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Mittwoch, 27. Mai 2020

Pfitzner, Hans - Palestrina

Komponistenwehen


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Oehms Classics und die Oper Frankfurt arbeiten auch bei dieser ansprechenden Einspielung von Pfitzners 'Palestrina' erfolgreich zusammen.

Erzählwerke, die von Schriftstellern handeln, gibt es viele – Opern über Komponisten sind seltener. Carlo Gesualdo ist so eine Figur; jüngst widmete ihm Marc-André Dalbavie eine Oper. Des weiteren: Giovanni Pierluigi da Palestrina. Über seine Komposition der 'Missa Papae Marcelli' schrieb Hans Pfitzner eine ‚Musikalische Legende in drei Akten‘, die 1917 erstmals über die Bühne ging. Der 1949 verstorbene Komponist stilisiert Palestrina zum Vollender einer Tradition (und sah sich selbst als Vollender der deutschen Romantik). Der 'Palestrina' hat seine Widersprüche: eine Oper zum Lob der Kirchenmusik, eine Oper mit Stoßrichtung gegen die Oper. Doch nicht das junge, in Florenz erblühende Musiktheater bedroht die polyphone Kunst des Palestrina, sondern das Rückwärtsgewandte in Form der Gregorianik. Im Kern ist es eine Oper über das Numinose des Schaffensprozesses – und darin bedeutend.

Lindes Dämpfen, raues Donnern

Harrys Kupfers Inszenierung an der Oper Frankfurt fing Oehms Classics im Juni 2010 exzellent ein. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit von Oper und Label können sich hören lassen; die vorliegende ist die achte von bislang neun Veröffentlichungen. Das Booklet ist, wie man es von Oehms Classics kennt, vorzüglich gestaltet; einzig Markierungen von Gleichzeitigkeit bzw. Verschränkung des gesungenen Textes kann man vermissen. Vielschichtig gestaltet das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Kirill Petrenko Pfitzners motivdurchwirkte, in herbstlichen Farben leuchtende Partitur. Das kontrapunktische Geflecht exponiert es im breiten Klangspektrum. Mit klaren Schichtungen und Auffächerungen, lindem Dämpfen, rauhem Donnern. Die Einzelleistungen bestechen (Viola d‘amore, Flöten). Das Orchester webt und wirkt. Die Koordination zwischen Bühne und Graben gerät nur einmal, beim Gesang der päpstlichen Kapellsänger, ins Schwanken. Die Chöre – der Engel, der Spanier – gelingen (Chor der Frankfurter Oper), ebenso die herbe Polyphonie der Alten Meister.

Hervorragende Diktion

Sofort fällt die hervorragende Diktion in den Hauptrollen auf. Peter Bronder füllt die Titelrolle aus, das starke Tremolieren seines Tenors ist aber gewöhnungsbedürftig. Eindringlich gestaltet er in der vierten Szene des ersten Akts seinen Monolog, der die literarische Qualität von Pfitzners Textbuch unterstreicht. Wolfgang Koch agiert in der Rolle des Kardinals Borromeo ebenso rollendeckend, doch in Nuancen schwankt seine Intonation. Claudia Mahnke als Palestrinas Schülers Silla gefällt mit schöner Linienbildung. Voller Lebendigkeit ist das Gespräch zwischen ihm und dem Komponistensohn Ighino (Britta Stallmeister) über den mit Welt und Ruhm hadernden Künstler.

Von erstaunlicher Kurzweiligkeit

Es gibt spannendere Akte als diesen zweiten, den Thomas Mann als ‚eine bunte und liebevoll studierte Satire auf die Politik‘ bezeichnete. Das Konzil tagt. Die Konstruktion ist gewagt, denn die Hauptfigur tritt gar nicht auf. Und doch ist der Akt in dieser Interpretation von einer erstaunlichen Kurzweiligkeit. Hier ist die Qualität der Gesangsdarbietungen jedoch weniger ausgeglichen: Frank van Aken als Kardinallegat Novagerio agiert stimmig, der Bassist Magnús Baldvinsson als Kardinal von Lothringen hingegen recht grob, Johannes Martin Kränzle (Morone) wiederum ist sehr differenziert. Deshalb und wegen der oben genannten Kritikpunkte gibt es die vier Sterne in der Rubrik Interpretation nur knapp – insbesondere die Orchesterleistung kompensiert die eine oder andere kleine vokale Schwäche.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pfitzner, Hans: Palestrina

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
3
12.03.2012
Medium:
EAN:

CD
4260034869301


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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