> > > Villa-Lobos, Heitor: Symphonies 3 & 9
Sonntag, 20. Oktober 2019

Villa-Lobos, Heitor - Symphonies 3 & 9

Südamerikanischer Überschwang


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt 12 Symphonien hat Heitor Villa-Lobos geschrieben ? und damit erstaunlich viele Werke eines Genres geschaffen, dass ihm in seiner formellen Tradition als absolute Musik eigentlich weniger gelegen hat. Die kompositorischen Vorlieben des in Rio de Janeiro geborenen Künstlers galten vielmehr programmatischen Inhalten ? vielleicht mit ein Grund dafür, warum vor allem seine Orchesterwerke in Deutschland bisher kaum bekannt sind.

Auf der vorliegenden CD sind nun mit der dritten und der neunten Symphonie zwei Werke vertreten, die durchaus exemplarisch für die jeweilige Schaffensperiode des Komponisten stehen, in der sie entstanden sind: Die dritte Symphonie schrieb Villa-Lobos im Jahr 1919 als Auftragswerk für die brasilianische Regierung zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges. Sie trägt daher auch den Titel ?A Guerra? ? ?der Krieg?. Das im selben Jahr in Rio uraufgeführte Werk folgt in seiner Struktur der programmatischen Vorlage und schildert in jedem der vier Sätze einen bestimmten Zustand der gewaltsamen Auseinandersetzung: Das einleitende Allegro ist mit ?A vida e labor? ? ?Leben und Wirken? ? untertitelt und beschwört das normale und friedliche Leben, bevor der zweite Satz ?Intrigas e cochichos? ? ?Intrigen und Geflüster? ? den Hinweis auf das bevorstehende Desaster gibt. ?Sofimento? ? ?Leiden? ? beschreibt das Entsetzen und das mit dem Krieg einhergehende Leid der Menschen, ehe der finale vierte Satz ?A batalha? ? ?Die Schlacht? ? die kriegerische Auseinandersetzung musikalisch abbildet. Folgerichtig finden sich in der Musik vornehmlich musikalische Idiome, die Gewalt und Leid reflektieren.

Anders hingegen die über dreißig Jahre später entstandene neunte Symphonie, die sämtliche Programmatik außen vor lässt und sich in ihrer Farbigkeit und hohen Expressivität als das Werk eines gereiften Komponisten präsentiert. Ebenso wie in der dritten bedient sich der Brasilianer auch hier wieder der traditionellen viersätzigen Form, ohne jedoch die einzelnen Sätze mit Untertiteln zu versehen. Villa-Lobos widmete die 1952 geschriebene und im gleichen Jahr vom Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy uraufgeführte Komposition seiner Frau Midinha.
Zweifelsohne jedenfalls ist die Musik des Südamerikaners eine Entdeckung wert, und so ist es wie ind der jüngeren Vergangenheit schon häufiger die in Georgsmarienhütte bei Osnabrück ansässige Plattenfirma CPO, die mit der vorliegenden Aufnahme eine wichtige editorische Lücke am deutschen Tonträgermarkt schließt, zumal diese CD teil eines Projektes mit Aufnahmen sämtlicher Symphonien des Brasilianers ist.

Das Radio-Sinfonieorchester des SWR erweist sich dabei unter seinem ständigen Gastdirigenten Carl St.Clair der künstlerischen Aufgabe mehr als gewachsen. Die unzähligen musikalischen Farbtupfer in der kompositorischen Vorlage kommen hervorragend zur Geltung; über sämtlichen Sätzen liegt ein Spannungsbogen, der den Hörer unweigerlich in seinen Bann zieht. Besonders zu begeistern vermag dabei das Lento, der mit ?Sofrimento? untertitelte dritte Satz der dritten Symphonie, welcher über eine Strecke von mehr als sechzehn Minuten an Eindringlichkeit und Ausdrucksstärke kaum zu überbieten ist. Bei aller Expressivität agieren die Musiker mit außerordentlicher Präzision und Virtuosität ? besser kann ich mir die Darbietung dieser sicherlich nicht leicht zu interpretierenden Musik kaum vorstellen.
Erfreulicherweise ist die Klangtechnik bestens geeignet, das außergewöhnliche musikalische Geschehen hörbar zu machen. Bei aller Homogenität des Orchesterklanges sind sämtliche Instrumentengruppen deutlich zu hören und im Stereobild gut ortbar.

Ferner ist ? wie von CPO ja eigentlich auch gewohnt ? die äußere Aufmachung ebenfalls überzeugend gelungen ? von der adäquaten optischen Gestaltung bis hin zum Inhalt des sehr informativen Booklets.
Alles in allem ist CPO wieder einmal eine bemerkenswerte Edition gelungen ? sicherlich alles andere als massenkompatibel, aber genau das ist ja gerade das erfreuliche. Schön, dass es bei der häufig vom künstlerischen Wert losgelösten Gewinnorientierung mancher Labels noch Künstler und Plattenfirmen gibt, die abseits vermeidlich großer Namen noch in der Lage sind, ein durch und durch stimmiges Produkt abzuliefern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Claas Lübbert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Villa-Lobos, Heitor: Symphonies 3 & 9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.08.2002
61:25
2000
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0761203971220
cpo 999 712-2

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Villa-Lobos, Heitor


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Dirigent(en):St. Clair, Carl
Orchester/Ensemble:SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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