> > > Foerster, Josef Bohuslav: Komplette Klaviertrios Nr. 1-3
Donnerstag, 23. Januar 2020

Foerster, Josef Bohuslav - Komplette Klaviertrios Nr. 1-3

Auf dem Weg in die Moderne?


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Klaviertrios Josef Bohuslav Foersters (1859-1951), gespielt vom Janáček Trio, liefern interessante Einblicke in die tschechische Kammermusik in der Nachfolge von Dvořák und Smetana.

Die Gesamteinspielung aller Werke für Streichquartett des tschechischen Komponisten Josef Bohuslav Foerster (1859-1951), gespielt vom Stamic Quartet, gehörte für mich 2010 zu den Entdeckungen des Jahres. Jetzt hat das tschechische Label Supraphon in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Rundfunk sämtliche Klaviertrios des hierzulande nahezu unbekannten Komponisten nachgelegt, gespielt vom Janáček Trio. Foerster gehörte neben Novàk und Suk zu den erfolgreichsten Schülern Dvořáks. Nach einem naturwissenschaftlichen Studium an der Technischen Hochschule studierte er Komposition in Prag und ging mit seiner ersten Frau, einer erfolgreichen Sängerin, 1892 nach Hamburg, wo er als Kritiker und Lehrer lebte. 1903 zog es ihn nach Wien. Ab 1918 kehrte er zurück in seine Heimatstadt, wo er am Konservatorium erst als Lehrer, dann als Professor für Komposition und schließlich für 9 Jahre als Direktor des Konservatoriums tätig war, bevor er 1931 Präsident der Tschechischen Akademie wurde. Er gehörte also zu den angesehensten Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit in Tschechien.

Anders als bei den Streichquartetten ist bei den Klaviertrios keine so kontinuierliche Entwicklungslinie nachvollziehbar. Das mag aber auch daran liegen, dass ihre Entstehungsdaten doch recht weit auseinander liegen. Das erste Trio f-Moll op. 8 stammt aus dem Jahr 1883 und ist die früheste bekannte Kammermusikkomposition Foersters. Bei seiner Drucklegung 1890 widmete er das Trio dem norwegischen Komponisten Grieg, über den er kurz vorher die erste monographische Arbeit in tschechischer Sprache angefertigt hatte und dessen Musik er sehr verehrte. Schon dem suchenden Beginn des ersten Satzes merkt man an, dass Foerster auch kompositorisch noch auf der Suche ist. Neben harmonischen Überraschungen ist das thematische Material recht einfach und die Verarbeitung wirkt immer wieder konstruiert. Der langsame dritte Satz wird mit seinem hoch romantischen Schwelgen zum lyrischen Höhepunkt des Werkes. Aber auch im letzten Satz mit seinem Wechsel von Dramatik und verspielter Tänzerei (Polka) finden sich zahlreiche wunderbare Stellen, wenn auch Emotion und Ausdruck immer wieder thematische Schwächen kompensieren müssen.

Das zweite Trio B-Dur op. 38 komponierte Foerster 1894 in Hamburg, wohin er seiner Frau gefolgt war, die ein Engagement als Sängerin an der Hamburger Oper angenommen hatte. Erneut greift Foerster auf die Musik Griegs zurück, denn das Trio enthält Anspielungen an dessen 'Romanzen und Balladen' op. 9. Zwar war Foerster weit davon entfernt, ein musikalischer Neuerer zu sein; in diesem Trio experimentiert er aber immer wieder mit der Form, wo es seine musikalischen Intentionen verlangen. Wie die meisten seiner Streichquartette ist das zweite Trio nur dreisätzig. Man merkt schon im ersten Satz, dass Foerster inzwischen auf dem Höhepunkt seiner kompositorischen Fähigkeiten angekommen war. Souverän handhabt er ein viel prägnanteres Material als noch im ersten Trio. Schnell wechseln die Stimmungen, Harmonien und strukturelle Abschnitte. Das Scherzo des zweiten Satzes beginnt mit recht einfachen Motiven, gefolgt von volkstümlichen Bordunklängen, mit denen er sich wehmütig an seine Heimat erinnert. Daraus entsteht jedoch ein recht freier großer dramatischer Satz. Am Ende des Trios steht ein merkwürdiger langsamer Satz, der nach einem Cello-Solo nur sehr schleppend in Gang kommt und mit einer großen Kadenz der beiden Streicher endet, die von Schlägen des Klaviers unterbrochen wird – ein dramatisches unaufgelöstes Ende, das den Hörer ratlos zurücklässt.

Nach seiner Rückkehr in die tschechische Heimat 1922 komponierte Foerster sein drittes Klaviertrio a-Moll op. 105, ein Stück, in dem er moderne Entwicklungen mit seinem romantischen Klangideal zu verbinden sucht und das daher laut Reittererová, die den informativen Booklettext zur CD beisteuerte, eines der fortschrittlichsten Werke Foersters ist. Die Motive des ersten Satzes sind kleingliedrig modern, die Harmonik schwankt zwischen impressionistisch und freitonal und ist nur noch begrenzt funktional erklärbar. Der Klang wird teilweise stark ausgedünnt und weist in seiner klagenden Kargheit manchmal schon auf Werke Schostakowitschs hin, ohne dass sich direkte Bezüge nachweisen ließen. Vor allem der langsame zweite Satz präsentiert sich extrem fragil. Und der dritte Satz wirkt mit seinen schroffen Themen fast schon zu gewollt modern und vermittelt den Eindruck, dass sich Foerster in dieser Klangfarbe doch nicht richtig zu Hause fühlte. Seine späteren Streichquartette sind so auch wieder romantisch rückwärtsgewandt.

Das 2001 gegründete Janáček Trio widmet sich der Musik seines Landsmannes mit viel Hingabe und musiziert sehr farbenreich. Seine Stärken hat das Ensemble bei klangvollen und lyrischen Passagen. Der Beginn des ersten Trios oder der letzte Satz des dritten wirken aber etwas zu verhalten und hätten ein wenig mehr Aggressivität vertragen können. Auch klanglich kann die CD überwiegend überzeugen; lediglich im Fortissimo wird das Klavier etwas blechern. Insgesamt also eine Aufnahme, die nicht ganz an die überragenden Qualitäten der Streichquartett-Einspielung herankommt, aber für entdeckungsfreudige Kammermusikfreunde interessante Einblicke in die tschechische Musik nach Dvořák und Smetana und jenseits von Janáček auf hohem Niveau bietet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Foerster, Josef Bohuslav: Komplette Klaviertrios Nr. 1-3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
24.02.2012
Medium:
EAN:

CD
099925407926


Cover vergössern

Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Christian Starke zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Warum hört man diese Musik nicht öfter?: Diese Gesamteinspielung aller Werke mit Streichquartett des tschechischen Komponisten Josef Bohuslav Foerster, gespielt vom Stamic Quartet, gehört zweifellos zu den Entdeckungen des Jahres. Weiter...
    (Christian Starke, 25.10.2010)
  • Zur Kritik... Grossartiges Hörerlebnis: Ivan Zenaty und das BBC Symphony Orchestra unter Leitung von Jirí Belohlávek verleihen den Violinkonzerten Josef Bohuslav Foersters eine eindrucksvolle Klanggestalt. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 06.10.2008)
  • Zur Kritik... Fröhlichkeit und tiefe Trauer: Ein gelungener Abschluss der Einspielung sämtlicher Foerster-Symphonien mit dem Osnabrücker Symphonieorchester unter Hermann Bäumer. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, 12.07.2010)
  • Zur Kritik... Im Schatten Mahlers: Die Dritte und Vierte Symphonie des tschechischen Romantikers Josef Bohuslav Foerster erfahren durch das Symphonieorchester Osnabrück unter Hermann Bäumer eine gelungene, klanglich herausragende Interpretation. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, 23.03.2009)
  • Zur Kritik... Der Tod als Inspirationsquelle: Erste Folge einer Gesamteinspielung der Orchesterwerke von Josef Bohuslav Foerster; sie enthält die ersten beiden Sinfonien, die von den Osnabrücker Symphonikern zwar gut gespielt werden, aber etwas blass bleiben. Weiter...
    (Christian Vitalis, 18.08.2008)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Supraphon:

  • Zur Kritik... Ein Tscheche in Amerika: Jirí Belohlávek bringt mit der Tschechischen Philharmonie Bohuslav Martinus Opernpastorale 'What men live by' und die erste Symphonie zum Leuchten. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Hochexpressive tschechische Sonaten: Vor allem die Sonaten für Violine und Violoncello aus der Feder von Viktor Kalabis (1923–2006) sind höchst gelungene Gattungsbeiträge, die Klarinettensonate hingegen weniger. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Hausmusik von herber Schönheit: Diese Aufnahme ist mit Sicherheit keine hochpolierte Massenware, die im Schönklang ertrinkt, sondern eine kraftvolle und persönlichkeitsstarke Lanze für eine vernachlässigte Kunst: Hausmusik in ihrer schönsten Ausprägung. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Supraphon...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Starke:

blättern

Alle Kritiken von Christian Starke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Tonschönheit und Risiko: Von den drei hier zu hörenden Werken für Violine und Orchester kann zwar nur das Konzert von Carl Nielsen überzeugen – dieses jedoch vollauf. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Furios und zornig: Iyad Sughayer hat auf einer eindrucksvollen neuen Platte Khatschaturjans Klaviersonate und weitere Klavierwerke aufgenommen. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Blitzsauber: Das Trio Marvin, Preisträger des ARD-Wettbewerbs, bietet perfekte Umsetzungen des Notentextes, aber noch keine genialen Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2020) herunterladen (2483 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Pomme d'Api - Ouverture

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich