> > > Franz Liszt - Klavierkonzerte: Daniel Barenboim & P. Boulez
Sonntag, 21. Juli 2019

Franz Liszt - Klavierkonzerte - Daniel Barenboim & P. Boulez

Der Charme der Unberechenbarkeit


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es ist die "andere" Seite, von der sich Pierre Boulez und Daniel Barenboim Liszts Klavierkonzerten nähern, eben jene, auf der keinerlei interpretatorischer Konformismus den Weg versperrt.

Zum Liszt-Jahr 2011 haben die beiden lebenden Legenden etwas ausgeheckt: Sie stellten die beiden Klavierkonzerte dem 'Siegfried-Idyll' und der 'Faust-Ouvertüre' Richard Wagners gegenüber. Die Zusammenhänge dürften bekannt sein: Liszts Tochter Cosima gab 1864, als sie noch mit dem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet war, ihrer Liebe zu Richard Wagner nach; im Jahr 1870 heirateten sie dann. Anlässlich der Geburt des gemeinsamen Sohnes Siegfried schrieb Wagner das 'Siegfried-Idyll'. Cosimas Abkehr von Hans von Bülow geschah gegen den Willen ihres Vaters, der, als er im Sommer 1867 nahezu drei Monate bei Wagner in Luzern zu Besuch war, zwischen seiner Tochter Cosima, Hans von Bülow und Richard Wagner zu vermitteln hatte.

Die langjährigen Freunde Boulez und Barenboim haben sich womöglich eines Abends nach einer Probe, als ersterer ein Glas Wasser vor sich stehen hatte und letzterer an einer Zigarre zog, über diese Fakten ausgetauscht, deren Boulevard-Charakter man schwer verleugnen kann. Sicher ist, dass Boulez entgegen mancher pauschalen Behauptung von Kritikern insbesondere den jungen Liszt wertschätzt und auch wertgeschätzt hat. Erfindungsreich sei seiner Meinung nach nicht der strenge (‚austère‘) Liszt der letzten Periode, sondern vielmehr der junge, weil er die Art und Weise, wie Komponisten für das Klavier schrieben, radikal verändert habe, mehr noch als Chopin. Seine vor etlichen Jahren gemachte Behauptung, Liszt sei in seiner Orchesterbehandlung jedoch kein ‚génie de couleur‘, widerlegt Boulez mit dieser Produktion selbst.

Dass sich Boulez und Barenboim entschieden haben, die Konzerte am 9. und 10. Juni 2011 mit der 'Faust-Ouvertüre' zu beginnen, entspricht natürlich keiner Gepflogenheit. Dahinter steckt mehr: Liszt hat die Weimarer Aufführung dirigiert und außerdem Wagner dazu bewogen, sein faustisches Stimmungsbild zu überarbeiten (hier erklingt die ursprüngliche Version). Das A-Dur-Klavierkonzert, das zweite, interessantere der beiden Lisztschen Konzerte, erklingt danach. Die Erstfassung ist 1839 entstanden, im gleichen Jahr übrigens wie die 'Faust-Ouvertüre'. Der langsamen Einleitung bleibt romantischer Bombast fern, wie zu erwarten war. Dem energischen neuen Thema (‚l’istesso tempo‘) verleiht Barenboim etwas Dämonisches, und gerade wegen des restriktiven Tempos baut sich eine große Spannung auf, die sich im nächsten Teil ('Allegro agitato assai') entlädt. Barenboim hat immer wieder Blickkontakt mit seinem Orchester, der Staatskapelle Berlin. Er ist dem Ganzen technisch gewachsen und hat ab und zu auch noch ein verschmitztes Lächeln übrig. Mit seinen konzentrierten, höchst effizienten Gesten navigiert Boulez durch das tiefe, ruhige 'Allegro moderato'. Kapellmeister-Hampelei meidet er bekanntlich so sehr wie der Teufel das Weihwasser. Seine Überzeugung, der emotionale Gehalt verdanke sich allein der Werkstruktur, lässt sich auch an dieser Interpretation ablesen. Der letzte Teil des Konzertes ist leider nur ein Allegro, das in der Partitur stehende ‚animato‘ fehlt.

Die Interpretation des 'Siegfried-Idylls' ist referenzwürdig. Es sitzen nur einige Musiker mehr auf der Bühne der Essener Philharmonie als bei der Uraufführung an Weihnachten 1870 auf den Treppenstufen in Wagners Villa Tribschen am Vierwaldstätter See mitwirkten. Ein Vergleich drängt sich auf: Im April 2009 führte Peter Eötvös (Boulez‘ langjähriger Assistent) das Werk mit den Berliner Philharmonikern auf, und zwar in einer riesigen Besetzung, die tatsächlich ‚Fidi-Vogelsang und Orange-Sonnenaufgang‘ (Wagner an Cosima) heraufbeschwörte. Boulez mag solchen Kitsch nicht, jedoch echte Gefühle, die den Schwulst nicht kennen. Kammermusikalische Transparenz tut dem Wagnerschen Kleinod gut.

Wollte Barenboim das Es-Dur-Konzert tiefgründiger machen als es eigentlich ist? Oder hat er ein schnelleres Tempo angesichts der hohen pianistischen Herausforderungen vermieden? In einem Interview anlässlich des Liszt-Jubiläums meinte er, in manchen Passagen eine gewisse Banalität zu erkennen. Liszt habe jedoch (neben der zyklischen Form) die Poesie des Schlagwerks entdeckt. Im Scherzo-Abschnitt kommen die virtuosen Triangel-Soli zum Glück gut durch; der Spieler sitzt vorne, schräg neben Dirigent und Pianist. Ein seltener, komischer Anblick. Wahrscheinlich würden beide Interpreten Bartóks kritische Einschätzung des Konzerts bei aller Liebe doch unterschreiben: ‚In der Form ist auch dies eine kühne Neuerung, es ist ebenfalls vollkommen, doch befriedigt sein Inhalt nicht im Mindesten, weil er zum größten Teil nur leeres Gefunkel ist. Einige der Gedanken darin rutschen sogar – in welch strahlende Form sie auch gekleidet sein mögen – zur Salonmusik ab.‘ Und doch – oder sogar erst recht? – haben die Ausnahme-Interpreten große Freude an der Musik. Die hat sich auf das Publikum übertragen, wie der lang anhaltenden Applaus und die vielen Bravo-Rufe verraten. Barenboim bedankt sich mit zwei Zugaben: Liszts 'Consolation' Nr. 3 und 'Valse oubliée' Nr. 1.

Man kann insgesamt von Glück sprechen, das den Lisztschen Klavierkonzerten hier wiederfahren ist. Und wir können froh sein, dass dieses besondere Konzertereignis im Rahmen des Klavier-Festival Ruhr von dem Label Accentus in ausgezeichneter Bild- und Klangqualität auf DVD verewigt wurde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Kritik von Johannes Knapp,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Franz Liszt - Klavierkonzerte: Daniel Barenboim & P. Boulez

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
ACCENTUS Music
1
15.05.2013
76:24
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830231
ACC 20239 (DVD)


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"Das Zusammentreffen von Daniel Barenboim am Klavier und Pierre Boulez am Pult der Staatskapelle Berlin in der Philharmonie Essen war ein besonderer Höhepunkt des Liszt-Jahres 2011. Die beiden Musiker von Weltrang verbindet nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch die große Verehrung für den Zukunftsmusiker Franz Liszt. Anlässlich seines 200. Geburtstages würdigten sie den Jubilar mit einem von der Kritik als „historischen Abend“ gefeierten Festkonzert. Im Zentrum des Programmes standen Liszts Klavierkonzerte Nr. 1 und 2.

Daniel Barenboim und Pierre Boulez sind sich einig: Ohne den ungarischen Komponisten, Dirigenten, Klaviervirtuosen, musikalischen Grenzgänger und Wegbereiter Franz Liszt hätte die Musikgeschichte einen anderen Verlauf genommen. Ohne ihn wäre auch Richard Wagner nicht geworden, was er wurde. „Liszt war eine Zentralfigur für die Geschichte der Musik, eine Zentralfigur für die europäische Kultur“, so Daniel Barenboim. Boulez, der die Klavierkonzerte zum ersten Mal dirigierte, komplettierte das beziehungsreiche Konzertprogramm mit zwei Instrumentalwerken eines weiteren großen Visionärs: mit Richard Wagners „Faust-Ouvertüre“ und „Siegfried-Idyll“.

Vier Ausnahmekünstler, deren Blick sich stets nach vorne richtet(e), trafen an diesem Abend zusammen: der Zukunftsmusiker Franz Liszt, der (Musiktheater-)Revolutionär Richard Wagner, der Avantgardist Pierre Boulez und der Friedensvisionär Daniel Barenboim. Zu erleben sind außerdem drei musikalische Partner von Weltrang, die sich bestens kennen: Ein halbes Jahrhundert des gemeinsamen Musizierens und künstlerischen wie menschlichen Austauschs verbindet Boulez und Barenboim. Erfahrungsreich ist ebenso beider Zusammenarbeit mit der traditionsreichen Staatskapelle Berlin - Barenboim ist seit 1992 Chef-, Boulez seit 2005 Ehrendirigent dieses erstklassigen Klangkörpers.

Die zwei Klavierkonzerte bilden in Liszts Schaffen den Übergang von pianistischen Jugendwerken zu symphonischen Kompositionen. Als „ein großformatiges symphonisches Werk mit obligatem Klavier“ bezeichnet Barenboim zum Beispiel das Zweite Klavierkonzert in einem Interview mit der Times - nachzulesen auch im Booklet der DVD und Blu-ray Edition. Als Zugaben spielt Daniel Barenboim Liszts „Consolation Nr. 3“ und den „Valse oubliée Nr.1“.

Den Klavierkonzerten jeweils vorangestellt sind zwei Instrumentalkompositionen aus dem frühen und späteren Schaffen Richard Wagners: „Eine Faust-Ouvertüre“ sowie das „Siegfried-Idyll“, letzteres ein Geburtstagsgruß Wagners an seine Ehefrau, die Liszt-Tochter Cosima. Die Sinfonische Dichtung entstand im Jahr ihrer Hochzeit und aus Freude über die Geburt des gemeinsamen Sohnes Siegfried. "


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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