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Montag, 29. November 2021

Bach, Johann Sebastian - Messen & Magnificat

Bach und andere


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Apokryphes um Bach: Erhellende Kompositionen in einer solistisch sehr guten, ansonsten immerhin soliden Einspielung durch Wolfgang Helbich und diverse Ensembles.

Seit dem Beginn der 1990er Jahre hat sich Wolfgang Helbich mit dem Alsfelder Vokalensemble diskographisch jenem Bestand gewidmet, der als apokryphe Überlieferung aus dem unmittelbaren Umfeld Johann Sebastian Bachs spätestens seit der Kodifizierung der Bachschen Werke im Werkverzeichnis des berühmten Thomaskantors eine Nischenexistenz zu fristen gezwungen ist. Dabei handelt es sich um Kompositionen sehr verschiedener Gattungen, überwiegend Gebrauchsmusik für liturgische Zwecke, aber auch Kantaten, Motetten oder die Lukas-Passion BWV 246, Anhang II 30. Unter diesen sehr verschiedenartigen Werken sind solche zu finden, die inzwischen sicher fremder Feder zugeschrieben werden können, andere, deren Urheberschaft zweifelhaft ist, aber auch einige, die im Lauf der Zeit tatsächlich Bach zugeordnet werden konnten. Jedenfalls handelt es sich um praktisch orientierte Musik, die Bach zumindest so sehr schätzte, dass sie unter seinem Namen, in Abschriften von seiner Hand oder aus seinem unmittelbaren Umfeld überliefert wurde – was sie oft genug eigentlich erst in Verbindung mit Bachs eigenem Schaffen brachte. Der Bach-Forschung bietet dieses Repertoire vermutlich noch etliche Aufgaben, auch wenn sicher nicht alle Rätsel zu lösen sein werden.

Diese sechste Platte in der Reihe bringt zwei Messen, ein Magnificat, drei Sanctus-Kompositionen und die Kantate 'Nach dir, Herr, verlanget mich', die als Nummer 150 im BWV geführt wird, aber bis vor kurzem aus dem Kanon ausgeschlossen blieb und erst im Jahr 2010 zweifelsfrei und dazu auf originelle Weise von Hans-Joachim Schulze als echter Bach identifiziert werden konnte.

Ein kurzer Blick auf die Faktur der wichtigsten Kompositionen zeigt, wie heterogen es auf diesem Feld der musikalischen Überlieferung zugeht: Die einleitende Missa in G BWV Anhang 167 kann in ihren Dimensionen ausgreifend genannt werden, in ihrem Ausdruck breit angelegt, von eleganten Zügen geprägt, doch auch repräsentativ bis hin zu deutlichen Klangballungen. Der Satz ist gefällig, hält wenig Intrikates bereit, setzt im Zweifel auf primäre Wirkungen und weist etliche Längen auf. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass dieses Stück zumindest zeitweise Bach zugeordnet wurde – viel zu wenig stilistische Anknüpfungspunkte finden sich zu dessen übrigem Werk.

Ganz ähnlich sind die Befunde im Fall des Magnificat BWV Anhang 30. Ebenfalls groß dimensioniert werden hier abwechslungsreiche technische Grundlagen präsentiert, die oft wenig stringent durchgearbeitet werden. Auffällig sind die affektive Leichtigkeit des Satzes und wiederum die Konzentration auf primäre Wirkungen. Oft werden sehr kleine musikalische Einheiten oder Konstellationen als Träger des Geschehens vorgestellt. Bei allen schönen Details in der gefälligen Linearität und im harmonischen Gang sind doch auch auffällig unelegante Wendungen in der Bassführung oder eine gelegentlich deplatziert deutliche Betonung polyphoner Momente zu konstatieren.

Deutlich ist der Unterschied zur Kantate BWV 150: Trotz ihrer vielleicht antiquierten Anmutung und Stilistik ist sie isoliert gesehen das bei weitem interessanteste Stück des Programms. Sie verrät in ihrer individuellen Tonsprache, ihrem differenzierten Ausdruck den technischen und ästhetischen Anspruch ihres Schöpfers. Natürlich werden ältere Vorbilder deutlicher einbezogen, als es auch in den frühen Kantaten Bachs üblich war, hat sich auch eine Personalstilistik zweifelsfrei noch nicht voll etabliert. Doch sind da in vielen Details originelle Ansätze zu hören, etwa in der Verbindung von vokaler und instrumentaler Sphäre – da scheint delikates Können auf, das im Vergleich zu den übrigen präsentierten Kompositionen selbst dann beeindruckend zu nennen ist, sollte die Kantate nicht aus der Feder Bachs stammen.

Gemischte Bilanz

Wolfgang Helbich führt zur Interpretation dieses Programms verschiedene Ensembles zusammen: Das profilierte Gesualdo Consort Amsterdam ist in der Besetzung mit Nele Gramß (Sopran), Marnix de Cat (Altus), Harry van Berne (Tenor) und Harry van der Kamp (Bass) vertreten. Dabei ist die Formation hier weniger in den aus anderen Produktionen bekannten, oft genug frappierenden Ensembleaktivitäten als vielmehr tatsächlich solistisch gefragt. Und auch in dieser Disziplin bewähren sich die Vokalisten sehr deutlich, Nele Gramß und Harry van der Kamp profilieren sich vielleicht besonders. Alle singen jedenfalls in einer aus reicher Ensembleerfahrung resultierenden Dezenz, die vor allem die verschiedenen Kleinkonstellationen interpretatorisch sehr ertragreich sein lässt. Komplettiert wird diese solistische Sphäre durch ein gelegentlich gefordertes zweites Quartett, das sich mit Manja Stephan, Jan Moritz von der Cube, Jan Hübner und Carsten Krüger aus Ehemaligen der Hochschule für Künste in Bremen rekrutiert und den Ansatz des Gesualdo Consorts mit seinem bemerkenswerten Niveau erfreulich bruchlos fortsetzt.

Im Gang der Kompositionen wird das in seiner Besetzungsstärke nicht näher beschriebene, jedenfalls groß dimensioniert scheinende Alsfelder Vokalensemble überwiegend als klangverstärkende Effektsteigerung eingesetzt. In ausgewogener Besetzung intoniert der Chor überwiegend sicher, favorisiert eine leichte Tongebung und erlangt dadurch eine zum Repertoire passende Geschmeidigkeit. Die Plastizität der Register wirkt dagegen nicht optimal profiliert, der klanglichen Fokussierung gebricht es gelegentlich an letzter Präzision. Zudem gibt es in einigen figurierten Passagen unpräzise Linien zu hören, vor allem der Tenor fällt hier in freien Einsätzen qualitativ ab.

Die gleichfalls in ihrer Besetzung nicht näher beschriebene Hannoversche Hofkapelle entfaltet einen harmonischen Orchesterklang von etwas unbestimmter Größe. Aus dem Kontext lösen sich sehr gelungene obligate Soli, behände Agilität und feiner Klangsinn prägen das Bild. Einzig das Bassregister zeigt sich etwas zu wolkig. Die den meisten der Sätze innwohnende Frische wird in der Wahl der Tempi gelungen aufgegriffen, dynamisch werden die großflächigen Kontraste der Kompositionen zutreffend abgebildet. Klanglich sind die verschiedenen Sphären harmonisch in ein balanciertes Klangbild integriert. Vor allem kleinere Gruppen sind plastisch abgebildet. Bei größer dimensionierten Besetzungen und an Klanghöhepunkten fehlt eine gewisse Trennschärfe. Das Booklet bringt einen sehr guten Text von Peter Wollny, überzeugt auch weitgehend in seiner Ausstattung und in der Qualität der Übersetzungen, hält aber keinerlei Angaben zu den Besetzungsstärken oder zu weiteren Details zu Chor und Orchester bereit.

Wolfgang Helbich gelingt eine ansprechende, affektorientierte Deutung dieser Musik. Solistisch ist das erreichte Niveau dabei deutlich stärker als chorisch – mit dieser Diskrepanz kann der Hörer aber angesichts des interessanten Repertoires leben. Denn wenn auch nicht jeder einzelne Satz von richtungsweisender Qualität ist, ist diese sechste Folge der cpo-Reihe mit apokryphen Bach-Werken doch verdienstvoll: Die Präsentation von Musik aus Bachs Umfeld hilft, die Leipziger Musizierpraxis zu Bachs Zeiten besser zu verstehen und erlaubt auch einen Blick auf das in den vergangenen Jahrzehnten vieldiskutierte Gebrauchsrepertoire abseits des leistungsstärken ersten Chors von Bachs Thomanern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Messen & Magnificat

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.01.2012
Medium:
EAN:

CD
0761203756124


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Bach, Johann Sebastian
 - Messe in G BWV Anh. 167 - Kyrie
 - Messe in G BWV Anh. 167 - Gloria
 - Gloria 2 - Domine Deus -
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Magnificat anima (Chor)
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Quia respexit (Duett: Alt 1 & Tenor 1)
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Quia fecit (Duett: Sopran 1 & Bass 1)
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Et Misericordia
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Fecit potentiam (Duett: Alt 2 & Tenor 2)
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Deposuit (Chor)
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Suscepit Israel (Sopran 2 & Bass 2)
 - Magnificat in BWV Anh. 30 - Sicut locutus est (Soli & Chor)
 - Messe in a BWV Anh. 24 - Kyrie
 - Messe in a BWV Anh. 24 - Gloria
 - Sanctus in G BWV 240 - Chor ohne Quartette
 - Sanctus in d BWV 239 - Chor ohne Quartette
 - Sanctus in C BWV 237 - Chor ohne Quartette
 - Kantate BWV 150 - Sinfonia
 - Kantate BWV 150 - Nach dir, Herr, verlaget mich (Chor)
 - Titel des Werkes - Doch bin und bleibe ich vergnügt (Arie, Sopran)
 - Kantate BWV 150 - Leite mich in deiner Wahrheit
 - Kantate BWV 150 - Zedern müssen von den Winden... (Terzett: Alt, Tenor, Bass)
 - Kantate BWV 150 - Meine Augen stehen stets zu dem Herrn
 - Kantate BWV 150 - Meine Tage indem Leide (Chor: Tutti Ciacona)


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Dirigent(en):Helbich, Wolfgang
Orchester/Ensemble:Gesualdo Consort Amsterdam
Hannoversche Hofkapelle


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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