> > > Belder, Pieter-Jan spielt: Werke von Bull, Byrd, Farnaby u.a.
Montag, 17. Juni 2019

Belder, Pieter-Jan spielt - Werke von Bull, Byrd, Farnaby u.a.

Mit souveränem Zugriff


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Cembalist Pieter-Jan Belder empfiehlt sich mit einer Doppel-CD, die den ersten Teil einer Einspielung des bedeutenden 'Fitzwilliam Virginal Book' umfasst.

Die Handschrift des ‚Fitzwilliam Virginal Book‘, heute aufbewahrt im Fitzwillam Museum in Cambridge und benannt nach ihrem früheren Besitzer Viscount Richard Fitzwilliam, ist eine der bedeutendsten und umfangreichsten britischen Sammlungen von Musik für Tasteninstrumente. Rund 300 Kompositionen versammelt der Folioband, darunter vor allem zahlreiche zwischen 1562 und 1612 entstandene Werke von Komponisten wie John Bull, William Byrd, Giles Farnaby, Orlando Gibbons oder Peter Philips, aber auch anonyme Beiträge und Stücke weniger bekannter Tonsetzer wie William Inglott, John Mundy, Edward Johnson und Martin Peerson. Pieter-Jan Belder, bei Brilliant Classics in den vergangenen Jahren durch seine schlüssigen und hochwertigen Einspielungen von Cembalowerken Jean-Philippe Rameaus oder Johann Sebastian Bachs hervorgetreten, hat nun den ersten Teil einer Einspielung dieses Repertoires als Doppel-CD mit insgesamt 35 Stücken vorgelegt.

Wie kenntnisreich der Musiker sich dieser Musik widmet, beweist sein Booklettext, der, freilich nur in englischer Sprache, sich zunächst der Herkunft des ‚Fitzwilliam Virginal Book‘ widmet und sich anschließend mit den dort versammelten Genres befasst. Da die Kompositionen offenbar nicht explizit für einen spezifischen Instrumententyp komponiert worden sind – die aus dem Sammlungstitel hervorgehende Bestimmung der Werke für das Virginal, einer besonderen Bauform des Cembalos, resultiert aus einer Fehlzuweisung des Musikhistorikers Charles Burney, der die Handschrift fälschlicherweise als Virginal Book von Queen Elizabeth identifizierte –, ist ihr Vortrag auf allen zeitgenössischen Tasteninstrumenten möglich. Entsprechend wählt Belder vier verschiedene Cembalo-Nachbauten mit jeweils eigenem Klangcharakter aus. Da er zudem die Stücke so anordnet, dass sich Bezüge oder Kontraste zwischen den Nummern herausbilden, ist seine Aufnahme schon von ihren Grundvoraussetzungen her sehr abwechslungsreich.

Dazu kommt Belders gewohnt souveräner technischer wie musikalischer Zugriff, der gekonnt – und abhängig von der jeweiligen Instrumentenwahl – die Waage zwischen der extremen Artifizialität mancher Stücke und ihrer teils sehr affektreichen Ausdrucksdimensionen hält. Wie sorgfältig der Cembalist dabei vorgeht, zeigen insbesondere längere Kompositionen wie die Variationenfolgen 'Walsingham' (Nr. I) und 'In Nomine' (Nr. CXIX) von John Bull oder 'A Grounde' (Nr. CXXX) von Thomas Tomkins, deren Spannungsverläufe von feinen Zäsursetzungen durchsetzt sind, die Belder aber immer einer schlüssigen Formung der Gesamtgestalt unterordnet. Demgegenüber gibt er dort viel stärker nach, wo deklamatorische Melodiequalitäten einen affektbestimmten Zugang fordern, beispielsweise in der 'Pavana Ph. Tr. ' (Nr. XCIII) von William Byrd, in der 'Fantasia' (Nr. LXXXIX) von Nicholas Strogers oder in der herben 'Pavana Paggert' (Nr. LXXIV) von Peter Philips, in der Belder die Verzierungen besonders schön aus den Spannungen der Harmonik heraus entwickelt.

Dass der Cembalist auch andere Tonfälle bestens beherrscht, beweist er darüber hinaus in all jenen Stücken, in denen er den Klang seiner Instrumente zu teils volltönender Ausgestaltung einsetzt. Während dies etwa in Bulls 'Piper’s Galliard' (Nr. CLXXXII) auf relativ einfache Weise geschieht, nutzt Belder die Nachahmung der Wirkung sich überlagernder Glockenklänge in Bulls 'The Bells' (Nr. LXIX) für einen geradezu suggestiven Umgang mit dem gewählten Instrument. Dass er schließlich den zahlreichen Tänzen – etwa Giles Farnabys 'The old Spagnoletta' (Nr. CCLXXXIX) oder Byrds 'Coranto' (Nr. CCXLII) – durch rhythmische Elastizität eine abwechslungsreiche Spannung zu geben vermag, rundet auch diese Facette des ‚Fitzwilliam Virginal Book‘ ab. Hier ist in der Tat eine sehr empfehlenswerte und schlüssige Aufnahme dieses Repertoires für Tasteninstrumente entstanden, auf deren baldige Fortführung man sich freuen darf.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Belder, Pieter-Jan spielt: Werke von Bull, Byrd, Farnaby u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
2
03.02.2012
EAN:

5028421943039


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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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