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Sonntag, 29. Mai 2022

Gubaidulina, Sofia - Komplette Streichquartette

Exkursionen am Rande des (Klang-) Universums


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sofia Gubaidulinas Streichquartette bringt Supraphon in einer glänzenden Einspielung des Stamic Quartetts heraus.

Sofia Gubaidulina gehört zu jenen Künstlerinnen, deren Lebensumstände – Repressalien in der Sowjetunion, 1992 Übersiedlung nach Deutschland – dazu führten, dass sie als Komponistin mit ihren Werken nach Antworten suchte, die sie mit den vorgegebenen Mustern wohl nicht finden konnte. Sie schloss sich keiner Strömung an und schuf dabei ein Werk, dessen Ernsthaftigkeit immer wieder beindruckt. Je tiefer man in ihre Musik hineinhorcht, umso mehr entzieht sie sich dem intellektuellen Zugriff. Die kompositorischen Strukturen sind derart subtil, dass man die dahinter stehende Logik und perfekte Syntax schnell übersieht.

Wie beeindruckend die künstlerische Entwicklung dieser Komponistin ist, beweist die Einspielung ihrer sämtlichen Werke für Streichquartett durch das Stamic Quartet, die bei Supraphon erschienen ist. Es sind alles einsätzige Werke, deren Interpretation nicht nur unter technischem Aspekt kein leichtes Unternehmen ist, da so ziemlich alle Spieltechniken zum Einsatz kommen, sondern auch vor allem hinsichtlich der interpretativen Anforderungen. Die klanglichen Brechungen durch Dissonanzen, Montagen, Abbrüche, Wiederholungen, Hinzufügungen sind eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit den klanglichen Möglichkeiten des Streichquartettes und sind unverkennbar von den gegenwärtigen kompositorischen Möglichkeiten geprägt. Aber der Kern von Sofia Gubaidulinas Musik, auch in den Streichquartetten, scheint zutiefst von dem bestimmt zu sein, was man getrost als existentielle Seins-Auseinandersetzung im Sinne der Romantik verstehen darf. Vielleicht ist es eben das, was ihre Musik so unmittelbar ansprechend und erfolgreich macht.

Einen wichtigen Ansatzpunkt ihres kompositorischen Schaffens benennt sie in einem Text aus dem Jahre 1996 pointiert: ‚Im 20. Jahrhundert begann die Eroberung eines neuen Raumes, den man als sonoristischen Raum bezeichnen könnte … Damit verbunden war eine ziemlich schwere Aufgabe, denn das Wesen des sonoristischen Raumes ist recht kompliziert: nicht nur Klänge mussten nun verbunden werden, sondern auch deren Bewegung. Und es war nicht einfach, die Gesetzmäßigkeiten in dieser Materie zu entdecken.‘

Das Faszinierende dabei ist, dass diese Herangehensweise schon im ersten Streichquartett aus dem Jahre 1971 hörbar wird. Nicht nur im zarten einstimmigen Beginn, sondern auch in der Tatsache, dass hier Tonraum und Aufführungsraum konzeptionell miteinander verbunden werden. Im vierten Streichquartett aus dem Jahre 1993 wird der Tonraum durch Tonbänder bis hin zur Zwölfstimmigkeit erweitert; hinzu kommen drei Farblichtprojektoren sowie eine an einem Faden aufgehängte Plastikkugel, um bestimmte Klänge zu erzeugen. Wer hier an die Überlegungen von Alexander Skrjabin, Paul Klee oder Wassily Kandinsky denkt, liegt sicherlich nicht falsch.

Die Interpretationen durch das Stamic Quartet überzeugen durch einen außergewöhnlich einfühlsamen Umgang mit dieser subtilen Musik, die an die vier Instrumentalisten höchste Anforderungen stellt. Oft wird auf den theologischen und philosophischen Hintergrund dieser Musik hingewiesen; das mag ja alles seine Richtigkeit haben, aber zum Hören braucht man dieses Wissen nicht. Wenn eine so vorzügliche Einspielung vorliegt, dann erschließt sich der Klangkosmos von Sofia Gubaidulina, dessen Wurzeln zutiefst romantisch sind, wie von selbst. Ein hervorragender Begleittext rundet diese auch klanglich vorzügliche Einspielung ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gubaidulina, Sofia: Komplette Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
24.02.2012
Medium:
EAN:

CD
099925407827


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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