> > > Weill, Kurt: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony
Samstag, 19. Oktober 2019

Weill, Kurt - Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony

Epische Oper


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Peter Zadeks gelungene Inszenierung von Brechts und Weills 'Mahagonny'-Oper liegt nun auf DVD vor. Die musikalischen Darbietungen unter der Leitung von Dennis Russell Davies stehen der Regie kaum nach.

‚Alles, was Hypnotisierversuche darstellen soll, unwürdige Räusche erzeugen muß, benebelt, muß aufgegeben werden“, schrieb Bertolt Brecht über seine Oper 'Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny'. Für Brecht war die Musik nur ein weiteres, wenngleich wichtiges Mittel der Desillusionierung und Distanzierung – ausgerechnet die Musik, möchte man hinzufügen, zumal mit Kurt Weill ein veritabler Ohrwurm-Spezialist für die Vertonung zuständig war. Episches Theater auf der Opernbühne. Da kann man sich durchaus fragen, ob nicht das betont Unpsychologische, die Eindeutigkeit der Thesen in gewisser Weise der Oper als – pauschal gesagt – einer Kunstform des Schwebend-Unsagbaren, des spannungsvoll Ambivalenten und Emotionalen entgegenstehen. Doch 'Mahagonny' ist ein janusköpfiges Werk. Zeigen und Fühlen, Kritik und Affirmation sind ineinander verschlungen. Die in diesem Skandalstück der späten Weimarer Republik formulierte Kapitalismuskritik war 1998 von Belang, als Peter Zadeks Inszenierung bei den Salzburger Festspielen Premiere feierte. In diesen Tagen, da die Aufführung bei Arthaus auf DVD erschienen ist, ist sie relevanter denn je. Und schließlich war sie brennend aktuell im Jahr der Uraufführung 1930, als Börsencrash und Inflation noch nicht lange zurücklagen.

Klingende Überschriften

Die Inszenierung des 2009 verstorbenen Regisseurs Peter Zadek ist rundum gelungen. Stringent und differenziert ist seine Personenführung. Die Choreographie ist kraftvoll; eindringlich gerät die überstürzte Flucht vor dem Taifun. Die Regie zeichnet sich durch eine große Werkdienlichkeit aus und drängt sich nicht in den Vordergrund. Die Szenenfolge entwickelt sie unaufdringlich und natürlich. Anstelle der von Brecht vorgesehenen Texttafeln betritt eine Sprecherin die Bühne und spricht klingende Überschriften. Das Geschehen ist in einer nostalgischen Gegenwart angesiedelt. Eine Teegesellschaft wie in einem Thomas-Mann-Venedig, Wilder Westen, die Kirmesattraktion des Boxkampfs. Die Kostüme Norma Moriceaus – Reizwäsche und Holzfällerhemd – markieren Zeitsprünge. Der Billardtisch wird zum Schiff, mit dem die Holzfäller zurück nach Alaska fahren wollen, doch es ist immer noch Mahagonny: ‚Gib das Geld her für die Getränke.‘ Denn, so lernen wir, beim Geld hört die Freundschaft auf.

Babylonny

Auf einem Vorhang ist die Sphinx von Gizeh zu sehen, ein Boot auf dem Nil. Antike Bauten auf dem Hintergrundprospekt heben das Geschehen ins Überzeitliche: Sündenpfuhl Babylonny. ‚Die Hauptfigur des Stückes‘, so Kurt Weill, ‚ist die Stadt.‘ Diese aber bleibt abstrakt. Das Bühnenbild von Richard Peduzzi versagt dem Zuschauer eine Gesamtsicht auf Mahagonny, wie sie das Libretto eigentlich vorsähe. Keine Projektionen, keine Skyline, kein Brand am Ende. Im Mittelpunkt steht der Mensch, über den die Entwicklung der Stadt erst greifbar und nachvollziehbar wird. Bühnenbauten deuten lediglich an. In ihrer Wirkung werden sie beeinträchtigt von einer Fernsehregie, die das Geschehen nur selten in der Totalen zeigt und den Sängern oft sehr nahe rückt.

Rollendeckende Darbietungen

Jerry Hadley ist einer der wenigen im Ensemble, die ein akzentfreies Deutsch singen. Rollendeckend ist seine Darbietung des Jim, Verschlagenheit vereint er mit Sehnsucht. Wilbur Pauley gibt den Dreieinigkeitsmoses mit angemessener Härte. Udo Holdorfs Jack sorgt für Komik. Catherine Malfitano ist eine sinnliche Jenny; indes singt sie den Ton oft von zu weit unten an, auch ist ihre Textverständlichkeit nicht die beste. Die große Gwyneth Jones, damals schon im Herbst ihrer Laufbahn, gibt die Witwe Begbick ganz ladylike, doch einen bleibenden Eindruck hinterlässt sie nicht. ‚Die Haltung des Menschen ist in der Musik bereits so fixiert, daß eine einfache, natürliche Interpretation der Musik schon den Darstellungsstil angibt‘, schrieb der Komponist im Vorwort zum Regiebuch. ‚Daher kann sich auch der Darsteller selbst auf die einfachsten und natürlichsten Gesten beschränken.‘ Und das tun sie alle.

Das Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Dennis Russell Davies versteht sich blendend auf die V-Effekte in Weills Partitur, auf Pathos und Parodie, Choral und Schlagerschmiss. Faszinierend ist es überdies, Davies beim Largo zu Beginn des zweiten Akts beim Dirigieren zuzusehen. Beim Alabama-Song pumpt das Orchester geschmeidig. Hinreißend gerät 'Denn wie man sich bettet, so liegt man'. Man spielte und sang mit Schwung. Es war eine Glanzstunde in der Rezeptionsgeschichte dieses faszinierenden Opernexperiments.

Interpretation:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weill, Kurt: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony

Label:
Anzahl Medien:
Arthaus Musik
1
Medium:
EAN:

DVD
807280009392


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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