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Donnerstag, 23. Januar 2020

Werke von Smetana & Dvorak - Slawische Tänze

Zugewachsene Bedeutung


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Václav Talichs Aufführungen mit der Tschechischen Philharmonie aus dem Juni 1939 sind nicht nur ein künstlerisch einzigartiges, sondern auch ein historisch bedeutsames Tondokument.

Bereits vor wenigen Jahren machte die Tschechische Philharmonie in Eigenregie einen nicht nur historisch bedeutungsvollen, sondern auch künstlerisch einzigartigen Mitschnitt von Bedřich Smetanas 'Má vlast' (Mein Vaterland) zugänglich. Nun wird diese nur für kurze Zeit erhältliche Produktion von dem tschechischen Label Supraphon ins Programm aufgenommen.

Die Rede ist von Mitschnitten aus dem Jahr 1939, die von Konzerten des erstmalig stattfindenden Musikfestivals ‚Prager musikalischer Mai‘ gemacht wurden. Die von Václav Talich dirigierten Konzerte im Mai hatten so großen Erfolg, dass sie im Juni wiederholt wurden. Von ebendiesen Juni-Konzerten stammen die Aufzeichnungen von Smetanas 'Má vlast' sowie einer Reihe 'Slawischer Tänze' Antonín Dvořáks. Im März 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in der Tschechoslowakei ein und machte aus einem Teil des Territoriums das Protektorat Böhmen und Mähren. Als Václav Talich, der als Aushängeschild tschechischer Musikkultur galt, Smetanas Zyklus aufs Programm setzte, war damit nicht nur eine künstlerische, sondern vor allem auch politische Aussage verbunden. Das Publikum begriff sich als Teil dieses politischen Statements, das aber von ebenso großer künstlerischer Reife der musikalischen Umsetzung geprägt war: Zwischen den Sätzen spendete man Dirigent und Orchester lebhaftesten Beifall, nach Ende des sechsten Satzes stimmte das patriotisch vereinte Publikum die tschechische Nationalhymne an – ein Moment, der selbst vor den heimischen Lautsprechern ergreift. Um das historische Flair dieses besonderen Tondokuments zu unterstützen, wurden die originalen An- und Abkündigungen der Radiosprecherin auf dem Tonträger übernommen.

Der Mitschnitt dieser denkwürdigen Konzerte hat sich nur durch Zufall erhalten. Denn beide Konzerte, die von anderen europäischen Radiostationen übertragen wurden, schnitt man beim norwegischen Rundfunk auf 7mm-Filmbändern nach dem Philips-Miller-Verfahren mit. In der Zwischenzeit wurden beim norwegischen Rundfunk mehrere hundert Kilometer Filmbänder überspielt, doch glücklicherweise haben sich diese tschechischen Mitschnitte des Jahres 1939 erhalten. Sie sind, auch in der digitalen Überarbeitung des Jahres 2011, von dürftiger Qualität. Stärker als viele andere Aufnahmen dieser Zeit übersteuert der Klang sehr oft, viele Tutti-Passagen geraten klirrend, die Pauke wie ein Holzblock. Doch sollte man sich von den technischen Einschränkungen nicht abschrecken lassen. Denn musikalisch erwartet den Hörer ein selten intensives Erlebnis.

Die Tschechische Philharmonie lädt jede Sekunde von Smetanas sechsteiligem Zyklus mit Hochspannung auf. Unter Václav Talich erklingen Momente, die meist eher nostalgisch-elegischen Charakter haben, mit ungeahntem Furor, etwa im ersten oder vierten Satz. Man hat in jedem Augenblick das Gefühl, Smetanas Musik wachse unter den Umständen des Jahres 1939 an diesem Ort eine Bedeutung zu, die über das rein ästhetische Wirken dieses Werks weit hinausweist. Václav Talich hat das Orchester seit 1918 zu einem erstklassigen Klangkörper geformt. Die jahrelange Zusammenarbeit zeigt sich nicht zuletzt jenen subtilen Rubati, für die Talich berühmt war. Wie aus einem Munde zeichnen die Musiker die minimalen Temposteigerungen zum Phrasenhöhepunkt, einheitlich werden dynamische Zu- und Abnahmen geformt, mit rhythmischer Schärfe erklingen die zahlreichen tumultuösen dramatischen Ballungen. Auch in Dvořáks 'Slawischen Tänzen' op. 72 (Nr. 9 bis 16) ist dieses im tänzerischen Schwung fein dosierte Rubato-Spiel zu bewundern, wobei Talich stets geschmackvoll bleibt und zu keiner Zeit übertreibt.

Es ist Supraphon zu danken, dass dieser bewegende Mitschnitt nun als Doppel-CD zugänglich ist. Auch wenn die klangtechnische Umsetzung (selbst nach damaligen Maßstäben) zu wünschen übrig lässt – der elektrisierenden Intensität des Spiels kann man sich wohl kaum entziehen. Es ist nicht nur ein historisch bedeutendes Tondokument, sondern auch ein künstlerisch hochinteressantes und bewegendes.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werke von Smetana & Dvorak: Slawische Tänze

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
18.11.2011
Medium:
EAN:

CD
099925406523


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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