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Donnerstag, 3. Dezember 2020

Haydn, Joseph - Sämtliche Klaviertrios

Meilenstein


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


CPO fasst die über mehrere Jahre hinweg eingespielte Reihe der Klaviertrios von Joseph Haydn mit dem Trio 1790 in einer exquisiten Box zusammen. Es ist zweifellos mal wieder eine maßstabsetzende Edition.

Und wieder einmal legt cpo eine Edition vor, die auf lange Zeit hin Maßstäbe setzen wird. Nicht nur, weil man sich um ein Repertoire kümmert, das meist links liegen gelassen wird, zumindest bis auf ganz wenige Ausnahmen; sondern auch, weil es hier eine interpretatorische Umsetzung erfährt, die schlichtweg keinerlei Wünsche offen lässt. Es geht um die Sammlung von Joseph Haydns Klaviertrios, die von dem Ensemble Trio 1790 zwischen 1995 und 2003 für cpo in loser Folge eingespielt wurden und nun in einer exquisiten, neun CDs enthaltenden Box zusammengefasst wurden. Knapp 600 Minuten erfrischendster Musik stellt das Trio 1790 vor, das hier in verschiedenen Besetzungen zu hören ist. Der Pianist Harald Hoeren bildet den Fixpunkt des Ensembles, während der Violinpart mal von Matthias Fischer, mal von Susanne von Bauszern, mal von Annette Wehnert übernommen, der Cellopart von Philipp Bosbach oder Mercedes Ruiz gespielt wird. Trotz der wechselnden Zusammensetzung: Die musikalische Qualität des Ensembles wird stets höchsten Ansprüchen gerecht.

Am Puls einer Gattungsgenese

Im ebenso exzellenten wie umfangreichen Beihefttext, der dieser Edition beigegeben ist, weist der Autor auf die herausragende Bedeutung Haydns für die Entwicklung und Etablierung des Klaviertrios als eigenständiger Kammermusikgattung hin. Im Gegensatz zu Haydns entscheidendem Beitrag im Bereich des Streichquartetts wird sein Anteil an der gattungsgeschichtlichen Verfestigung des Klaviertrios viel weniger gewürdigt. Dabei ist die musikalisch-kompositorische Vielfalt, die Haydn mit dieser Besetzung ausprobierte, in diesem Bereich ebenso groß. Während die frühen, um 1760 entstandenen Klaviertrios das Erbe der barocken Triosonate aufnehmen (und daher der Clavierpart noch Generalbass-Wurzeln hat) und weitertragen, sind die späteren Trios als Claviersonate mit Streichinstrumenten-Begleitung angelegt: Das Verhältnis zwischen Streichern und Clavier ist einer großen Umwertung unterworfen, wobei sich in den letzten Beiträgen Joseph Haydns bereits eine Emanzipation der Streichinstrumente ankündigt, die dann in Beethovens Trios weiterentwickelt wird. Möglicherweise wird Haydns Innovationskraft an der Etablierung der kammermusikalischen Gattung Klaviertrio deshalb gegenüber dem Streichquartett nicht ebenbürtig gewürdigt, weil die frühen Klaviertrios nicht auf Augenhöhe mit dem Streichquartett standen; die frühen Trios, die aus Tanzsätzen gebildet werden, sind vielmehr besetzungsmäßig abgespeckte Divertimenti. Diese Musik gehört zu den geselligen Musizierformen, ihr Anspruch richtet sich eher an Liebhaber denn an Kenner. Dennoch: Der kompositorische Esprit Haydns zeigt sich in gleicher Weise in den Klaviertrios.

Feinfühlige, nuancenreiche Umsetzung ohne Übertreibung

Die klanglichen Kostbarkeiten der historischen Instrumente, die hier zum Einsatz gelangen, werden von den Musikern des Trios 1790 wunderbar feinsinnig und mit stilistischer Differenzierung genutzt. In den frühen Trios verwendet Harald Hoeren ein Cembalo, dessen perkussive, luftige Tongebung den tänzerischen Charakter der Musik unterstützt, während die kantablen Bögen langsamer Sätze mit klangvollen Arpeggien aufgefüllt werden. In den späteren Trios erklingt ein sehr rund und angenehm füllig klingender Hammerflügel, dessen klangliche Schattierungen von dem Pianisten mit weichem Anschlag betont werden. Das Ensemble versieht die raschen Sätze mit zündendem Esprit, spritziger Rhythmik, lebhaften Figurationen und einem höchst willkommenen leise vorwärtsdrängenden Gestus. In den langsamen Sätzen, die hier mit langem Atem und schöner Grazie vorgetragen werden, vermeiden die Streicher ein puritanisches Non-Vibrato; während das Streichervibrato in den schnellen Sätzen sehr dosiert zum Einsatz kommt, lassen die Streicher ihren Ton in den sanglichen Passagen bedächtiger Gangart aufblühen.

Die Abstimmung innerhalb des Ensembles lässt keine Wünsche offen, auch in dynamischer Hinsicht: Das Verhältnis zwischen Tasten- und Streichinstrumenten, das bei der Verwendung eines modernen Flügels nicht selten erhebliche Probleme bereitet, ist schlichtweg ideal. Das Erstaunlichste an der interpretatorischen Ausformung des Trios 1790 ist jedoch, dass die Musiker genau die richtige Balance finden zwischen Natürlichkeit des Vortrags und individueller Modellierung. Schnelle Figurationen rattern hier nicht mechanisch ab, sondern werden als schwunghafte Geste begriffen. Erfreulich ist aber vor allem, dass die Musiker nichts übertreiben. Während unserer Tage von anderen Ensemble die abrupten Kehrtwendungen, überraschenden Akzente und harmonischen Seitenwege mit verschiedenen interpretatorischen Mitteln so ausgestellt werden, dass sie zu bloßen Effekten werden, sind derlei subversive Momente der Komposition hier eingebettet: Das Trio 1790 nivelliert nicht, übertreibt aber auch nicht.

Daran können sich einige Ensembles ein positives Beispiel nehmen, aber nicht nur daran. Durchaus willkommen wäre es, wenn diese in allen Belangen exzellente Zusammenstellung Musiker wie Programmverantwortliche, freilich auch Zuhörer, das Interesse an Haydns geistreichen Werken entzünden könnte. Und wenn ein Flächenbrand daraus wird – in diesem Fall wäre es kein Schaden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Haydn, Joseph: Sämtliche Klaviertrios

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
Medium:
EAN:

CD
761203764921


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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