> > > Werke von Liszt, Mahler, Pizetti, Rhim: Tre sonetti del Petrarca u.a.
Donnerstag, 20. Juni 2019

Werke von Liszt, Mahler, Pizetti, Rhim - Tre sonetti del Petrarca u.a.

Suche nach der Verortung der Seele


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wunderbar umsichtige und zurückhaltende Gestaltung von Liedern, die auf der Suche nach dem "Weltgeheimnis" die Welt fliehen. Eine absolut empfehlenswerte CD.

Die Frage nach dem (oder einem?) ‚Weltgeheimnis‘ treibt die Menschen wohl seit jeher um. Oder ist es gar nicht so sehr die Erkundung dessen, was die Welt in ihrem Wesen ist, als vielmehr die Suche nach dem eigenen Ich, nach einem Ort für die Seele? Dass es den nicht gibt in der Welt, ist vielleicht ihrer beider Geheimnis, das der Welt und das der Seele, die der Welt und der die Welt jedenfalls immer wieder verloren geht.

Petrarca, der spätestens mit seinen Beobachtungen seiner selbst beim Aufstieg auf den Mont Ventoux das Ich als eine ernst zu nehmende Größe gefunden hat (im 14. Jahrhundert, wohlgemerkt), besingt in seinen Sonetten zwar auch die irdische Liebe und ihren Schmerz, geht aber auch weit über die Grenzen des Lebens hinaus, weiter als seiner Zeit lieb gewesen sein kann, weiter jedenfalls, als die Seele die Welt ertragen kann: Weltflucht, Einsamkeit, Todessehnsucht, Trostlosigkeit und das Weinen als Ausdruck der Unmöglichkeiten des Lebens sind in Petrarcas Sonetten extrem verdichtet.

Ähnlich in Friedrich Rückerts Gedichten, die sich mit Leben und Sterben beschäftigen, mit der Zeit in ihrem sonderbar unentwirrbaren Dreischritt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit dem Unvermögen des Sich-Verortens in der Welt und mit deren Hinfälligkeit, aber auch mit der Weigerung, sich der Welt überhaupt anzupassen oder zu öffnen. Dass sich diese Seelenlandschaften, die in der Welt keinen Ort haben, durch die Jahrhunderte des Menschengeschlechts ziehen, zeigen die Dichter der Texte (Petrarca im 14. Jahrhundert und Rückert, der von 1788 bis 1866 lebte) ebenso wie die Komponisten, die diese Texte vertont haben und die auf dieser CD versammelt sind: Franz Liszt (1811-1886), Gustav Mahler (1860-1911), Ildebrando Pizzetti (1880-1968) und Wolfgang Rihm, geboren 1952 und dieser Tage sechzig Jahre alt geworden. (Insofern verwundert die mehrfache Betonung des Lebensgefühls ‚um 1900‘ als inhaltliche Konstante dieser CD im Booklet-Text ein wenig.)

‚Weltverzicht‘ – die Reduzierung auf das Notwendige

Dies ist also eine nachdenkliche CD, um es einmal vorsichtig zu sagen, eine CD, die Weltflucht und Einsamkeit, Verzweiflung und Todessehnsucht zum Thema hat und auslotet. Das Weltgeheimnis ist jedenfalls unergründbar und so tief wie der Abgrund, in den die Interpreten sehen, wenn sie die jeweils auf ihre Weise und in ihrer Zeit von allem Schnörkel auf das musikalisch Wesentliche reduzierte Musik darstellen. Denn Pizzetti hat seine musikalischen Mittel ebenso eingedampft und doch auch vollkommen ausgelebt wie Franz Liszt, dessen Sonette hier wunderbar zurückhaltend und behutsam interpretiert werden, wie auch Mahlers Kleinodien, die in wenigen Takten alle Facetten des Lebens heraufbeschwören und zusammenfassen. Und auch Wolfgang Rihms Lieder zeigen in all ihrer Reduzierung auf das musikalisch Wesentliche und Notwendige, das doch eine wunderbare Harmonie zwischen Text und Musik ermöglicht, seine ganze Kunstfertigkeit. So wenig Welt wie möglich bitte, weil sie doch keine Heimat für die Seele bieten kann: Das scheint aus Texten wie Noten zu sprechen.

Auf vielerlei Weise sind die Lieder dieser CD miteinander verbunden: Pizzetti vertont ebenso Petrarca wie Liszt, Mahlers Liedern liegen Rückert-Gedichte ebenso zugrunde wie Rihms Liedern. Rihms Rückert-Lieder schließen sich wunderbar an die Petrarca-Lieder von Pizzetti an und geben dann die Staffel zurück ins 19. Jahrhundert zu Liszt (mit Petrarca), dessen Modernität hierdurch vorsichtig unterstrichen wird. Und Mahlers Lieder – sie stehen einerseits immer wieder für sich in ihrem Ausgespanntsein zwischen den Welten und Zeiten. Und doch sind ohne sie weder Pizzettis Lieder noch die von Wolfgang Rihm zu denken.

Künstlerische Symbiose von Sänger und Pianist

Mit Gustav Mahler, der Bruno Walter nach dem Studium des 'Abschieds' aus seinem 'Lied von der Erde' gefragt hat, ob man das überhaupt ertragen könne (‚Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht darnach umbringen?‘), muss man die Interpreten Christoph Pohl, Bariton, und Tobias Krampen, Klavier, fragen, wie man derart tief und überzeugend in den Abgrund blicken kann, ohne sich in ihn hinabzustürzen. Oder vielleicht ist dies gerade das Geheimnis jedes Musikers, der sein Metier ernsthaft betreibt: Man stürzt sich in den Abgrund und wird doch letztlich von der Musik aufgefangen.

Christoph Pohl, der seine musikalische Ausbildung in Hannover erhielt, an der Staatsoper Hamburg gesungen hat, momentan in Dresden an der Semperoper wirkt, mit zahlreichen Orchestern und Chören zusammengearbeitet hat und Preisträger vieler Wettbewerbe ist, überzeugt mit seinem wirklich berückend schönen Bariton, der allen Facetten von Höhe und Tiefe gewachsen ist. Tobias Krampen am Klavier ist als ausgewiesener Liedbegleiter so zurückhaltend wie deutlich. Das Klavier als Solofach hat er durch sein Studium ebenso erschlossen wie als Kammermusikinstrument. Von hier ist es nur scheinbar kein weiter Weg zum Liedbegleiter. Denn der Terminus Liedbegleitung unterschlägt wesentlich, dass ein Pianist, der mit Sängern zusammenarbeitet, viel mehr ist als ein Begleiter, der nun einmal irgendwie eine Art musikalischen Teppich für den Gesang liefern muss.

Erst wenn Pianist und Sänger gleichberechtigt jeweils ihren Part mit demselben Ernst und derselben Eigenständigkeit gestalten und dann zu einer musikalischen wie künstlerischen Symbiose gelangen, können Lieder überzeugen – wie es beim Duo Pohl/Krampen eindeutig der Fall ist. So ist denn dankenswerterweise im Booklet auch mehrfach von ‚Liedgestaltung‘ als Fachgebiet von Tobias Krampen die Rede, für die er in Köln als Dozent der Hochschule für Musik zuständig ist.

Die Klarsicht und Ruhe, mit der Pohl und Krampen diese Lieder interpretieren, sind bestechend. Die Pausen und Ritardandi, die sie sich gönnen, geben den Blick in den Abgrund frei. Die Trostlosigkeit und Verzweiflung der Texte und ihrer Vertonungen sind in der Schlichtheit der Interpretation geradezu herzzerreißend die Zartheit und Liebe zu jedem Ton und zu jedem Melodiebogen umreißen das Weltgeheimnis, das sie suchen. Die Seele findet keine Ruhe in der Welt. Doch Pohl und Krampen schaffen ihr einen Ort in der Musik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Werke von Liszt, Mahler, Pizetti, Rhim: Tre sonetti del Petrarca u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
18.11.2011
Medium:
EAN:

CD
4260036252330


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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