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Mittwoch, 30. November 2022

Bach, Johann Sebastian - The Early Overtures

Bachs Orchestersuiten in neuem Klanggewand


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Johann Sebastian Bach hat seine vier Orchestersuiten BWV 1066-1069 schon in Köthen (also zwischen 1717 und 1723) oder sogar noch früher komponiert und nicht, wie bislang angenommen, in seiner Leipziger Zeit (1725 bis 1739)! Zu diesem Schluss kommt Siegbert Rampe nach Durchsicht aller bekannten Quellen der Suiten, bei denen es sich fast ausschließlich um Abschriften der ursprünglichen Partituren beziehungsweise Stimmen handelt. Diese Kopien stammen jedoch aus Bachs Leipziger Zeit. Im Beiheft wird sehr deutlich beschrieben, warum diese Abschriften nichts mit der Entstehungszeit der Suiten zu tun haben. Anhand dieser Quellen hat Siegbert Rampe die Urfassungen rekonstruiert und kommt zu hörenswerten Ergebnissen.
Die dem Hörer so vertrauten Pauken und Trompeten der dritten und vierten Suite sind Zusätze der Leipziger Zeit und werden hier ebenso weggelassen wie die Soloflöte der Zweiten, deren Soloinstrument in einer a-Moll-Fassung nur die Geige sein konnte, weil kein Blasinstrument der Bach-Zeit wegen des geringeren Tonumfangs dieses Stück in h-Moll hätte spielen können. Dadurch, und durch den tiefen Köthener Kammerton - in Köthen wurde damals nach dem sogenannten französischen Kammerton musiziert, der einen Ganzton unter dem heute üblichen liegt - wird der gewohnte Klangeindruck dieser Stücke nachhaltig verändert.

Diese ,Weltersteinspielung', die von der Firma Dabringhaus und Grimm im Spiegelsaal des Köthener Schlosses aufgenommen wurde, lässt diese ,Veränderungen' nicht als Nachteil erscheinen, sondern kann vor allem durch die Interpretation und den Klang überzeugen. Das Klangbild dieser Aufnahme vermittelt ein enormes Volumen, trotz kammermusikalischer oder gar solistischer Besetzung. Die tiefe Stimmung ist hierfür neben der exzellenten Aufnahmequalität sicher der Hauptgrund, lässt er doch den Klang sehr kräftig und ,gesund' klingen.

Diese Interpretation Siegbert Rampes und seines Ensembles ,Nova Stravaganza' dürfte zu einer seiner Gelungensten zählen. Sie ist trotz ihrer enormen Klangfülle von einer sehr starken Motorik geprägt. Nie klingt es dünn oder zaghaft, wie bei manch anderen Barockorchestern, sondern der Klang hat immer genügend ,Biß'. Die Tempi sind schnell und dennoch ist jedes Detail zu hören. Für die in den Orchestersuiten vorkommenden Tanzsätze sind solch schnelle Tempi überliefert, die für die Charaktere der einzelnen Stücke sehr wichtig sind, und vor denen dennoch leider immer noch die meisten Interpreten zurückschrecken. Aufgrund einer sehr sprechenden Artikulation und genauen Phrasierung wird das Tänzerische der einzelnen Sätze genau getroffen. Allerdings hat Siegbert Rampe in seinem Ensemble so hervorragende Musikern zur Verfügung, die insbesondere die technischen Schwierigkeiten, die bei diesen Tempi auftreten, ganz locker meistern. Ein Sonderlob muss an dieser Stelle den Bläsern gemacht werden, die mit lupenreiner Intonation und einfallsreichen Verzierungen überzeugen können, was keinesfalls selbstverständlich ist. Als besonders gelungen seien hier die jeweils ersten Sätze jeder Suite genannt, die in Form der Französischen Ouvertüre geschrieben sind.
Die Intonation und Klanggestaltung in den Einleitungsteilen überzeugt, während die schnellen, fugierten Teile mit großer Lebendigkeit gespielt werden. Die Verzierungskunst der Interpreten ist besonders eindrucksvoll in dem bekannte ,Air' aus der dritten Suite.

Der Text im dreisprachige Beiheft stammt von Siegbert Rampe selbst und legt sehr deutlich und wissenschaftlich fundiert dar, wie er die jeweiligen Fassungen rekonstruiert hat. Eine detaillierte Beschreibung, welche Instrumente verwendet wurden, rundet den hervorragenden Gesamteindruck dieser Neuaufnahme ab.

Diese Einspielung ist ohne Einschränkung zu empfehlen und weiß vor allen Dingen durch ihre Details zu überzeugen. Sehr einleuchtend ist die teilweise Verwendung französischer Instrumente oder deren Kopien, waren doch am Köthener Hof einige Franzosen angestellt. Auch wer schon eine Einspielung der Spätfassung der Ouvertüren hat, sollte sich diese auf jeden Fall zulegen. Die Rekonstruktionen können mühelos neben ihren Spätfassungen bestehen und lohnen das Hören und Spielen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Fritz Siebert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: The Early Overtures

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
MDG
1
01.08.2002
47:58
2001
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0760623113128
MDG 341 1131-2

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Bach, Johann Sebastian


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Interpret(en):Nova Stravaganza,
Rampe, Siegbert (Harpsichord)
Dirigent(en):Rampe, Siegbert


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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