> > > Werke von Tüür: Awakening, The Wanderer's Evening Song & Insula deserta
Freitag, 25. September 2020

Werke von Tüür - Awakening, The Wanderer's Evening Song & Insula deserta

Lichtmusik


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Weit und flächig, abwechslungsreich im Detail: Erkki-Sven Tüürs Musik entwickelt einen unwiderstehlichen Sog in einer gelungenen Zusammenstellung alter und neuer Werke.

Eine Stunde Musik kann in der Wahrnehmung des Hörers gedehnt und gestaucht werden. Sie kann Spuren in Form einzelner Klänge hinterlassen und sich dann in einer freien Minute im Gedächtnis wieder entfalten, nun jedoch auf einen bloßen Augenblick gerafft. Manche Stile der Musikgeschichte sind für eine solche intensive Wahrnehmung des Moments in stärkerem Maße disponiert als andere. Beginnend mit Schönbergs 'Erwartung' wurde die Zeit mehr und mehr zum Denkmittelpunkt der Komponisten des 20. Jahrhunderts. Man kann die Musik Erkki-Sven Tüürs ebenfalls einem Zeitdenken zuordnen, welches ein traditionelles Form und Ordnungsdenken durch schiere Mannigfaltigkeit zerbricht.

Das erste und wichtigste Stück dieser CD, 'Awakening' für gemischten Chor und Kammerorchester, lässt sich in seiner prismatisch gebrochenen Gestalt kaum erfassen und es scheint von geringer Bedeutung zu sein, übergeordnete Formverläufe zu erkennen, obwohl es diese in Form der Anordnung verschiedener Gedichte estnischer Poeten im Wechsel mit liturgischen Texten zum Osterfest durchaus besitzt. Eine verbindende Botschaft, die im Werktitel und den Äußerungen des Komponisten dazu bereits anklingt, scheint zentral zu sein, geht aber im Laufe der 36 Minuten Musik in einem Strom gleicher und doch unterschiedlicher Gedanken zum selben Thema unter. Es bleibt dem Hörer überlassen, subjektiv die Momente zu wählen, nach Bedeutung zu suchen oder sich treiben zu lassen.

Die Kompositionsweise des Stücks unterstützt alle diese Zugänge durch ihren vielschichtigen Aufbau, in dem spezifische Instrumentengruppen oft einen kontinuierlichen Charakter haben und sich dennoch nahtlos in die anderen Gruppen einfügen. So schälen sich die hohen Holzbläser nur manchmal aus dem dichten Klanggeschehen und werden schon wieder unhörbar, sobald man ihnen bewusste Aufmerksamkeit zuwendet. Oft laufen verschiedene Tempi nebeneinander her, aber dann gibt es doch wieder groß angelegte Steigerungsformen nach klassischem Muster, in denen Klangmassen aufgebaut werden, die dann aber antiklimaktisch in sich zusammenfallen. Tüürs Musik blendet, doch sie ist kein Produkt eines Blenders. Ihr schillernder Glanz muss keine Lücken verdecken, denn für Oberflächlichkeit ist sie zu meditativ, zu sehr die Sinne ansprechend angelegt. Widersprüche des Tonsatzes und diverse Stile stehen sich darin offen gegenüber und es ergibt sich ein gewissermaßen demokratisches Bild, in dem der Komponist kein einzelnes Detail seiner Komposition als Zentrum bestimmt hat, sondern eine freie Wahl der Wahrnehmung des Hörers offen lässt. Das Werk entstand anlässlich des europäischen Kulturhauptstadtjahres 2011 der estnischen Hauptstadt Tallinn. Die Wirkung des Werkes verdankt sich auch der künstlerischen Zusammenarbeit des Estonian Philharmonic Chamber Choir mit der Sinfonietta Riga unter Daniel Reuss sowie der großartigen Aufnahmequalität.

Zwei ältere Werke des Komponisten, 'The Wanderer’s Evening Song' von 2001 und 'Insula Deserta' von 1989, vervollständigen das Spektrum. Beide sind etwas enger gefasst in Bezug auf den Ausdruck verschiedenartiger Stile, doch man merkt, wie Tüür von dort aus zu 'Awakening' gelangen konnte. In erstgenanntem Werk für gemischten Chor a capella ist ein stilistischer Rückbezug zum gregorianischen Gesang zentral. Das Werk ist in sich sehr ruhig und beschreitet die Gefilde dissonanter Reibungen zwar stetig, doch auf eine subtile Art hintergründig. Mischungen mit anderen Stilen werden in kleinen Schritten vorgenommen.

Mit 'Insula Deserta' für Streichorchester feierte Tüür seinen internationalen Durchbruch. Der einzelne Ton, der später in Klangmassen eingeht, ist ein Startpunkt dieses Werkes. Es trägt Züge einer rein von Klangspielen bestimmten Musik, hat aber auch minimalistische Elemente, die im homogenen Streicherklang stark intensiviert zur Geltung kommen. Auch in diesem vergleichsweise alten Stück zeigt sich schon eine reiche Klangwelt, die den Eindruck einer wie von Farbenspielen bestimmten Musik weiter fördert. Alle drei Werke bestätigen Tüür als einen der interessantesten Gegenwartskomponisten. Der Querschnitt durch sein Schaffen, den diese CD in eindrucksvoller Weise bietet, belohnt mit einem schattierungsreichen Bild von Tüürs Schaffen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werke von Tüür: Awakening, The Wanderer's Evening Song & Insula deserta

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Ondine
1
14.11.2011
64:33
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761195118320
ODE 1183-2


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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