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Sonntag, 22. Oktober 2017

Wetzel, Justus Hermann - Nachklang

Alt oder neu?


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schöne lyrische, teilweise auch modern anmutende Lieder eines leisen Nachromantikers, von jungen, noch unbekannten Sängern ausgezeichnet interpretiert.

Der renommierte Kompositionslehrer Justus Hermann Wetzel (1879–1973) ist als Komponist – nicht zuletzt durch Repressionen in Nazi-Deutschland – heute nahezu unbekannt. Wohl auch, um dem vollständigen Vergessen entgegenzuwirken, legt das Leipziger Label Genuin nun auf einer CD eine vorzüglich edierte Auswahl seiner 600 Lieder vor. Wetzel sah sich durchaus in der Tradition des romantischen Kunstliedes. Als Haupteinfluss lässt sich unschwer Brahms festmachen, aber auch Schubert, Hugo Wolf und – besonders gut gleich im ersten Lied zu hören – Gustav Mahler schwingen des Öfteren mit. Glücklicherweise ist Wetzel nicht bei diesen Vorbildern stehen geblieben. Auch Expressionismus und musikalische Moderne haben deutliche Spuren in den oft sehr kurzen Stücken hinterlassen. Bemerkenswert ist ein Drang zur Einfachheit der musikalischen Form und Klarheit des Ausdrucks, die beispielsweise Hermann Hesse, der mit Wetzel dreißig Jahre lang immer wieder korrespondierte, besonders gefiel und die er für die Vertonung zumindest seiner Texte für angemessen hielt.

Eine echte Bariton-Entdeckung

Die acht Hesse-Lieder auf dieser CD beeindrucken denn auch sämtlich durch den sensiblen Umgang mit den Texten. Der junge Bariton Peter Schöne gestaltet sie berückend mit belastbarer, in allen Lagen schlank und mit sauber geführter Stimme. Aus der Gruppe ragen das mit frischer, fast rotwangiger Ironie vorgetragene 'Pfeifen' und das schlicht-melancholische, die CD betitelnde ‚Nachklang‘ heraus. 'Zunachten' hingegen kommt doch, kein völliger Einzelfall unter den Liedern auf dieser CD, ein wenig kunstgewerblich daher. Musikalisch vertrackt wirkt 'Improvisation': Der Bariton muss zu Beginn tief hinuntersteigen, am Ende dagegen ein sauberes Diminuendo in der hohen Lage abliefern. Peter Schöne besteht auch diese Herausforderung souverän, begeistert überdies mit je zwei Goethe- und Eichendorff-Liedern sowie dem 'Liederkreis' op. 3 von 1919. Er gewinnt seiner nicht einmal besonders individuell timbrierten Stimme unzählige Farben ab und singt stets absolut textverständlich. Der Pianist Eduard Stan ist ihm ein Begleiter auf höchstem Niveau, der über sein Spiel Verbindungen sowohl zur frühen Nachromantik eines Max Reger als auch zum musikalischen Impressionismus aufzeigt.

In zwei Duetten ist die gleichfalls sehr junge, Mezzosopranistin Olivia Vermeulen Schönes Partnerin. Wirkt 'Märzabend' nach Dauthendey ein wenig schwül, bezaubert Goethes 'Woher sind wir geboren' in Wetzels Komposition durch fast unheimliche Sanftheit. Vermeulen steuert die entzückende Volksliedvertonung 'Da unten im Tale' sowie eine Gruppe von Mörike-Vertonungen bei. Sie singt mit mehr Stimme als Schöne und hat leichte Probleme mit der Artikulation der Reibelaute. Das führt zu etwas weniger Prägnanz in gestischem und musikalischem Ausdruck – es sei denn, der sehr gut sitzenden Stimme wird die Möglichkeit zur Expansion geboten. Das wunderbare Aufblühen etwa im Lied 'In der Frühe' nährt den Verdacht, dass Olivia Vermeulen im rein romantischen Repertoire künstlerisch noch mehr zu sagen hätte. Liana Vlad begleitet sie solide und manchmal eine Spur neutral.

‚Nachklang‘ ist ein bis in sorgfältig gemachte Booklet technisch hervorragend gemachtes Projekt, das geeignet scheint, zumindest das eine oder andere von Wetzels lyrischen Stücken dem allgemeinen Kunstliedrepertoire zurückzugewinnen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wetzel, Justus Hermann: Nachklang

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
20.01.2012
EAN:

4260036252231


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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