> > > Werke von Chabrier, Rodrigo & Rachmaninov: Espana, Concierto de Aranjuez & Symphony No. 2 in E minor, Op. 27
Samstag, 26. September 2020

Werke von Chabrier, Rodrigo & Rachmaninov - Espana, Concierto de Aranjuez & Symphony No. 2 in E minor, Op. 27

Produktives Missverständnis


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Europakonzert 2011 der Berliner Philharmoniker war nicht nur ein voller Erfolg. Wie der nun auf DVD erschienene Mitschnitt zeigt, durfte das Konzert als außergewöhnlich intensives Musikerlebnis bezeichnet werden.

Das Europakonzert der Berliner Philharmoniker führte das Orchester am 1. Mai dieses Jahres nach Madrid. Die erste Hälfte des umjubelten und – das hat die Regie des nun bei Euroarts als DVD erschienen Mitschnitts sehr schön eingefangen – mit erstaunlich vielen jungen Leuten besuchten Konzerts stand ganz im Zeichen spanischer Musik: solcher, die sich spanisch gibt und genuin spanischer. Zu erstgenannter gehört Emmanuel Chabriers 'España' aus dem Jahr 1883, das dem glänzend disponierten Orchester die Gelegenheit verschafft, das Madrider Publikum mit funkensprühender Rhythmik, schwärmerisch gesungenen Kantilenen und zart versonnener Melancholie für sich zu gewinnen. In der Tat gelingt dieser Auftakt hinreißend.

Schmerzliche Melancholie

Für den Hauptprogrammpunkt der ersten Konzerthälfte, Joaquín Rodrigos 'Concierto de Aranjuez', verpflichtete man den spanischen Flamenco-Gitarristen Juan Manuel Cañizares. Nun ist in der Tat Rodrigos Konzert, dessen Mittelsatz von diversen Best-of-Samplern wohlbekannt ist, ohne Zweifel von folkloristischem iberischen Idiom innigst durchdrungen. Aber es ist doch gleichzeitig ein Werk für den Konzertsaal und damit nicht unbedingt ureigenstes Repertoire eines Flamenco-Gitarristen, für den ein improvisatorischer Zugriff selbstverständlich ist. Das Ergebnis dieser Zusammenführung zweier musikalischer Welten ist – überwältigend. Juan Manuel Cañizares' Deutung von Rodrigos Konzert ist zuweilen von nonchalanter Lässigkeit, wie im dritten Satz 'Allegro gentile', bei gleichzeitig wunderbar tänzerisch-leichter rhythmischen Präzision, zuweilen von innigem melancholischem Ausdruck, insbesondere im ausgedehnten Mittelsatz, bestimmt.

In Juan Manuel Cañizares‘ bewegender Lesart wird deutlich, dass diese Musik kein nostalgisches Schwelgen ist, sondern ein höchst schmerzvoller Rückblick, geschrieben im letzten Jahr des Spanischen Bürgerkriegs. Juan Manuel Cañizares reichert die Musik mit zahlreichen improvisatorischen Anteilen an, fügt Glissandi hinzu, modelliert nach oben gezogene (‚Bending‘) Vibrato-Töne, fügt den rhythmisch angeschlagenen Akkorden (‚Rasgueado‘) so manch zusätzlichen Impuls zu und lässt manche Töne wespenartig scharf aus dem melodischen Kontext hervorstechen. So etwas wird man von einem klassisch ausgebildeten Gitarristen nicht zu hören bekommen – und doch gelangen die in der Musik angelegten Ausdruckswerte gerade dadurch zu höchster Intensität.

Juan Manuel Cañizares begibt sich in einen intimen Dialog mit dem Orchester (vor allem mit den exzellenten Holzbläsern), das, von Rattles energischem Impetus befeuert, zu einer Klanggestaltung findet, die sich weitab des in diesem Stück oft zu hörenden Weichspülsounds bewegt. Auf dem Höhepunkt des Eingangssatzes kosten die Bläser die farbigen Dissonanzen wunderbar aus. Von den Streichern wird die spritzige Rhythmik lustvoll zugespitzt, und auch die kantablen Elemente werden mit temperamentvoller Spannkraft umgesetzt.

Spannungswellen

In einem kurzen Beitrag von Simon Rattle, der als Bonus dem Mitschnitt beigegeben ist, spricht der Dirigent davon, die Berliner Philharmoniker ‚played the hell out of it‘ bei Rachmaninows Zweiter Sinfonie e-Moll op. 27. Und in der Tat: Angestachelt von Rattles impulsivem Dirigat entfacht das mit Verve agierende Orchester eine Spannungswelle nach der anderen und formt die ausladenden Sätze zu einem geschlossenen, mitreißenden Ganzen. Im Kopfsatz (dessen Expositions-Wiederholung Rattle fallen lässt) könnte die niederschmetternde Wucht auf dem Höhepunkt der Durchführung zwar noch größer sein, doch gelingen Rattle und dem herausragenden Orchester nicht nur überzeugende Momente (Übergang zur Coda), sondern eine zwingende Formung der Satzabschnitte. Die Mittelsätze gelangen mit leidenschaftlichem Einsatz des Orchesters (Hörner im zweiten Satz, Klarinettensolo im dritten!) zu großer Ausdruckskraft, die Stimmungswelten werden plastisch und farbenreich in einen bezaubernden Klang gefasst. Mit einem Finalsatz jubelnder Emphase geht ein Konzert zu Ende, dessen Gelingen nicht zuletzt auf die schlichtweg erstklassige Gewichtung der Orchestergruppen zurückgeht: Das Klangbild wird von einem satten Bassfundament getragen, das unbedingt notwendig ist, um die harmonischen Prozesse von Rachmaninows üppig instrumentierter Sinfonie nachvollziehen zu können. Selten konnte man in letzter Zeit die Berliner Philharmoniker auf einem (Bild-)Tonträger in solch ausgezeichneter Verfassung hören. Orchester und Dirigent fanden Spanien zu einem selten intensiven Musizieren. Wie gut, dass sich das nun auf DVD nacherleben lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Werke von Chabrier, Rodrigo & Rachmaninov: Espana, Concierto de Aranjuez & Symphony No. 2 in E minor, Op. 27

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
05.09.2011
Medium:
EAN:

DVD
880242583987


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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