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Donnerstag, 23. Januar 2020

Zelenka, Jan Dismas - Kantaten Sepolcri

Jesuitische Passionsmusiken


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Collegium Marianum und seine Leiterin, die Flötistin Jana Semerádová, dürfen als ideale Interpreten der frühen Werke von Jan Dismas Zelenka gelten, die sie hier zu Gehören bringen.

Die Werke des böhmischen Barockkomponisten Jan Dismas Zelenka erleben seit einiger Zeit eine höchst verdiente Renaissance. Dabei stehen meist seine Kompositionen für den Dresdner Hof auf dem Programm, die in ihrer melodischen und harmonischen Originalität einnehmend schön sind. Die neue CD des tschechischen Ensembles Collegium Marianum widmet sich hingegen Zelenkas Frühwerk, das dieser für die Prager Jesuiten komponierte. Über Zelenkas Jugend sowie seine musikalische Ausbildung ist kaum etwas bekannt, weshalb seine ersten erhaltenen Werke aus einer Zeit stammen, als er schon dreißig Jahre alt war. Die Jesuiten spielten auf jeden Fall immer eine zentrale Rolle in Zelenkas Leben. Bei ihnen erhielt er wohl seine musikalische Ausbildung und für sie verfasste er eine Reihe von Karfreitagsmusiken, von denen einige auf dieser CD erklingen.

Diese ‚Sepolcri‘ sind eine Mischung aus Kantate und Oratorium, die während der Karfreitagsmeditationen vor dem Gottesgrab aufgeführt wurden, und die die figürlich dargestellten Szenen der Kreuzigungsgeschichte atmosphärisch anreicherten. So hatte diese Musik sowohl eine spirituelle als auch dramatische Funktion innerhalb des komplexen Ritus, was den kompositorischen Fähigkeiten Zelenkas sehr entgegen kam. Denn wie kaum ein anderer Komponist seiner Zeit verstand er es, in seiner Musik seine tiefe Religiosität mit einem untrüglichen Gespür für unkonventionelle musikalische Effekte und dramatische Wendungen zu kombinieren. Seine Musik zeichnet sich deshalb durch Innerlichkeit und Pathos gleichermaßen aus.

Die drei ‚Sepolcri‘ aus Zelenkas Frühphase sind noch etwas reduzierter in ihrer Dramatik als die späteren Dresdner Werke, doch lohnen auch sie die Entdeckung, da sie mit lyrischen Melodien und klangvollen Instrumentationen aufwarten können. Unter anderem fordern die drei Stücke die Verwendung eines Chalumeau, was äußerst ungewöhnlich ist. Offenbar hegte Zelenka für dieses dunkel, melancholisch klingende Instrument eine besondere Vorliebe, da er häufiger Stimmen für Chalumeau schrieb. Im 'Recordare, Domine' aus 'Immisit Dominus pestilentiam' ZWV 58 begleitet das Instrument zusammen mit einer Viola und Orgel sowie Kontrabass die gedämpfte Altus-Stimme von David Erler, wodurch eigenartig nasale Klangeffekte entstehen. Zelenkas Erfindungsreichtum waren keine Grenzen gesetzt.

Das Collegium Marianum und seine Leiterin, die Flötistin Jana Semerádová, engagieren sich schon seit vielen Jahren für die Musik Zelenkas und haben sich auch intensiv mit anderen böhmisch-deutschen Grenzgängern beschäftigt. Sie dürfen als ideale Interpreten dieser Musik gelten. Jana Semerádová legt dabei weniger Wert auf ein reich besetztes Basso continuo als auf weiche Melodielinien, die sie von den Instrumentalisten und Sängern einfühlsam ausmusizieren lässt. Dies mag daran liegen, dass sie als Flötistin eher die Oberstimmen im Blick hat als die Möglichkeiten der Bassgruppe. Das Solistenensemble ist sehr gut besetzt, wobei besonders die Sopranistin Hana Blazíková mit perfekt geführter Stimme und wunderschön moduliertem Timbre hervorsticht. Der Tenor Tobias Hunger scheint hingegen mit seiner Arie 'Parcite, boni angeli' etwas überfordert, was sich in nicht immer ganz reiner Intonation und leicht forciertem Gesang äußert. Die Chorstimmen werden von den Solisten sowie vier Tutti-Sängern gestaltet, wodurch Jana Semerádová einen sehr schön durchsichtigen, leichten Chorklang von kammermusikalischer Qualität erreicht.

Die Neueinspielung von Zelenkas Karfreitagsmusiken durch Jana Semerádová und ihrem Ensemble bereichert die Zelenka-Diskographie um drei lohnende neue Werke, die einen wichtigen Einblick in das Prager Musikleben im frühen 18. Jahrhundert bieten. Auch wenn die Musik weniger prunkvoll klingt als seine späteren Werke, besticht sie durch ihre kunstvolle Stimmbehandlung und eindrucksvolle Instrumentationskunst.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zelenka, Jan Dismas: Kantaten Sepolcri

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
20.01.2012
Medium:
EAN:

CD
099925406820


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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