> > > Rosen, Peter: Claudio Arrau - The 80th Birthday Recital
Freitag, 25. September 2020

Rosen, Peter - Claudio Arrau - The 80th Birthday Recital

Der ruhige Geist


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Pianist ist dann nicht vergessen, wenn man sich ganze zwanzig Jahre nach dessen Tod noch von Neuauflagen seiner Konzerte bereichert fühlt.

Der chilenische Pianist Claudio Arrau, geboren 1903, zählt zu den künstlerischen Größen seines Jahrhunderts. Was viele Zuhörer immer wieder an seinem Spiel fasziniert, ist seine mühelose Art, die größten Wirkungen mit den kleinsten Gesten zu entfesseln. Seine technische Beherrschung des Instruments erscheint heute noch vielen als umfassend und makellos. Im hohen Alter, wie er auf dieser DVD zu sehen ist, hat sich Arrau seinen oft als samtig beschriebenen Anschlag erhalten, unter dessen Oberfläche ein temperamentvolles, durch und durch romantisches Musikverständnis liegt – und viel Geduld.

Arrau nimmt nicht mehr den vollen Notentext mit, seine Hände sind im Alter etwas langsamer geworden als sein Verstand. Dies soll hier aber nur der Form halber erwähnt werden, denn es schmälert die Freude über die herausragenden Interpretationen der Werke Beethovens, Debussys, Liszts und Chopins nicht im Geringsten. Sein umfangreiches Konzertprogramm, 1983 gespielt in der Avery Fisher Hall New York, ist ein kleiner Spiegel seines Repertoires. Begleitet wird es auf dieser DVD von sehr knappen Interviewauszügen und schönen Kurzporträts mit und von dem Jubilar sowie von Werkeinführungen in englischer Sprache wie sie klischeebeladener nicht sein könnten. Man tut gut daran, diese im Geiste auszublenden, wenn man sich nicht die Beethoven umgebende Durch-Nacht-zum-Licht-Metaphorik zum gefühlten hundertsten Mal anhören möchte.

Beethoven

Zwei Sonaten Ludwig van Beethovens, ‚Waldstein‘ op. 53 und ‚Appassionata‘ op. 57, füllen die erste Hälfte des Konzerts. Beide Werke sind im Laufe ihrer Rezeptionsgeschichte zu wahren Schlachtrössern für karriereorientierte Pianisten geworden, doch Arrau unterläuft diese Hürde glatt. Schon der Beginn seiner ‚Waldstein‘-Sonate ist die Ansage, dass es um meisterhafte Musikalität geht und weniger um technische Meisterschaft, obwohl Arrau beides in seiner Person vereint. Sein Tempo ist bedächtig und gleichzeitig innerlich bewegt und geschmeidig. Er demonstriert ein unvergleichliches Gefühl und einen langen, altersweisen Atem für die großräumigen Spannungsverläufe in Beethovens Werken. Dass der scheinbare Verlust an virtuoser Geschwindigkeit keine Alterserscheinung ist, belegt eindrucksvoll der dritte Satz. Wichtiger dabei ist aber weiterhin, dass Arrau das Innenleben der Tempi gestaltet, nicht deren glänzende Oberfläche. So überrascht es nicht, dass gerade die langsamen Sätze beider Sonaten von größter Spannung erfüllt sind: Leise Töne, besonders gut zu hören in allen drei Sätzen der ‚Appassionata‘, laden ein zum Hineinhorchen, so wie es Arrau selbst tut.

Biographische Rückschau

Die zweite Konzerthälfte ist ihrer Stimmung meditativer als die erste und kommt der pianistischen Persönlichkeit Arraus vielleicht noch ein bisschen näher. Claude Debussys 'Reflets dans l’eau' wirkt nach Beethoven wie ein Intermezzo, doch die samtig-weiche Art von Arraus Spiel zeigt eine große Affinität zu dem eher unterschwellig changierenden als sich entwickelnden Werk.

Ähnlich verhält es sich mit Franz Liszts Spätwerk 'Les Jeux d’eaux à la Villa d’Este', ebenfalls eine Wassermusik mit impressionistischen Zügen. Hier begibt sich Arrau auf heimischen Boden, studierte er doch in seiner Jugend bei dem Liszt-Schüler Martin Krause in Berlin. Liszts überlieferte Methode, den Körper beim Klavierspiel bestmöglich zu entspannen, wird von Arrau mit seinem ganzen künstlerischen Wesen verkörpert. Auch das zweite Werk Liszts, die Ballade Nr. 2 in h-Moll, belegt dies durch eine scheinbar mühelose Exekution virtuosen Passagenwerks im Dienste eines fast rhetorischen Ausdrucks, der die Dramatik dieser Tondichtung über den Mythos von Hero und Leander auf unvergleichliche Art und Weise vermittelt.

Das eruptive h-Moll-Scherzo Frédéric Chopins bildet einen würdigen Schlusspunkt eines musikalisch reichen Konzertabends: ein sprödes, eruptives Werk, das Arrau gewohnt anstrengungslos zum Klingen bringt. Das Publikum dankt es dem Jubilar mit einem Geburtstagsständchen, und das Konzert endet in ungewohnt warmherziger Atmosphäre. Man merkt, dieser Mensch ist nur im medizischen Sinn tot.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rosen, Peter: Claudio Arrau - The 80th Birthday Recital

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
09.01.2012
Medium:
EAN:

DVD
880242586780


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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