> > > Donaueschinger Musiktage 2010: Adamek, Cassidy, Dillon..
Donnerstag, 20. Juni 2019

Donaueschinger Musiktage 2010 - Adamek, Cassidy, Dillon..

Klangräume 2010


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören.

Die Donaueschinger Musiktage sind seit jeher die Messe – und oft auch der Maßstab – für neue Entwicklungen der zeitgenössischen Musik. Zum Nachhören und Nachvollziehen gibt das Label NEOS seit 2006 jährlich einen akustischen Überblick über drei Tage voller Musik auf vier hervorragend ausgesteuerten SACDs heraus. Die Aufnahmen sind jene, die auch häufig während der Konzerte live im Radio übertragen werden, 2010 erstmals in Dolby Surround. Auf dem Blog der Musiktage ist dazu noch eine Auswahl an Hörerreaktionen veröffentlicht, die es eigentlich auch verdient hätte, auf die Silberlinge gepresst zu werden.

Das Streichquartett stand 2010 im Mittelpunkt des Festivals. War es zwei Jahre zuvor noch die ‚Ensembliade‘ gewesen, die drei Ensembles in Wettstreit miteinander treten ließ, so stand nun die etwas seltsame Wortschöpfung einer ‚Quardittiade‘ auf dem Programm – natürlich eine Hommage an die Arditttis, die mit Sicherheit die Wertung Dauerpräsenz auf der Bühne für sich verbuchen konnten: Neben den reinen Streichquartett-Konzerten bestritten sie auch das Eröffnungskonzert und traten im Abschlusskonzert mit dem SWR-Sinfonieorchester auf. Aus Frankreich war das Quatuor Diotima zu Gast, das fulminante junge JACK-Quartet aus den USA war der Dritte im Bunde.

Spannend war schon 2008 die Interpretation ein und desselben Werkes durch verschiedene Ensembles, und auch 2010 wurde dieser Gedanke in die Konzerte integriert. So ist zumindest für kurze Zeit so etwas wie eine Rezeptionsgeschichte in Form von Interpretation wahrnehmbar, werden doch oft Werke der neuen Musik nur einmal gespielt oder eben nur vom auftraggebenden Ensemble. Auf der ersten CD der Sammelbox hat der Hörer Gelegenheit, das sechste Streichquartett von James Dillon von allen drei Ensembles zu hören. Die Unterschiede sind eklatant: Das Quatuor Diotima schafft es drei Minuten schneller ins Ziel als das Arditti Quartett und fügt dem Werk so einen Hauch von französischem Esprit bei. Die Interpretation des JACK-Quartets ist um einiges kantiger und diskursiver als die gelassene Spielweise des Arditti Quartetts, die mit der Nonchalance des Altmeisters daherkommt.

Auch die zweite CD ist dem Streichquartett gewidmet, mit Werken von Bryan Ferneyhough, Alberto Posadas, Ondrej Adamek und Aaron Cassidy. Klanglich bleibt vor allem Adameks auskomponiertes Flamencoturnier im Ohr, am radikalsten ist Aaron Cassidys Zweites Streichquartett, das aus der Unterhaltung vier intelligenter Menschen – wie die Gattung häufig bezeichnet wird – einen topographischen Raum macht, in dem Richtungen und Bewegungen zu musikalischen Parametern werden. So ein Stück überträgt sich natürlich nicht nur über das Ohr, sondern auch über das Auge, was die Beschränkungen des Mediums CD schmerzlich bewusst werden lässt. Viele andere spannende Beiträge zur Gattung Streichquartett sind daher in der Rückschau nicht enthalten, beispielsweise die Installation von Georg Nussbaumer oder die wunderbare Quartettprobe von Peter Ablinger, die so viel mehr über ein Quartett und die Gattung selbst verrät als jedes stundenlange Konzert.

Die anderen beiden CDs sind den anwesenden Orchestern gewidmet, zunächst der Radio-Kammerphilharmonie Hilversum mit einem gesanglich expressiven Bassetthorn-Konzert von Marco Stroppa und dem hörspielartig virtuosen 'double up' von Simon Steen-Andersen, in dem ein Sampler für die Öffnung zur Welt und zu den Geräuschen des Alltags sorgt. Eine furiose Aneinanderreihung von Schnappschüssen bildet nicht nur ganz neue musikalische Formen, sondern bringt auch für eine absurd komische Narration im Kopf des Hörers mit sich.

Das Sinfonieorchester des SWR ist mit Vinko Globokars 'Radiographie d‘un roman' vertreten. Sekundiert vom Experimentalstudio des SWR und dem Vokalensemble des Senders entwickelt sich eine klangliches Happening, das an die avantgardistische Kraft der sechziger Jahre gemahnt. Eine ähnliche Materialschlacht benötigt das abschließende 'limited approximations' von Georg Friedrich Haas, das gleich sechs gegeneinander verstimmte Flügel auf die Bühne bringt. Aus dieser zwölfteltonigen Verstimmung resultiert ein klangliches Erdbeben, das noch ganz unerforschte Territorien des Klangs erschließt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Donaueschinger Musiktage 2010: Adamek, Cassidy, Dillon..

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
4
01.08.2013
Medium:
EAN:

SACD
4260063111143


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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