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Montag, 25. Oktober 2021

Amour, viens animer ma viox! - Französische Kantaten für Bass

Französische Kantaten


Label/Verlag: Ramée
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Feines Repertoire und dazu ein schönes Porträt des portugiesischen Baritons Hugo Oliveira, sensibel begleitet vom Ludovice Ensemble.

Weltliche Barock-Kantaten aus Frankreich sind nicht sehr präsent in der Wahrnehmung der Gegenwart. Einerseits dominieren die gattungsprägenden Arbeiten der italienischen Schule – Carissimi, Stradella, Scarlatti und später Händel seien als prominente Beispiele genannt. Andererseits sind in der französischen Musik bis 1700 andere Formen die bestimmenden Größen, behinderte der ästhetisch eher konservative Hof von Versailles die Beschäftigung mit neuen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten.

Doch bereichert die Beschäftigung mit der vielseitigen Form der Kantate das sich allmählich in den eleganten Pariser Salons etablierende musikalische Leben, findet sich hier das Publikum für die oft von klassischen Vorlagen inspirierten Libretti in feiner musikalischer Ausdeutung. Eingang in das Programm der nun bei Ramée erschienenen Platte haben Kantaten von André Campra (1660-1744), Louis-Nicolas Clérambault (1676-1749) und Philippe Courbois (ca. 1705-1730) gefunden. Unter den Titeln 'Le Jaloux' (gedruckt in Paris 1728), 'Pigmalion' (Paris 1713) und 'Orphée' (Paris 1710) präsentieren sie formal fein ausdifferenzierte Kompositionen, die mit drei instrumentalen Beiträgen aus der Feder Louis-Antoine Dornels (1685-1765) konfrontiert werden. Dessen elegante Kompositionen sind unter dem Titel 'Six Concerts en Trio' eigentlich eine Mischung aus Suite und Sonate und liefern mit dieser Vielfalt der Bezeichnungen ein gutes Beispiel für die Relativität von Formen und Begriffen in Zeiten ästhetischen Wandels – denn auch Dornel bemüht sich um die Integration manch italienischen Elements in seine Arbeit.

Die Kantaten selbst gewinnen durch die Zufuhr frischer italienischer Luft Lebendigkeit, wirken in ihren Affekten variantenreicher als die in ihrer Expressivität und formalen Anlage oft eingeengte höfische Musik des 17. Jahrhunderts. Dabei erweisen sich die weltlichen Texte als ebenso inspirierende wie tragfähige Grundlage. Manch lineare Geste bekommt etwas mehr Temperament, etliche rezitativische Wendungen werden entschlossener und konsequenter ausgedeutet. Und doch: Es bleibt bei aller fruchtbaren Konfrontation mit den italienischen Einflüssen genuin französische Musik, getragen von feinster Instrumentierungskunst, ohne allzu drastische Affekthaltungen und geprägt von jener Eleganz, die Kompositionen aus diesem musikhistorischen Umfeld beinahe unverwechselbar sein lässt.

Luzide und stimmungsvolle Deutung

Das von dem jungen portugiesischen Cembalisten Fernando Miguel Jalôto geleitete Ludovice Ensemble agiert über weite Strecken in fünfköpfiger Kammerbesetzung und spielt äußerst sensibel. Der feine und immer elegante Strich dominiert deutlich. Auffällig ist das famose Zusammenspiel von Violine und Traversflöte, in dem sich vor allem die von Joana Amorim gespielte Flöte als obligate Größe von gleichrangiger Präsenz zu profilieren versteht. Insgesamt ist ein höhenorientierter, absolut durchsichtiger Ensembleklang zu erleben, der sich gleichwohl in einigen Sätzen der Dornel-Trios zu einiger Kraftentfaltung zu sammeln versteht.

Dieser delikate Klanggrund ist es, auf dem sich der ebenfalls portugiesische Bariton Hugo Oliveira glänzend entfalten kann: Er verfügt über eine ausgesprochen leichte, absolut frei wirkende Stimme von beeindruckendem Potenzial in den hohen und mittleren Lagen – doch spricht auch das Tiefenregister leicht an, fügt sich hier manch bemerkenswerter Ton in den recht hoch liegenden Ambitus der Partien. Oliveiras stimmliche Möglichkeiten sind technisch sehr sicher gefasst, vor allem die mustergültig fließenden Übergänge der Register sind beispielhaft ausgebaut und erlauben ihm jene in diesem Repertoire unabdingbare Flexibilität der Deutung. Dazu gehören auch feine, mit einem erfreulichen Sinn für Dezenz gesetzte Verzierungen. Zudem arbeitet Oliveira in den oft langsamen Sätzen intensiv mit einer quasi modellierenden, im Entstehen einzelner Töne aktiv gestalteten Klangentwicklung. Das Klangbild ist in kammermusikalischer Sammlung eher direkt gehalten, sehr klar strukturiert und harmonisch balanciert. Alle Sphären sind ansprechend präsent, was ein plastisches Abbild gerade der leichten und affektiv differenzierten Anteile sichert. Dazu ist das Booklet - wie eigentlich immer bei Ramée-Produktionen – geprägt von einem sehr instruktiven, ausführlichen Text, eingebettet in eine sehr ansprechender Gesamtgestaltung.

So bietet die Platte interessantes Repertoire: Hugo Oliveira und das Ludovice Ensemble präsentieren fein gesponnene Kunstwerke. Die sind im Vergleich mit der zeitgenössischen italienischen Kantatenkunst zwar weniger expressiv, wirken aber dafür umso differenzierter, ausgedeuteter, auch bedachter. Dieses insgesamt wohl etwa 800 Kompositionen verschiedener hochpotenter Meister umfassende Repertoire lohnt die Beschäftigung eindeutig. Und Hugo Oliveira bringt mit seiner balsamisch strömenden Stimme gewichtige Argumente für diese Musik ein – eine feine Nischenplatte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Amour, viens animer ma viox!: Französische Kantaten für Bass

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ramée
1
01.02.2012
Medium:
EAN:

CD
4250128511070


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Ramée

Das Label RAMÉE wurde im Jahre 2004 von Rainer Arndt gegründet.
In den ersten vier Jahren seiner Existenz hat sich RAMÉE bereits als eine vielbeachtete Marke am CD-Markt der Alten Musik etabliert. Etliche Veröffentlichungen des noch kleinen Katalogs haben das Lob von Fachpresse und Publikum gefunden und sind mit Preisen prämiert worden. Sechs bis acht »handverlesene« Produktionen pro Jahr des Ein-Mann-Betriebes konzentrieren sich vor allem auf selten oder noch nicht eingespielte Literatur der Alten Musik oder auf bekanntere Werke in neuen und ungewöhnlichen Interpretationen.
Dabei werden nicht nur höchste Ansprüche an die Aufnahme selbst gestellt, sondern ebenso an die graphischen und taktilen Eigenschaften der Hülle sowie an die literarische und wissenschaftliche Qualität des Textheftes: RAMÉE-CDs sollen poetische Objekte als Ganzes sein, denn das Vergnügen des Ohres ist untrennbar mit dem des Auges und der Hand verbunden. Eine Edition für anspruchsvolle Liebhaber guter Musik!


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