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Sonntag, 17. Oktober 2021

Solnicki, Gastón - Süden

Notwendiges Denkmal für einen großen Schelm


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dramaturgisch hervorragend aufgebautes Porträt eines bereits von Vergessenheit bedrohten großen Komponisten anlässlich der Rückkehr in seine Heimatstadt.

Ein Dokument dieser Art war überfällig. Mauricio Kagel, der intellektuelle Schelm unter den großen Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, scheint dieser Tage bereits von Vergessen bedroht. Seine Musiken und Stücke werden kaum noch aufgeführt. Dabei haben sie mit ihrer innovativ kreierten, sinnlichen Klangarchitektur, ihrer starken Atmosphäre und klaren Appellstruktur und ihrem abgründigen Witz auch heute noch eine immense Lebenskraft. Dies bewies jüngst etwa eine der seltenen Aufführungen des 'Tribun' in Wuppertal.

Rückkehr in die Heimat

Die DVD ‚Süden‘ dokumentiert ein 2006, zwei Jahre vor seinem Tod, zu Kagels Ehren ausgerichtetes Mini-Festival mit Aufführungen seiner Werke in Buenos Aires. Zu diesem Anlass hielt sich der Komponist eine Woche in seiner Geburtsstadt auf. Er studierte einige Werke selber ein und wohnte bei anderen den Proben bei. Vorgeschaltet sind einige Bemerkungen Kagels zum Thema ‚Heimat’, unterlegt mit Impressionen aus Köln, wo Kagel Professor an der Musikhochschule war und das letzte Drittel seines Lebens verbracht hat. Hiervon ausgehend verfolgt der Film zwei inhaltliche Linien, gewissermaßen eine innere und eine äußere.

Die Innere: Kagel bei den Proben. Im Zentrum steht hier die Zusammenarbeit mit dem nach einem Werk des Komponisten benannten Kammerensemble Süden. Sensibel wird gezeigt, wie Kagel eine angenehme, intensive Atmosphäre herstellt, wie akribisch und kommunikativ er arbeitet. ‚Piano‘ ist das häufigste Wort. Kagel versucht künstlerische Freiheit und präzise Umsetzung der Partitur anhand von Stücken wie 'mare nostrum' aktiv und bewusst ins Gleichgewicht zu bringen. Behutsam versucht der Film auch, seine Vorstellung von Kunst und Theater einzufangen. ‚Man muss versuchen, der Öffentlichkeit zu helfen, Musik zu reflektieren‘, ist Kagels zentrale Aussage. Das Unterhaltungsbedürfnis des Kulturkonsumenten hält er für natürlich, für einen Teil unseres Gesellschaftsmodells. Hier setzt er mit seiner – wie der Film deutlich zeigt – nie beliebigen Musik an.

Die äußere Handlungslinie widmet sich den organisatorischen Abläufen und Schwierigkeiten bei der Produktion von Konzerten. Vom Transport unförmiger Instrumente über eine witzige Unterhaltung mit einem Klavierstimmer bis hin zum Soundcheck für die Zuspielung von Glocken werden verschiedene Niveaus von Enthusiasmus und Routine der Beteiligten mit der Kamera eingefangen, die schließlich alle zu einer gemeinsamen Aufführung verschmelzen. Im Zentrum steht hier eine Sängerin, die ihren Job sehr professionell macht, wie besonders ein Zahnarztbesuch zeigt, die Noten hervorragend bewältigt, sich aber Kagels Musik nicht wirklich öffnet, was er klar diagnostiziert.

Ergänzt wird das Ganze durch 111 Fahrradfahrer, die sich – wie ein Flashmob – in der Innenstadt treffen, um Kagels ‚flüchtige Aktion’ 'Eine Brise' aufzuführen. Da werden Nummern verteilt und Geräusche geübt. Am Ende defiliert der Fahrradkorso am einlassbereiten Konzertpublikum vorbei, eine Bild und Geräuschkaskade als Konzertouvertüre, eine Art Musiktheater, wie es vor und nach Kagel niemand entwickelt hat. Hoffentlich wird dieser hervorragende Film als Anregung verstanden, diesen Weg zumindest weiter zu denken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Solnicki, Gastón: Süden

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
09.12.2011
Medium:
EAN:

DVD
9120010281761


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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