> > > Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Sinfonien Nr. 4, 5 & 6
Freitag, 21. Januar 2022

Tschaikowsky, Peter Iljitsch - Sinfonien Nr. 4, 5 & 6

Sturz auf die Beute


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die DVD-Mitschnitte der drei letzten Sinfonien von Peter Tschaikowsky zeigen fulminante Konzerte mit einem bestens aufgelegten Orchester des Mariinsky-Theaters. Gergiev setzt jede Nervenfaser unter Hochspannung.

In Valery Gergievs Diskographie finden sich bereits einige Aufnahmen der Tschaikowsky-Sinfonien. Vor allem die Einspielung der Sechsten Sinfonie (‚Pathétique‘) mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters (damals firmierend unter dem Namen Kirov Orchester) gehört zu den Meilensteinen der Interpretationsgeschichte. Mit vorliegender Sammlung der letzten drei Sinfonien Peter I. Tschaikowskys, die von dem Hauslabel des Mariinsky-Theaters St. Petersburg auf DVD veröffentlicht wurden, erreicht Gergievs Auseinandersetzung mit diesen Ecksteinen seines sinfonischen Repertoires seinen Zenit. Die Aufnahmen von Konzerten, die im Januar 2010 im Pariser Salle Pleyel stattfanden, sind ungeheuer spannend und mitreißend. Sie lassen den Zuschauer und -hörer atemlos zurück.

Exzellente Orchesterkunst

Das Orchester des Mariinsky-Theaters ist ein exzellenter Klangkörper, dessen Qualität (auch: Klangqualität) indes einigen Schwankungen ausgesetzt ist. Kürzlich trat Gergiev mit diesem Orchester in Baden-Baden ebenfalls mit den Tschaikowsky-Sinfonien auf. Das Orchester ließ bei diesen Konzerten einiges an Wärme, subtilem Klangfarbenspiel und feinnerviger Gestaltung vermissen; es erschien, zumal in den Holz- und Blechbläsern, etwas kantig, fast zur Rustikalität neigend. – Welch ein Unterschied ist bei den dokumentierten Pariser Konzerten zu hören! Bis auf minimale technische Unsauberkeiten (die man angesichts des in der Tat außerordentlich hohen Spannungs- und Energieniveaus allzu gerne verzeiht) agiert das Orchester des Mariinsky-Theaters mit atemberaubender Perfektion. Man muss sich vielleicht mit dem luftigen Klang der Flöten erst anfreunden. Doch was der Klangkörper an dynamischen Reserven hat, an artikulatorischer Feinzeichnung, an Klangfarbenkunst (inklusive plötzlicher Eindunklungen und Vernebelungen des Klangs) zeigt, ist fesselnd. Die Palette reicht weit: Das Orchester klingt manchmal so stotternd und dröhnend, als startete man einen alten Lada, an anderer Stelle eignet den Posaunen eine markerschütternde Wucht, als verkündeten sie das Jüngste Gericht.

Seismographisches Reagieren

Die Musiker reagieren auf jede Regung des Dirigenten (auch auf das fein dosierte Zittern von Gergievs Händen) mit seismographischer Feinnervigkeit. Ob es sich um dynamische Valeurs oder ein plötzliches Aufblühen von Phrasenhöhepunkten handelt oder eine den musikalischen Charakteren angepasste Modifikation des Pulses (wie etwa die ehernen Schritte in der Durchführung des Kopfsatzes von Tschaikowskys Sechster Sinfonie): Das Orchester zeigt sich hellwach und setzt die Direktiven seines Leiters direkt um. Die Kameraführung bringt nicht nur einzelne Musiker, sondern auch den Dirigenten häufig in Großaufnahme ins Bild. Manchmal wird die Mimik Gergievs für eine kurze Zeit zu einem Standbild eingefroren. Hier lässt sich unmittelbar miterleben, was einem Konzertzuschauer meist verborgen bleibt, wenn man ihn nur von hinten sieht: Gergiev führt das Orchester, stachelt die Musiker mit einer Mimik an, die in ihrer dämonischen Ausdruckskraft zuweilen fast furchterregend wirkt. Nicht selten macht Gergiev den Eindruck eines wilden Tiers, das sich mit teuflischem Elan sogleich auf seine Beute stürzen wird.

Unwiderstehliche Sogwirkung

Gergiev gehört zu jenen (Tschaikowsky-)Dirigenten, die gegensätzliche Stimmungen im Ausdruck – und dazu gehören vor allem Tempo, Gestus, Artikulation, Dynamik – scharf voneinander abgrenzen und sinfonische Entwicklungen in all ihrer Dramatik, zuweilen vor Spannung fast berstend, zu vermitteln wissen. Sachlich-distanziert ist diese Musizierhaltung zu keinem Zeitpunkt. Es ist jedoch auch nicht so, dass Gergiev noch jeden Tropfen Emotion aus der Musik quetscht. Er folgt vielmehr mit feinem Gespür den in der Komposition angelegten Ausdruckswerten und bringt sie – durchaus ungeschönt – an die Klangoberfläche. Er disponiert mit großer Intelligenz und dramaturgischem Geschick: Das Aufrauschen, was Tschaikowsky mit ‚incalzando‘ im Seitenthema des Kopfsatzes der ‚Pathétique‘ andeutet, ereignet sich erst beim zweiten Erklingen des Themas, dann aber fast fiebrig erhitzt.

Die Qualitäten von Gergievs Lesart lassen sich hier kaum zusammenfassen, ohne dass der Text aus den Fugen geriete, nicht einmal die Besonderheiten. In einem Bonus-Track berichtet Valery Gergiev über seine Sicht auf die Tschaikowsky-Sinfonien. Gergiev nennt als wesentlichen Aspekt des Komponisten idiosynkratischen Umgang mit dynamischen Bezeichnungen, die drei-, vier- und fünffachen Piani. Bezeichnenderweise sind es aber gerade die Piano-Passagen, die hier meist etwas laut klingen. Gergiev erreicht damit, dass selbst diese Stellen stets eine hohe Grundspannung haben. Auf der anderen Seite werden selbst die dynamischen Höhepunkte, etwa in der Durchführung des ‚Pathétique‘-Eingangssatzes, so zerschmetternd wuchtig sie auch daherkommen, nie erdrückend: Dass an vielen solchen Lautstärkekulminationspunkten auch die Holzbläser beteiligt, sieht man hier nicht nur, man hört es auch.

Gergiev gelingt es in allen drei Sinfonien, eine unwiderstehliche Sogwirkung aufzubauen, am besten in den schnellen Außen- und Binnensätzen. Natürlich könnte manche Einzelheit (etwa im dritten Satz der Vierten Sinfonie oder dem Walzer der Fünften) noch etwas feiner ausgearbeitet sein. Doch was derlei Kleinigkeiten angesichts so ergreifender, aufwühlender Interpretationen?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Sinfonien Nr. 4, 5 & 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
01.10.2011
Medium:
EAN:

DVD
822231851325


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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