> > > Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 3 in d-Moll
Dienstag, 25. Januar 2022

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 3 in d-Moll

Blomstedts Bruckner-Zyklus - die Erstfassung der Dritten


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Blomstedts frühere Aufnahme von Bruckners Dritter Sinfonie ist diesem Mitschnitt vorzuziehen, nicht zuletzt aus klanglicher Sicht, auch wenn diese Produktion durch präzise Räumlichkeit punkten kann.

Der Dirigent Herbert Blomstedt, mit mittlerweile 85 Jahren ein Grandseigneur seiner Zunft, machte nie viel Aufhebens um seine Person. Wahrscheinlich ist er deshalb in den Kulturmedien viel weniger präsent als einige seiner Kollegen, doch geht mediale Präsenz bekanntermaßen nicht proportional mit den fachlichen Kompetenzen einher. In den letzten Jahren war der weiterhin rüstige Dirigent hierzulande häufig zu erleben: bei den Bamberger Symphonikern, beim RSO Stuttgart oder an seiner ehemaligen Wirkungsstätte in Leipzig – und mit schöner Regelmäßigkeit standen Bruckners Sinfonien auf dem Programm.

Dass Blomstedt bei Bruckner ein gewichtiges Wort mitzureden hat, machte er bereits vor Jahrzehnten deutlich. Noch während seiner Zeit als Chef der Dresdner Staatskapelle entstanden beachtenswerte Aufnahmen der Sinfonien Nr. 4 und 7, als Gewandhauskapellmeister legte er dann eine überraschend kantige, unbehauene Neunte Sinfonie vor, die manchen bis heute als eine der herausragenden Einspielungen dieses Werks gilt. Dennoch hört man den Namen Blomstedt, wenn es um ‚große‘ Bruckner-Dirigenten geht, allzu selten. Das könnte sich nun ändern. Blomstedt hat sich Zeit gelassen, viel Zeit, ehe er seine erste Gesamteinspielung der Bruckner-Sinfonien vorlegt. Sukzessive vervollständigt er den in Einzelfolgen erscheinenden Zyklus mit dem Leipziger Gewandhausorchester, der in Form von Konzertmitschnitten bei dem Label Querstand in Zusammenarbeit mit dem MDR erscheint.

Herbert Blomstedts Sichtweise auf Bruckners Sinfonien hat sich über die Jahre im wesentlichen nicht geändert; das zeigt etwa ein Vergleich der frühen Dresdener Aufnahmen mit den jüngeren aus Leipzig. Stets tritt als besonderes Merkmal die natürliche Wirkung großer Steigerungsverläufe hervor. Man gewinnt den Eindruck, Blomstedt lasse die Musik, die unweigerlich an Intensität gewinnt, kommen und führe sie zu großartigen Höhepunkten. Diese ohne jedes äußere Zutun oder Forcieren auskommende Spannungszunahmen werden dadurch ermöglicht, dass er Steigerungen dynamisch sehr zurückgenommen anfängt und die Musiker dazu anhält, nicht zu früh ihr Pulver zu verschießen; dadurch bleibt für den wirklichen Höhepunkt noch genügend Luft nach oben.

Ein weiteres Merkmal von Blomstedts Bruckner-Interpretationen ist die sorgsame Balance der Stimmen, und sie ist in den Aufnahmen mit dem Leipziger Gewandhausorchester noch differenzierter gehandhabt als in seinen älteren Bruckner-Einspielungen. Blomstedt gibt zwar dem Blech hinreichend Entfaltungsraum, doch nie auf Kosten von Streichern und Holzbläsern (von dem fein austarierten und durchaus griffigen Umgang mit der Pauke ganz zu schweigen). Der schwedisch-amerikanische Dirigent legt Bruckners kontrapunktische Kunst offen, allerdings ohne schulmeisterliche Pedanterie. Selbst unscheinbare Begleitstimmen gewinnen durch feine Ausformung manch kantable Qualität. Zugleich werden Kantilenen von Blomstedt stets gefühlvoll, meist mit weichen, dynamisch zurückgenommenem Ende phrasiert; durch derlei dynamische Feinarbeit wird Platz geschaffen für die ineinander greifende Mehrstimmigkeit von Bruckners Partituren.

Auch die Dritte Sinfonie d-Moll hat Blomstedt bereits aufgenommen, ebenfalls in der von ihm favorisierten Erstfassung von 1873 und sogar mit demselben Orchester. Blomstedts Wirken in Leipzig wurde mit einer 5-CD-Box dokumentiert, in der auch eine eindrucksvolle Einspielung von Carl Nielsens Fünfter Sinfonie enthalten ist. Für den Bruckner-Zyklus allerdings wurde allerdings nicht der Mitschnitt aus dem Jahr 1998 verwendet, sondern Konzertaufzeichnungen vom September vorletzten Jahres – leider, muss man sagen. Denn obschon die vorliegende Platte aufgrund der räumlichen Klangstaffelung – sie wurde als hybride SACD produziert – für sich einnehmen kann, so ist doch der runde, weiche Gesamtklang des Leipziger Gewandhausorchesters in der älteren Aufnahme besser eingefangen. Hier aber tendiert das Klangbild zum Brillanten; die Oberstimmen klingen, anders als das Orchester im Konzert wirkt, sehr hell, manchmal fast glasig. Auch die Blechbläser erscheinen nicht so weich mit dem Gesamtklang verblendet wie in der früheren Einspielung.

Blomstedts Umgang mit dem Orchester zeigt deutlich, dass er dem kolportierten Auffassung, Bruckners Instrumentation sei entscheidend von der Orgel her gedacht, nicht zustimmt. Im Gegensatz der bloßen Gegenüberstellung der Klangregister kümmert sich Blomstedt um das, was in einem Registerverband an melodischem und polyphonem Reichtum entdeckt werden kann. So entfalten die mehrstimmig angelegten ‚Gesangsperioden‘ durch differenzierten dynamischen Umgang der Einzelstimmen und eine kantable Phrasierung ihren ganzen Schmelz. Gleiches gilt für den sehr schön musizierten langsamen Satz, in dem auch die Holzbläser Hervorragendes leisten. Doch führt Blomstedts mit den Jahren immer stärker werdende Hang, Phrasen als dynamische Bogenform zu modellieren, auch zu seltsamen Stilblüten – und besonders auch deswegen ist bezüglich der Dritten Sinfonie der früheren Leipziger Aufnahme der Vorzug zu geben. Der Unterschied etwa im ersten Themenkomplex des Kopfsatzes ist nicht beträchtlich, aber doch von entscheidender Wirkung. In dem jüngeren, hier zu hörenden Mitschnitt gibt Blomstedt der ruhigen, melodisch sich aufwärts bewegenden Streicher-Antwort auf das gezackte, melodisch nach unten gerichtete Tutti-Motiv ein eigenartiges, wie nachdrückend wirkendes Crescendo auf der langen Note. Das will zu dem Charakter dieses Motivs nicht recht passen. Auch dem tänzerischen Seitenthema im Finale gibt Blomstedt durch dynamische Konturen eher etwas Sangliches: Polternder Tanz kommt in Blomstedts Bruckner nur in den zügig und rhythmisch klaren Scherzo-Sätzen zum Vorschein.

Derlei fragwürdige interpretatorische Entscheidungen sind indes nur Einzelfälle. Insgesamt ist auch die Dritte Sinfonie von Blomstedts ruhiger Hand in der schlüssigen Entwicklung der Themenkomplexe geprägt. Mitunter gelingen sogar ganz zauberische Momente, etwa in dem entrückten Wagner-Zitat kurz vor Eintritt der Reprise im Eingangssatz. Die harten Schnitte in der Durchführung des Finalsatzes stellt Blomstedt ungeschönt nebeneinander, auch die schwierig zu realisierenden rhythmisch verschobenen Blechbläser-Einwürfe sind äußerst prägnant dargestellt. Das unterstreicht eine virtuose Orchesterleistung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 3 in d-Moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
20.12.2011
Medium:
EAN:

CD
4025796010176


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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