> > > Bach, Carl Phillip Emanuel: Die Israeliten in der Wüste
Samstag, 19. Oktober 2019

Bach, Carl Phillip Emanuel - Die Israeliten in der Wüste

Ausgedünnt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Einspielung von Carl Philipp Emanuel Bachs 'Israeliten in der Wüste' erscheint so trocken wie es der Titel vermuten lässt.

Es waren große Fußstapfen, in die Carl Philipp Emanuel Bach 1768 bei seinem Amtsantritt als Musikdirektor Hamburgs trat. Sein Vorgänger und Taufpate Georg Philipp Telemann hatte das Musikleben der Stadt durch über 40jährige Tätigkeit nachhaltig geprägt und ihm zu internationaler Ausstrahlung verholfen. Dessen war sich der berühmteste der Bach-Söhne wohl sehr bewusst, führte er doch in seiner Amtszeit neben eigenen Kompositionen auch immer wieder Werke Telemanns auf. Je länger er die vielfältigen Aufgaben und Pflichten als Bereitsteller für Musik der fünf Hauptkirchen Hamburgs wahrzunehmen hatte, desto eher war dieser Umstand auf persönliche Bequemlichkeit und insgesamt wenig eigene Begeisterung für Kirchenmusik zurückzuführen. Der ‚Output‘ nimmt sich in seinen zwanzig Dienstjahren vergleichsweise bescheiden aus, worunter sich nichtsdestotrotz einige bemerkenswerte Werke wie etwa das 'Heilig' (Wq 217) finden. Gleich zu Beginn seiner Hamburger Tätigkeit schwebte ihm offenbar eine Art musikalische Visitenkarte vor und das Ergebnis ist das hier eingespielte Oratorium 'Die Israeliten in der Wüste', das viel Raum für lyrische und wenig Raum für dramatische Episoden lässt – und im Ganzen recht matt ausfällt.

Der komplett neu gedichtete Text schildert eine Episode des Volkes Israel nach der Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft durch Moses. Die Handlung als solche ist schnell erzählt: Das Volk steht kurz vor dem Verdursten, verklagt seinen Gott dafür und sehnt sich nach der Gefangenschaft zurück. Da erscheint Moses, beklagt sich über die Undankbarkeit und lässt angesichts des Ernstes der Lage dennoch aus einem Felsen Wasser sprudeln. Daraufhin herrscht wieder freudige Stimmung und ein recht ausgedehnter Ausblick über das einstige Erscheinen eines ‚Verheißenen Gottes‘ – gemeint ist Jesus Christus – schließt das Werk ab.

Der Leiter der Einspielung, Wolfgang Brunner, versteigt sich im Booklet diesbezüglich zu dem Pauschalurteil, dass man im 21. Jahrhundert in den reflektierenden Passagen kaum noch Lebendigkeit erkennen könne, aber der Ensemblesatz 'Gott Israels empfange im jauchzenden Gesange' beweise mit ‚überschäumender Fröhlichkeit‘ das Gegenteil. Leider muss man sagen, dass an der Einspielung insgesamt nichts Überschäumendes ist. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen liegt dies gar nicht in der Intention des Werks und zum anderen ist die Interpretation durch die Salzburger Hofmusik recht trocken und spröde geraten. Es wäre die Kunst gewesen, die einzelnen Stationen des Werks mit den ihnen innewohnenden Emotionen – Verzweiflung, Wut, dann Freude und auch die ahnungsvollen Reflexionen über das Kommende – pointierter nachzuzeichnen als hier geschehen. Der Kern des Werks, das individuelle Nachfühlen des Dargestellten mittels einer ‚empfindsamen‘ Tonsprache, bleibt davon in großen Teilen unberührt. Zwar ist die anfängliche verzehrende Existenzangst der Israeliten gut eingefangen, doch färbt dieser klangliche Eindruck auf das Folgende zu sehr ab, als dass echte Kontrastwirkungen entstehen. Chor und Orchester agieren mit allzu karger Tongebung, ein stimmiger Gesamtklang stellt sich bei aller Transparenz nicht recht ein. Für den insgesamt verinnerlichten Tonfall des Werks erweist sich dies als problematisch, denn so manövriert Brunner sich in die Lage, die ihn zur schon genannten vorauseilenden Entschuldigung für fehlende Lebendigkeit verleitet hat.

Die vier Solisten Gudrun Sidonie Otto als Erste Israelitin, Nele Gramß als Zweite Israelitin, Hermann Oswald als Aaron und Michael Schopper als Moses bewältigen ihre Partien ansprechend und mit hörbarem Engagement, wenn auch Schopper bisweilen etwas die Geläufigkeit abhanden kommt. Es bleibt letztlich der Eindruck eines Werks, das paradigmatisch für einen lyrisch-empfindsamen Stil steht und damit bewusst andere Wege in der Oratorienkomposition beschreitet, aber das auch innerhalb dieser Stillage durchaus Längen hat und den Komponisten unterhalb seiner Möglichkeiten zeigt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Carl Phillip Emanuel: Die Israeliten in der Wüste

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.12.2011
Medium:
EAN:

CD
761203756025


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Bach, Carl Philipp Emanuel
 - Die Israeliten in der Wüste - Die Zunge klebt am dürren Gaumen
 - Die Israeliten in der Wüste - Ist dieses Abrams Gott
 - Die Israeliten in der Wüste - Will er, dasssein Volk verderbe?
 - Die Israeliten in der Wüste - Verehrt des Ew'gen Willen
 - Die Israeliten in der Wüste - Bis hierher hat er euch gebracht
 - Die Israeliten in der Wüste - Warum verließen wir Ägyptens blühend Land?
 - Die Israeliten in der Wüste - O! bringet uns zu jenen Mauern
 - Die Israeliten in der Wüste - Für euch fleht Moses stets
 - Die Israeliten in der Wüste - Symphonie
 - Die Israeliten in der Wüste - Welch ein Geschrei tönt in mein Ohr?
 - Die Israeliten in der Wüste - Du bist der Ursprung unsrer Not
 - Die Israeliten in der Wüste - Undankbar Volk
 - Die Israeliten in der Wüste - Umsonstsind unsre Zähren
 - Die Israeliten in der Wüste - Gott, meiner Väter Gott
 - Die Israeliten in der Wüste - Gott, sieh dein Volk im Staube liegen
 - Die Israeliten in der Wüste - Oh Wunder!
 - Die Israeliten in der Wüste - Verdienet habt ihr den Zorn des Herrn
 - Die Israeliten in der Wüste - Gott Israels, empfange in jauchzenden Gesange
 - Die Israeliten in der Wüste - Wie nah war unsder Tod
 - Die Israeliten in der Wüste - Vor des Mittags heißen Strahlen
 - Die Israeliten in der Wüste - O Freunde, Kinder
 - Die Israeliten in der Wüste - Beneidenswert, die ihren Sohn ihr nennt
 - Die Israeliten in der Wüste - Oh selig, wem der Herr gewähret
 - Die Israeliten in der Wüste - Hofft auf den Ew'gen
 - Die Israeliten in der Wüste - Verheissner Gottes
 - Die Israeliten in der Wüste - Was der alten Väter Schaar
 - Die Israeliten in der Wüste - Oh Heil der Welt
 - Die Israeliten in der Wüste - Lass Dein Wort


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Interpret(en):Brunner, Wolfgang
Otto, Gudrun Sidonie
Gramß, Nele
Oswald, Hermann
Schopper, Michael


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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