> > > Kammerchor Hannover singt: Shakespeare 21
Samstag, 2. Juli 2022

Kammerchor Hannover singt - Shakespeare 21

Orpheus beim Kammerchor Hannover


Label/Verlag: Rondeau
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Kammerchor begeistert mit einer Zusammenstellung zeitgenössischer Chorwerke, in denen sämtlich auf Texte von Shakespeare zurückgegriffen wird. Die Ausführung ist von großem Ausdrucksreichtum.

Shakespeare – wer immer er war, seine Identität als Person tut hier nichts zur Sache – muss Musik geliebt haben und er war sich ihrer Wirkung sicherlich bewusst. Er hätte es womöglich gern gesehen, wenn seine Dichtungen zu seinen Lebzeiten häufiger in Musik gesetzt worden wären. Doch es sind kaum zeitgenössische Vertonungen Shakespearescher Texte bekannt. Und wenn dann auch bald die Rezeption seiner Dichtungen in England einsetzte und bis heute ungebrochen ist: Im deutschsprachigen Raum begann sie erst im 18. Jahrhundert. Die Texte des englischen Dichters wurden für zahlreiche musikalische Gattungen vertont, Chorwerke in größerem Umfang entstanden jedoch erst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Shakespeare ist seit vielen Jahren bei Chören en vogue, und die Welle schwappte in das 21. Jahrhundert hinüber. Besonders Komponisten englischer und skandinavischer Herkunft haben sich des Dichters in Form von Chormusik angenommen.

Was die Faszination dieser Texte im 21. Jahrhundert ausmacht, muss – neben dem musikalischen Charakter ihrer Sprache – auch mit dem Gemütszustand unserer Zeit zu tun haben. Melancholie, um nicht zu sagen: Depressivität, Zerrissenheit in der Welt und im eigenen Leben, das Leiden an der Liebe und die Tragik vieler Lebensstränge sind geradezu eine Einladung an Komponisten wie Ausführende, in Dissonanzen und Clustern ebenso zu baden wie in extremen Tonlagen und Tempi. So wie die Texte alle Extreme des Lebens ausloten, durchmessen die Musikschaffenden mit modernen Shakespeare-Vertonungen alle Möglichkeiten des chorischen Ausdrucks und geben den vierhundert Jahre alten Texten so eine neue Heimat. Dass dies widersprüchlich zu sein scheint, weil die Texte eben oft von allen Arten der Verlorenheit erzählen, passt ebenso zu Shakespeare wie Klangschönheit zu zeitgenössischer Chormusik.

'Shakespeare21'

Der erst vor fünf Jahren gegründete Kammerchor Hannover ist ausgewiesener Spezialist für zeitgenössische Chormusik – und mit dem Bewusstsein für seine Stärken hat er nun nicht nur seine erste CD mit Shakespeare-Vertonungen unter dem Titel ‚Shakespeare21‘, aufgenommen, sondern für diese CD auch zwei Neukompositionen (desselben Textes) in Auftrag gegeben. Die 24 Sängerinnen und Sänger stellen sich bewusst in die Tradition der skandinavischen a-cappella-Chöre mit ihrem besonderen Schwerpunkt auf der Chormusik der Moderne.

In diese Tradition fügen sich aber wunderbarerweise wie von selbst auch die Vertonungen der beiden dem romanischen Raum entstammenden Komponisten Frank Martin und Fabio Nieder. Letzterer ist einer der beiden Komponisten, die mit Neuvertonungen für den Kammerchor Hannover beauftragt worden waren. Von Frank Martin stammen die fünf Chorsätze aus 'The Tempest', die dieser 1956 zunächst als Teile einer Opernkomposition geschaffen, dann aber separat als Chorzyklus zusammengestellt hatte. Die übrigen fünfzehn Vertonungen der CD stammen von Ralph Vaughan Williams, Sven-Eric Johanson (mit Klavierbegleitung), Lars Johan Werle, Nils Lindberg, Jaakko Mäntyjärvi, dem schon erwähnten Fabio Nieder sowie Sven Hagvil, der der CD ebenfalls eine Auftragskomposition beigesteuert hat. Manche der Texte sind mehrfach vertont, zum Beispiel die textliche Grundlage für die beiden Auftragskompositionen, 'Orpheus With His Lute' aus dem dritten Akt von ‚Henry VIII', die außerdem noch von Lars Johan Werle in Musik gesetzt worden ist. Auch der häufig vertonte Abschnitt aus ‚The Tempest‘, 'Full Fathom Five', ist mehrfach vertont auf der CD vertreten.

Wo anfangen, um Werke wie Ausführung zu loben? Ist es die ungemein überzeugende Darstellung der Tierstimmen (auch in der Interpretation durch den Chor) in Martins 'Come unto this Yellow Sands'? Oder der Groove, den nicht nur Sven-Eric Johanson (mit Unterstützung durch das Klavier) geradezu perfekt seiner Musik eingeschrieben hat und der durch die Interpretation des Kammerchors Hannover unbedingt ansteckend wirkt? Ist es die unglaubliche Ruhe, die manchen Chorsätzen ihre Zeitdimension zu entziehen scheint und den Zuhörer in so etwas wie eine Trance versetzt? Die Dramaturgie, die der Chor in jedem Stück neu verortet und mit ganz offenkundiger Freude an der Musik, am Rhythmus und an den Harmonien gestaltet? Oder doch die wahnwitzige Neukomposition von Fabio Nieder, der den Chor mitsamt Harfe, Akkordeon und Schlagwerk so gestaltet, dass man als Zuhörer den Eindruck von elektronischer Musik bekommt und in eine visionäre, illusionistische, utopische, jedenfalls völlig unwirkliche Welt versetzt wird: Orpheus in der Unterwelt?, Orpheus im Paradies? – Orpheus beim Kammerchor Hannover!

Shakespeare hätte wohl seine Freude

Neben dem Kammerchor Hannover, der durch lupenreine Intonation, ausgewogenen Chorklang (bis auf ganz wenige Ausreißer durch einen zu scharfen, metallischen Sopran und einen gelegentlich zu engen Tenor), eine überaus große Flexibilität des Ausdrucks, sowohl über Textverständlichkeit als auch Genauigkeit der Artikulation, eine bestechende Dynamik und die Beherrschung aller Techniken zeitgenössischer Chormusik besticht, wirken an dieser CD – nicht minder lobenswert – unter der Leitung von Stephan Doormann auch mit: Johanna Marie Hennig, Klavier, Anna Bineta Diouf, Alt, Anke Franzius, Harfe, Snezana Nesic, Akkordeon und Dörte Siefert, Schlagwerk – ein perfekt aufeinander eingestelltes, zuhörendes Ensemble.

Chorgründer und -leiter Stephan Doormann kann sich nicht nur durch eine langjährige und klassisch geschulte Ausbildung im Bereich der Chormusik und langjährige Erfahrung ausweisen, sondern auch durch verschiedene Preise im Zusammenhang mit Chorgesang. Und so mutet es ein wenig steif, wenn nicht unsicher, in jedem Fall seltsam an, dass er den erläuternden Booklet-Text zwar selbst verfasst hat, von sich selbst und seinen Erfahrungen, zweifellos interessant und mitteilenswert, jedoch nur in der dritten Person, noch dazu unter Nennung seines Namens spricht. Das Booklet bietet (zweisprachig in Deutsch und Englisch) alle Informationen, die man sich von diesem Medium wünscht, inklusive guter, offensichtlich mit Bedacht ausgewählter Übersetzungen der Shakespeare-Texte ins Deutsche.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kammerchor Hannover singt: Shakespeare 21

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Rondeau
1
13.02.2012
Medium:
EAN:

CD
4037408060561


Cover vergössern

Rondeau

Rondeau Production – am kulturellen Puls!

Rondeau Production ist ein Synonym für künstlerisch wie technisch erstklassige Einspielungen von geistlicher Chor- und Vokalmusik. Seit Jahren verbindet das Unternehmen eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Spitzenensembles der Vokalszene: Der Thomanerchor Leipzig, der Windsbacher Knabenchor, der Knabenchor Hannover – gerade hier engagiert sich Rondeau mit Begeisterung für die jungen Talente und stellt ihre beeindruckende Leistungsfähigkeit mit mehrfach ausgezeichneten Aufnahmen unter Beweis. Erstklassige Künstler, deren hohe Ansprüche an sich selbst und der Fokus auf besondere Qualität bedingen die eigene Unternehmensphilosophie und sind der Grundstein für ein in dieser Ausprägung einzigartiges Portfolio an Tonträgern. Eine weitere Öffnung für Orgelmusik mit Künstlern wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme sorgt für weitere Klangvielfalt. Neben Labelmanager und Produzent Frank Hallmann garantiert ein kreatives Team musikbegeisterter Mitarbeiter den hohen Standard. Die Aufnahmen entstehen an interessanten und handverlesenen Konzertorten, während Mischung, Mastering und CD-Produktion im hauseigenen Tonstudio in der Leipziger Petersstraße erfolgen. Daher sorgt nicht nur der Sitz in der Bach-Stadt dafür, dass das Label stets am kulturellen Puls agiert.

Geschichte: Aus der Provinz in die weite Welt!

Rondeau Production – das sind über 25 Jahre begeistertes wie begeisterndes Engagement für die Chormusik in Deutschland auf höchstem Niveau. Karl-Friedrich Beringer, langjähriger Leiter des Windsbacher Knabenchores, gründete 1977 gemeinsam mit Herbert Lange das erfolgreiche CD-Label, um die eigenen Tonträger anbieten zu können, und noch immer gehört das Spitzenensemble aus Mittelfranken zu den Zugpferden des Unternehmens. Im Jahr 2005 entschloss sich die Rondeau Production zu einer Erweiterung ihres Angebots und nahm den traditionsreichen Thomanerchor sowie den Knabenchor Hannover als renommiertes Pendant in ihr Portfolio auf. Diesen vokalen Klangkörpern folgten immer mehr namhafte Chöre und Ensembles, so dass sich der Katalog von Rondeau Production mittlerweile wie ein „Who is who?“ der deutschen Vokalszene liest und anhört. Darüber hinaus ergänzte man das Angebot auch in Richtung Orgelmusik, wofür man Interpreten wie Tobias Frank, Oliver Kluge oder Ullrich Böhme gewinnen konnte. Seit 1996 ist Frank Hallmann als Journalist und Diplom-Kirchenmusiker Geschäftsführer von Rondeau Production und damit maßgeblich für das heutige breite wie tiefe Angebot des Unternehmens verantwortlich. Rondeau Production ermöglicht dabei nicht nur die Produktion, sondern auch den weltweiten Vertrieb ausgewählter CDs mit exzellenter Geistlicher Chormusik in hoher Qualität. Für den bundesweiten Vertrieb der Tonträger im Fachhandel sorgt Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs GmbH und fungiert so als wichtiger Partner der Rondeau Production.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Rondeau:

  • Zur Kritik... Forderndes Märchen-Oper-Hörspiel: Udo Zimmermanns 'Der Schuhu und die fliegende Prinzessin' liegt erstmals nahezu komplett auf CD vor als eindrucksvolles Projekt des Theaters Chemnitz. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Talentprobe in Raunächten: Vielleicht ist aktuell noch nicht jede der Konstellationen wirklich bereit für eine marktfähige Präsentation auf einer Platte. Doch nimmt die schöne Talentprobe damit für sich ein, dass eine hochverdienstvolle Arbeit sichtbar gemacht wird. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Übergänge: Das Daarler Vocal Consort mit einem interessanten Programm: Vor allem der Zugriff auf die modernen Kompositionen vermag zu überzeugen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Rondeau...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Claudia Maria Korsmeier:

  • Zur Kritik... Mahlers letzte Werke: Ein "italienischer" Mahler in zügigem Tempo: Markus Stenz und das Gürzenich-Orchester schließen ihre Mahler-Einspielung schlüssig ab. Weiter...
    (Dr. Claudia Maria Korsmeier, )
  • Zur Kritik... Klangerlebnis Kammermusikfassung: Eine sehr ambitionierte, spannende und begeisternde Fassung von Mahlers Liedersinfonie für Kammerorchester: kleines Orchester, großer Klang. Und eine wunderbare Mezzosopranistin. Weiter...
    (Dr. Claudia Maria Korsmeier, )
  • Zur Kritik... Schweizer Lieder: Lieder nach 1900 aus der Schweiz, die - wie ihre Komponisten - zu Unrecht kaum bekannt sind. Weiter...
    (Dr. Claudia Maria Korsmeier, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Claudia Maria Korsmeier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Dem Geiger Ivry Gitlis zum 100. Geburtstag: Ein eigenwilliger Protagonist der Violinwelt, der fast ein ganzes Jahrhundert durchlebte, spielt die großen 'Schlachtrösser' der Violinliteratur. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Alter Mann und 'wilde Hummel': Dieser 'Pimpinone' ist nicht nur stimmlich und instrumental eindrucksvoll besetzt, sondern ist obendrein eine wichtige Ergänzung zur mehr als nur übersichtlichen Diskographie des Werks. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Brahms der späten Jahre: Wach und feingliedrig, strukturklar und klangsensibel: Herbert Blomstedt kennt seinen Brahms und gibt ihm im Zusammenspiel mit dem Gewandhausorchester Leipzig Raum zum Atmen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich