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Samstag, 22. Januar 2022

Balanchine, George - Jewels

Prunk-Finale nach Poesie und Esprit


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Den als jungen Choreografen aus Leningrad emigrierten George Balanchine rehabilitiert das Petersburger Mariinsky-Ballett mit dem dreiteiligen, abwechslungsreichen Ballett 'Jewels'.

Eine Wiedergutmachung für den großen, 1983 fast 80jährig verstorbenen Choreografen George Balanchine ist das: Das Petersburger Mariinsky-Theater legt in Eigenproduktion eine DVD mit dem Ballett 'Jewels' des Georgiers Balanchine vor, der das berühmte Marientheater mit seinem legendären Ballett 1924 in der Sowjetzeit verlassen hatte, als seine Künstler drangsaliert wurden. Der heutige Generalmanager und Chefdirigent des Mariinskys, Valery Gergiev, unterstreicht in einem nach dem dreiteiligen, anderthalbstündigen Ballett angehängten Interview die Bedeutung Balanchines.

Das Thema ‚Edelsteine‘ (Jewels) war so recht etwas für George Balanchines noblen, neoklassischen Ballett-Stil. Die grün-rot-weißen 'Jewels' auf Musik von Fauré, Strawinsky und Tschaikowsky choreografierte Balanchine 1967 (mit Überarbeitung 1976) für sein New York City Ballet. Das Mariinsky erwarb die Choreografie 1999 vom Balanchine-Trust und produzierte eine der Aufführungen unter Gergievs seinerzeitigem Dirigier-Schützling Tugan Sokhiev, der nun Chefpositionen in Toulouse und Berlin bekleidet (Capitole-Orchester, Deutsches Symphonie-Orchester), als DVD mit sinnvoller Bildregie im Wechsel von Totale und Ausschnitten.

Es gibt in 'Jewels' wie bei vielen Form-Balletten Balanchines keinen Inhalt. Man erlebt ein ‚Ballet pur‘, das sich ganz aus den Musikabläufen heraus aufbaut. Bildlich folgen diese ‚Edelsteine‘ in gewisser Weise Balanchines 'Palais de Cristal', das der große Neoklassiker zuvor auf Bizets C-Dur-Sinfonie choreografiert hatte. Die ‚Edelsteine‘ arbeiten noch mehr im Kontrast zwischen Solo-Nummern, Pas seul und Pas de deux einerseits und den Ensemblestücken des gesamten Corps de ballet andererseits. Das Mariinsky-Ballett wird dem hohen technischen und ästhetischen Anspruch Balanchines vollauf gerecht. Auch in Petersburg verfügt man inzwischen über die ätherischen wirkenden, hoch gewachsenen Solistinnen und die nobel federnden Solisten, die es für Balanchines elegant fließenden und geometrisch gezirkelten Stil braucht.

Mit sicherem Gespür hat Balanchine für die drei Teile seiner 'Jewels' je eigene Stimmungsbilder geschaffen. Eingangs schimmern auf sieben Sätze Faurés (aus der Suite 'Pelléas et Mélisande' und dem Shakespeare-Ballett 'Shylock') die zart-grünen Smaragde im Stil von Fokins 'Sylphiden'. Man sieht dekorative Posen mit eleganten Port de bras. Duftig, leicht und graziös sind die Bewegungen. Nicht immer entgeht Balanchine ganz der Gefahr, sich im Ornament zu verlieren. Voller Poesie geraten ihm dann aber die federleichten und geschmeidigen Pas seul der Solistinnen auf die 'Fileuse' und die 'Sicilienne' Faurés. Leider sind die Namen der Tänzerinnen aus dem viersprachigen Textheft (englisch, französisch, deutsch und russisch) den einzelnen Nummern nicht zuzuordnen. Dafür lassen sich die Texte sehr ausführlich über die Symbolik verschiedener Edelsteine aus.

Rubin-roter Esprit

Nach diesem ‚Ballet féerique‘ mit seiner feinsinnigen Notturno-Stimmung und seiner heiteren Verspieltheit geht es dann zum zweiten bei den ‚Rubinen‘ auf Strawinskys Capriccio für Klavier und Orchester, dessen kadenzartig ausladenden Solopart Ludmilla Sveshnikowa akkurat spielt, mit aufgekratztem, tänzerischem Esprit weiter. Die Mariinsky-Solisten treten in kurzen, roten Trikotröckchen mit energischem, gymnastisch dauerbewegtem Exercice an. Viel tänzerischer Witz und repetitive Ostinati funkeln. Witzige pantomimische Elemente sind eingestreut. Im 'Andante rapsodico' zeichnen sich Irina Golub und Andrian Fadejew mit kräftigen Gegenschwüngen und wiegenden Synchronfiguren aus und beherrschen die irreguläre Rhythmik untadelig. Aus dem Finale macht das Mariinsky-Ensemble zu Strawinskys sich überschlagenden One-Step-Figuren ein witziges Feuerwerk.

Das hell prangende 'Jewels'-Finale setzt Balanchine auf die vier letzten Sätze von Tschaikowskys dritter Sinfonie D-Dur mit festlich höfischen Tableaus. Man sieht viel Huldigungs-Gestik, meisterhaft angeordnete Konstellationen und ein großzügiges Weiterreichen des Vokabulars der Danse d’école von Gruppe zu Gruppe. Auch hier kontrastiert Balanchine seine prunkvollen Bilder mit einem in ruhigen Adagio-Bewegungen spannungsvoll erzählten Pas de deux auf das 'Andante elegiaco' der Dritten Sinfonie Tschaikowskys, das Sokhiev feinsinnig spielen lässt. Die somnambul wirkende Uljana Lopatkina und ihr Partner Igor Zelenskij gehen vollkommen auf in diesem gefasst-expressiven Auf und Ab der Gefühle. Im Schluss-Defilee des Polonaise-Rondofinales exzelliert die Lopatkina mit einer diffizilen Variation und Igor Zelenskij mit hinreißenden Touren. Eloquent hat Balanchine die Fuge umgesetzt, sich im hymnischen Schluss aber doch zu sehr aufs Posieren beschränkt. Aber seine räumlich ausgewogenen, meist symmetrischen Positionen stechen ins Auge. Das ist Ballett-Ästhetik um ihrer selbst willen, die so originär kaum mehr wiederkehren dürfte. Jedem historisch orientierten Ballettomanen sei diese Mariinsky-DVD empfohlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Balanchine, George: Jewels

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
01.10.2011
Medium:
EAN:

CD
822231851424


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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