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Samstag, 22. Januar 2022

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Geistliche Chorwerke

Symbiose zwischen Vergangenheit und Gegenwart


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende Aufnahme präsentiert in einer durchweg schlichten Interpretation Werke Mendelossohns, die zum wenig aufgeführten und vielleicht auch zu Unrecht weniger geschätzten Chorrepertoire zählen.

Mendelssohn war Zeitgenosse sowohl noch von Komponisten der Klassik als auch der Romantik. Die religiös-musikalische Haltung und persönliche Ästhetik Mendelssohns sowie seine Kompositionsstile wechseln im Laufe der verschiedenen Lebensabschnitte so stark, dass für die Rezeption keine konstante kompositorische Anschauung greifbar ist. Gerade Mendelssohns geistliches Werk zeichnet sich durch eine besondere Vielfalt aus: Der beständige Wechseln zwischen katholisch und lutherisch geprägten Texten wie auch die stilistische Offenheit, die in Motetten, Choral- und Psalmvertonungen Ausdruck finden, bezeugen die bemerkenswerte konfessionelle und kompositorische Offenheit des Zelter-Schülers.

Bei den auf vorliegender Aufnahme eingespielten Werken handelt es sich um frühe geistliche Kompositionen, die in Berlin, Rom und Düsseldorf entstanden. Das 1826 komponierte mehrchörige 'Te Deum' ist eindeutig von Händels ‚Utrechter Te Deum‘ inspiriert, mit dem sich Mendelssohn intensiv auseinandersetzte. Die Interpretation von Mendelssohns zwölfsätzigem Werk durch den Norddeutschen Figuralchor unter der Leitung von Jörg Straube zeichnet sich vor allem durch einen in sich geschlossenen, stimmigen Gesamtklangs aus. Die leichte chorische Unpräzision im einleitenden 'Te Deum laudamus' fällt dabei weniger ins Gewicht als die insgesamt vermehrt zögerlichen Stimmeinsätze im anknüpfendem 'Tibi omnes angeli'. Der Chor überzeugt zwar über weite Strecken hinweg mit einer bemerkenswerten Intonationsreinheit; aber die kleineren Unsauberkeiten im Schlusschor 'Fiat misericordia tua' trüben die gute Gesamtwirkung zuletzt leider doch ein wenig.

Die drei Motetten op. 39 und das 'O beata benedicta', welches übrigens zunächst auch für den Motettenzyklus konzipiert, jedoch später wieder verworfen wurde, sind für Frauenchor mit Orgel komponiert. 'O beata benedicta' und zwei der Motetten entstanden während Mendelssohns längerem Aufenthalt in Rom im Jahr 1830. Inspiriert vom ausdrucksvollen Gesang der französischen Nonnen in der Kirche Santa Trinità die Monti komponierte Mendelssohn auf der Grundlage katholischer Texte kleine Werke, welche auf recht offensichtliche Weise musikalische Verbindungen zur altrömischen Schule um Palestrina aufweisen und weitaus weniger Züge der Musikgegenwart Mendelssohns in sich tragen. Dem Chor gelingt die musikalische Umsetzung des dominanten homophonen Kompositionsstils in allen vier Werken auf emotional berührende, schlichte Weise. Vor dem Hintergrund des folgenden Briefzitats des Komponisten aus Rom, das sich auf Aufführungen einiger Werke Palestrinas in der katholischen Liturgie in Rom bezieht, vermittelt die vorliegende Einspielung den besonders empfindungsbasierten musikalischen Ausdruck Mendelssohns auf überzeugende Weise: ‚Es macht eine ganz seltsame Wirkung, man verliert ganz und gar das Gefühl einer Tonart und folgt nun ohne Faden den Tönen, die herauf und herunter steigen, bis denn der erste Klang eines Musikstücks sich wieder ausbreitet, Einem das Gefühl von Musik wiedergibt und die Ungewißheit vollkommen auflöst‘ (Brief an Carl Friedrich Zelter, Rom, 1. Dezember 1830).

Von ähnlicher Wirkung ist der fünfteilige Vespergesang 'Adspice Dominem' op. 121 für Männerchor. Die ruhige, schlichte und ungekünstelte Interpretation unter Straube führt auch hier einen katholischen Gottesdienst vor Augen, wie ihn Mendelssohn als geborener Jude und getaufter Protestant in Rom erlebt haben könnte. Mendelssohn selbst bedient sich nicht nur barocker Stilmittel – beispielsweise in Form des schreitenden Instrumentalbasses im ersten Satz –, sondern greift im vierten Satz auf den Gregorianischen Choral in zeitgenössischer klanglicher Einbettung zurück, womit dem Komponisten einmal mehr eine beeindruckende Symbiose von musikalischer Vergangenheit und Gegenwart gelingt. Interessanterweise enthält Mendelssohns Autograph kein auskomponiertes Orgelcontinuo; dies wurde erst in der Erstausgabe ergänzt. Für die vorliegende Einspielung entschied sich Straube für die Orgel, die, gespielt von Ryoko Morooka, dem Chor als sichere und schöne klangliche Stütze dient. Die betont schlichte Herangehensweise der Interpreten ermöglicht eine subtile, ergreifende Wirkung der stilistisch komplexen Komposition Mendelssohns. Bereits vor seiner großen Romreise komponierte Mendelssohn sein zweisätziges 'Hora est' für vier vierstimmige Chöre, ein Werk, das ebenfalls dem altitalienischen Kirchenmusikstil verbunden ist. Trotz des schönen Chorklangs offenbaren sich gerade hier interpretatorische Grenzen der Interpreten. Die weitestgehend introvertierten musikalischen Gesten sorgen zwar für einen roten Faden innerhalb der Interpretation. Allerdings fehlt an einigen Stellen die pulsierende Energie und deklamatorische Kraft des Chores, was er im 'Te Deum' deutlich klarer unter Beweis zu stellen vermochte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Geistliche Chorwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
23.05.2012
Medium:
EAN:

CD
4003913125675


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

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