> > > Mahler, Gustav: 'Ich bin der Welt abhanden gekommen'
Donnerstag, 20. Juni 2019

Mahler, Gustav - 'Ich bin der Welt abhanden gekommen'

Nichts zu lachen mit Mahler


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Lieder sind nicht schrecklich schön, sondern eher ganz schön schrecklich, aber nicht einmal das: Sie sind so schrecklich, dass man die CD als schön be-zeichnen muss.

Gustav Mahlers Lieder sind nicht unterhaltsam oder schön im kulinarischen Sinn. Und wenn sie schön sind, sind sie immer zugleich schrecklich und führen an die Abgründe menschlichen Denkens, Fühlens und Lebens. Das gilt auch für die bewegteren und nur scheinbar fröhlichen, eher volkstümlichen Lieder aus der Sammlung ‚Aus des Knaben Wunderhorn‘. Unbeschwertheit, wenn es sie überhaupt gab, war in der Welt der Wunderhorn-Gedichte stets vorübergehend und immer mit einem wenigstens leise-wehmütigen Unterton versetzt, weil das Leben eben nicht leicht war. Diese Erfahrung hat auch Gustav Mahler gemacht, wie aus vielen seiner brieflichen Äußerungen hervorgeht. Jedenfalls sind Mahlers Lieder Kleinodien der Melancholie (von manchmal kaum erträglichem Ausmaß), der menschlichen Tragik und des Leidens an der Welt und am Leben in all seinen Facetten. Humor war – nebenbei gesagt – zu Mahlers Zeit und in Mahlers Augen etwas ganz anderes als das, was wir darunter heute, geprägt von Comedy und Showgeschäft, darunter verstehen.

Deswegen und wohl auch wegen ihres enormen Schwierigkeitsgrades, der eine Herausforderung für jeden Sänger ist, sind diese Lieder vermutlich so beliebt, bei Sängern wie Zuhörern. Sie verlangen dem Interpreten neben dem jeweils genau richtigen Maß an Ernst und Witz immer auch das Bewusstsein des zeitgleich vorhandenen Gegenteils ab, das dem Ernst einerseits seine Härte nimmt und den Witz durch die dahinter aufscheinende Zerrissenheit brüchig macht. Das gilt auch für die Soldatenlieder, die sich in den Sammlungen ‚Aus des Knaben Wunderhorn‘ und in den 'Sieben Liedern aus letzter Zeit' finden. Dass Mahler in einer Garnisonsstadt mit allgegenwärtiger Militärmusik aufgewachsen ist, ist hinlänglich bekannt und diskutiert worden. Aber seine Soldatenlieder sind niemals kraftstrotzend, sondern zeigen eher das Aufbäumen gegenüber Gewalt und sinnlosem Sterben; sie sind nie gewaltverherrlichend, sondern immer Anklage, weil sie die Liebe zerstören und weil Krieg niemals gut ausgeht. In Mahlers Liedern schon gar nicht.

Deswegen kann ein Sänger Mahlers Lieder, insbesondere die Soldatenlieder, auch nicht einfach so singen, geschmackvoll und verständig das umsetzend, was in den Noten steht. Wenn man nur das tut, sind diese Lieder eindrucksvoll und bedrückend. Wenn man den Text der Buchstaben und der Noten ernst nimmt und unmissverständlich deutlich interpretiert, werden sie nachgerade unerträglich. Dann muss man sich fragen, wie Mahler es ertragen konnte, solche Musik zu schaffen, wie die Interpreten mit diesen Liedern leben können, ohne zu verzweifeln, und wie die Zuhörer mit der Anspannung umgehen können, in die sie hörenderweise gestürzt werden.

Das Duo Thomas E. Bauer, Bariton, und Uta Hielscher, Klavier, als Interpreten von Mahlers Liedern hat diese jedenfalls so verinnerlicht, dass es immun ist gegenüber Konventionen, gegenüber vereinheitlichenden Tendenzen oder irgendeiner Art der Oberflächlichkeit gegenüber dem Text, sei es der aus Buchstaben oder der aus Noten. Zunächst sind zum Beispiel die Rubati und besondere Akzente sowohl in der Liedmelodie als auch in der Klavierbegleitung gewöhnungsbedürftig, weil eben ungewohnt und ungewöhnlich. Aber dass diese Interpretation kein Selbstzweck ist, sondern dem Verstehen und Verinnerlichen der Lieder dient, wird dem Hörer bald klar, da er gar nicht anders kann, als sich durch diese Interpretation neu mit den Liedern Mahlers auseinanderzusetzen. Singstimme und Klavierpart werden dabei zugleich selbständig geführt als auch genau aufeinander abgestimmt. Das gelingt den beiden Musikern bei aller Expressivität mit größter Präzision. Hinzu kommen technische Beherrschung im Lauten wie Leisen, bei langen wie kurzen Tönen und außerdem – keineswegs zu vernachlässigen – Klangschönheit.

Zu fragen ist aber, warum es sinnvoll sein könnte, das Booklet in die CD-Hülle zu kleben. Auch macht das anstelle eines Einführungstextes abgedruckte Interview der beiden Musiker mit einem Journalisten einen eher bemühten und keineswegs natürlich-spontanen Eindruck. Allerdings erscheint die Argumentation hinsichtlich der gewählten Reihenfolge der Lieder (einerseits dramaturgisch sich entwickelnd, andererseits einigermaßen beliebig und eher kontrastierend) doch nicht besonders schlüssig. So oder so erscheint die Abfolge der Lieder der Rezensentin nicht besonders geglückt. Wie wäre es bei der hier vorgenommenen Zusammenstellung von Liedern, wenn man etwa als Pendant zum ersten Lied 'Blicke mir nicht in die Lieder' an den Schluss das 'Lied des Verfolgten im Turm' (Die Gedanken sind frei) gestellt hätte? Manche inhaltliche Klammer wäre dem hin und wieder zu großen Kontrast vorzuziehen gewesen. Aber das sind Kleinigkeiten gegenüber dem musikalischen Genuss, den diese CD fraglos bietet, bei allen überzeugend dargebotenen Schrecken und Abgründen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: 'Ich bin der Welt abhanden gekommen'

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS MUSICI
1
19.08.2011
64:17
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
885150323649
232364


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"In der vorliegenden Aufnahme interpretiert der Bariton Thomas E. Bauer - Mitbegründer des Ensembles Singer Pur und inzwischen gefragter Solist - Rückert- und Wunderhorn-Lieder. Es ist beeindruckend, wie Bauer mit seiner Partnerin Uta Hielscher, Klavier, diese vom Schwierigkeitsgrad her heiklen Gesänge meistert. Das Duo bringt eben jenes hohe Maß an Einfühlungsvermögen mit, das die vielschichtigen, teils derb-ironischen, teils traumhaft-suggestiven Ebenen der Lieder erfordert."


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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