierter ist als bei manchem kontinentaleuropäischen Ensemble. Das lässt die Tongebung immer wieder auch riskant wirken, denn Christophers setzt in avancierten Momenten nicht nur auf reinen Schönklang – wobei es scheint, dass dieser Ansatz bei der Interpretation etwa des englischen Renaissance-Repertoires noch besser verfängt. The Sixteen zeigen aber auch, das sie in der Lage sind, sich zum Beispiel di Lassos klangsinnlicher Musik auch mit einem eher schwebenden Ansatz zu nähern in der Lage sind.

Christophers – während der Einspielung einiger Sätze wegen eines maladen Rückens zuverlässig durch den Bassisten Eamonn Dougan vertreten – sichert mit frischen Tempi den Fluss ohne zu forcieren. Neben der notwendigen schwebenden Linearität nutzt der interpretatorische Ansatz kleinere Notenwerte immer wieder zur Etablierung jener für das Ensemble so typischen energischen Gesten, die aus dem dichten Geflecht der Stimmen hervorschnellen.

Klanglich ist das Geschehen von einiger Größe, dazu angenehm räumlich und doch gut kontrolliert. Die für Einspielungen der Formation typische Tendenz zu einer gewissen Härte zeigt sich auch hier, wirkt sich auf die Plastizität des Klangeindrucks aber durchaus positiv aus. Bei Brumels dichten Messsätzen ist das Ergebnis aber in Sachen Klarheit der Staffelung und Transparenz nicht ganz so überzeugend, wie es etwa in der bereits 1990 entstandenen Aufnahme der Messe durch das Huelgas Ensemble noch immer eindrucksvoll nachzuhören ist.

Der Booklettext verfolgt einen originellen Ansatz, indem er die Frage, wie die Kompositionen entstanden sind, in den Mittelpunkt seiner Erörterungen stellt. Natürlich kann es bei den vertretenen Meistern in Ermangelung von Handschriften keinen direkten Blick in die Komponierstube geben, doch ist auch die Beschäftigung mit grundlegenden Techniken, mit der Herkunft musikalischer Vorlagen oder mit typischen Arbeitsprozessen gedanklich ertragreich. All das wird nur in englischer Sprache geboten – vielleicht Ausdruck einer gewissen ‚splendid isolation’, jedenfalls nicht übermäßig kundenorientiert.

Harry Christophers und sein Ensemble nähern sich mit den großen Sätzen di Lassos, Desprez’ und Brumels nicht gerade fremdem, aber doch bisher weniger im Fokus stehendem Repertoire – und sie tun das durchaus sehr überzeugend und eigenständig, mit ihrer Herangehensweise manchen Kontrast zu vertrauter Praxis der Aufführung in diesem Bereich herausarbeitend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    The Sixteen: The Earth Resounds

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
1
24.02.2012
Medium:
EAN:

CD
828021609725


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Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


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