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Montag, 6. Dezember 2021

Gloria - Festliche Musik des Barock

'Gloria' - das Lob aus der Höhe


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Gloria' - das Lob aus der Höhe

‚GLORIA‘ - unter diesem Motto steht die vorliegende CD mit den Virtuosi Saxoniae. Die musikalische Gesamtleitung hat kein geringerer als Ludwig Güttler. Dem Titel entsprechend geriet die Auswahl der Werke: von Antonio Vivaldi das Gloria D-Dur (RV 589) sowie das Magnificat g-moll (RV 611) und von Johann Sebastian Bach die Kantate ‚Gloria in excelsis Deo‘ (BWV 191).
Antonio Vivaldi hat das Gloria, den großen Lobpreis Gottes, mehrfach vertont. Es existieren zwei Fassungen in D-Dur (RV 588 & 589). Eine weitere Version, die von Ludwig XV. in Auftrag gegeben wurde, ist leider verschollen. Die uns geläufigste Fassung (RV 589), ist auch auf dieser Einspielung zu finden. Vivaldi schrieb das zwölfsätzige Werk für Soli, Chor und Orchester für das Mädchen-Waisenhaus ‚Ospedale della Pietà‘ in Venedig.
Die Sätze sind in barocker Art sehr kontrastreich, mit überwiegend festlich jubelndem Charakter ausgestaltet. So stimmt Vivaldi schon im Eingangschor unter Einsatz der Solotrompete den Hörer auf ein glanzvolles Werk ein. Musikalischer Höhepunkt ist der kunstvolle Chorsatz ‚Et in terra pax‘ mit ausdrucksvollen Dissonanzen und dem davon unabhängigen vorwärtstreibenden Orchester. Im ‚Quoniam tu solus sanctus‘ wird das Motiv des Eingangschores wieder aufgegriffen. Das Werk endet mit einer ansprechenden ‚Cum sancto spiritu‘ – Fuge.

Auch das Magnificat hat Vivaldi mehrfach vertont. Das Ryom-Verzeichnis weist nicht weniger als vier Fassungen auf: RV 610, 610 a/b und 611. Die hier eingespielte Version RV 611 ist die Letzte der Bearbeitungen und stammt aus dem Jahre 1739. Aus der ersten Fassung, ca. 1717, übernahm Vivaldi folgende Sätze: den Eingangschor ‚Magnificat‘ mit seinen aufsteigenden Harmonien, das expressive ‚Et misericordia‘ mit einer Vielzahl von für die damalige Zeit eher ungewöhnlichen Dissonanzen und Sprüngen sowie das wuchtige ‚Fecit potentiam‘ und das ‚Deposuit potentes‘, die beide im Unisono von Chor und Orchester erklingen. Diesen Sätzen fügte Vivaldi fünf farbenreiche neu komponierte Arien für Sopran, Alt und Tenor hinzu sowie ein abschließendes ‚Gloria‘ in dem er zunächst auf die Melodik des Eingangssatzes zurückgreift, um dann aber mit einem glanzvollen Fugato zu enden.
Gloria und Magnificat wurden zu Vivaldis Zeiten von Chor und Orchester des Eingangs erwähnten ‚Ospedale della Pietà‘ aufgeführt. Dieses Waisenhaus war ausschließlich Mädchen vorbehalten, die dort eine ausgezeichnete musikalische Ausbildung erhielten. Es existierten ein Orchester und ein Chor mit jeweils ca. 15-20 Waisenmädchen. Eine der wohl interessantesten Fragen in diesem Zusammenhang ist, wer im Chor die Männerstimmen übernahm, denn die Werke Vivaldis sind schließlich für vierstimmigen gemischten Chor notiert. Gemäß der päpstlichen Enzyklika durften aber Frauen und Männer nicht gemeinsam in der Kirche singen und so war der Chor ausschließlich mit Mädchen und Frauen besetzt. Die sonst in Europa übliche Lösung der Knabenchöre war hier nicht möglich. In dem sehr informativen CD-Beiheft zitiert Manfred Fechner eine Aussage von J.F. Reichardt aus dem Jahre 1791, die eine interessante Lösungsmöglichkeit darstellt: Er (Reichardt) habe in Venedig ‚einige interessante Tenorstimmen unter den Mädchen gehört, die oft wie eine Baßstimme effectuieren.‘ Nicht ohne Grund läßt Ludwig Güttler deshalb die Tenor-Arie ‚Esurientes‘ im Magnificat von einer Altistin singen.

Die Kantate ‚Gloria in excelsis Deo‘ für vierstimmigen gemischten Chor, Solisten und Orchester von Johann Sebastian Bach hat nicht nur einen textlich theologischen Zusammenhang mit den Werken Vivaldis. Auch die drei Sätze dieser Kantate für den ersten Weihnachtstag gehen auf ältere Kompositionen zurück und zwar auf Teile der h-moll Messe, die wiederum größtenteils auf Parodien älterer Sätze beruhen.
Ein Markenzeichen der auf modernem Instrumentarium spielenden Virtuosi Saxoniae ist die freiwillige Verpflichtung, die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis zu berücksichtigen. Auch wenn es nicht die Intention des Orchesters ist, sich diesem Stil unterzuordnen, so führt es dennoch zur Abkehr von den üblichen Hörgewohnheiten. Vom romantischen Stil der Vivaldi Einspielungen eines Riccardo Muti oder eines Michel Corboz muss man sich hier verabschieden. Ludwig Güttler lässt die Streicher den Bogen nicht lang und weich durchziehen, sondern fordert vielmehr einen kurzen und etwas abgesetzten Spielansatz. Dies gibt der Musik einen dynamisch nach vorne drängenden Puls.
Beim ersten Hören mag dies vielleicht noch nicht überzeugen. Letztlich aber zieht die Einspielung den Hörer ganz in ihren Bann. Als besonders charakteristisch ist das ‚Et misericordia‘ des Magnificats zu nennen.
Insgesamt gerät die Darbietung der Werke Vivaldis zu einer kleinen Glanzstunde. Die Gesangsolisten Andrea Ihle, Elisabeth Wilke und Annette Market sowie die Hallenser Madrigalisten fügen sich dabei sehr gut in das Gesamtbild ein.

Etwas flacher und nicht mehr so dynamisch gelingt den Ausführenden die Darbietung der eher selten aufgeführten Weihnachts-Kantate Johann Sebastian Bachs, wenngleich auch hier auf hohem Niveau musiziert wird. Tadellos tragen Christiane Oelze und Hans Peter Blochwitz ihr Duett ‚Gloria Patri‘ vor. Ordentlich bewältigt der Concentus Vocalis Wien die schwierige Schlußfuge ‚Sicut erat in principio‘.
Alles in allem eine CD, die zu kaufen sich lohnt. Auch unter dem Weihnachtsbaum, braucht sich der Silberling nicht zu verstecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Boris Boechel,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gloria: Festliche Musik des Barock

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
01.10.2002
61:05
1995
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0782124170028
0017002BC


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Bach, Johann Sebastian
Vivaldi, Antonio


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Dirigent(en):Güttler, Ludwig
Interpret(en):Oelze, Christiane (Soprano)
Blochwitz, Hans-Peter (Tenor)
Concentus Vocalis Wien,
Ihle, Andrea (Soprano)
Wilke, Elisabeth (Soprano)
Markert, Annette (Alt)
Hallenser Madrigalisten,
Virtuosi Saxoniae,


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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