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Donnerstag, 23. November 2017

Schnebel, Dieter - Maulwerke - Filmversion

Umwertung der Vokalität


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine DVD-Produktion befasst sich mit Erarbeitung und Präsentation von Dieter Schnebels »Maulwerken« und dokumentiert damit erstmals diese wichtige Vokalkomposition.

Es ist – um es vorweg zu nehmen – eine DVD, wie man sie nicht häufig in die Hände bekommt. Denn die Wergo-Produktion von Dieter Schnebels 'Maulwerken' dokumentiert nicht nur erstmals eines der zentralen Vokalwerke der neueren Musik inklusive der einer Aufführung zugrundeliegenden Erarbeitungsmethoden, sondern setzt auch von den Möglichkeiten des Mediums her entwickelte Techniken ein, um diese Prozesshaftigkeit für den Zuschauer wiederum aufzubrechen. Grundlage der Produktion ist eine neue Ausarbeitung der Komposition durch die an experimenteller Vokalmusik geschulten Maulwerker (Michael Hirsch, Ariane Jeßulat, Henrik Kairies, Christian Kesten, Katarina Rasinski und Steffi Weismann) aus dem Jahr 2010, die anlässlich von Schnebels achtzigstem Geburtstag entstand und auf der Basis von Versionen entwickelt wurde, die das Ensemble seit 1995 in permanenter Auseinanderentwicklung mit dem Aufführungskonzept der 'Maulwerke' erarbeitet hat.

'Maulwerke für Artikulationsorgane und Reproduktionsgeräte' – so der vollständige Titel von Schnebels 1968-74 entstandener Partitur – markiert eine Aufforderung an den Ausführenden, seine Vorstellungen von der vokalen Tonerzeugung neu zu definieren: weg vom Klischee des emotional auf wenige Situationen festgelegten Belcantoklangs und hin zur Aktivierung feinster Bewegungen der Artikulationsorgane – und damit auch zur Erzeugung von ungewöhnlichen Klängen. Dass Schnebel die Grundlagen daher in großformatigen Materialtabellen festgelegt hat, die anhand von Illustrationen wiedergeben, welche Teile von Kehle, Mund, Zunge oder Lippen auf welche Weise bewegt oder eingesetzt werden sollen, nicht aber eine Umschreibung der damit verbundenen Klänge geliefert hat, gehört zum Konzept des Stückes. Es geht zunächst um eine emotionslose, rein technische Umsetzung dessen, was da vorgeschlagen wird, und nur der Zuhörer selbst projiziert in die entstehenden Klänge aufgrund seines alltäglichen Erfahrungshorizonts gewisse Assoziationen hinein, die ihm eine Deutungsmatrix für die gehörten Vorgänge liefern können.

Erarbeitung

Die Erschließung der Materialtabellen ist Gegenstand des rund 37-minütigen Films ‚Exerzitien – Produktionen – Kommunikationen. Die Ausarbeitung‘. Er thematisiert damit Vorgänge, die normalerweise den nicht für ein Publikum bestimmten Teil der Auseinandersetzung mit Schnebels Materialsammlung betreffen, damit aber auch die Besonderheit der 'Maulwerke' verkörpern: Die intensive Beschäftigung mit den komplexen Vorgaben muss nämlich nicht notwendigerweise in eine Aufführung münden, sondern erfüllt aufgrund des damit verbundenen prozesshaften Charakters, der vom Individuum ausgeht und in das Zusammenwirken einer Gruppe mündet, eine kommunikative Funktion, die zugleich mit dem Akt einer Bewusstwerdung verbunden ist. Genau dies macht der Film transparent: Ausgehend von den Motivationen der einzelnen Ensemblemitglieder bei der Auswahl ganz bestimmter Materialien führt der Weg über das gegenseitige Kommentieren dieser Auswahl bis hin zur Erschaffung von Kommunikationsprozessen, in denen das gegenseitige Reagieren einbezogen wird. Die Dokumentation setzt hierzu Phasen mit Klang als Kontrapunkt zu Gesprächen und Diskussionen ein und zeigt, wie am Ende – auch dies ein Bestandteil von Schnebels Titelgebung – noch Reproduktionsgeräte wie Mikrophone hinzutreten, durch die bestimmte klangliche Elemente deutlicher hörbar gemacht werden.

All dies rückt das Zentrum der Schnebel’schen Konzeption ins Bild, deren Verwurzelung im Gestus des 1968er-Denkens unmittelbare Konsequenzen für die Bemühungen der Vokalisten hat. Denn die Interpreten können auf eine Aufführung verzichten, weil letzten Endes der Weg – also der Prozess der Erarbeitung – das Ziel der 'Maulwerke' ist. Im Grunde ähnelt dieser Prozess einer Therapie, die es möglich macht, bislang ungekannte Ausdrucksmöglichkeiten der Stimme für sich zu erschließen. Der Film zeigt diese Stadien und fängt auch den Ernst ein, mit dem sich die sechs Mitwirkenden an die Auseinandersetzung mit Schnebels Material machen. Allerdings vermittelt er häufig tatsächlich den Eindruck, als würde man hier einer therapeutischen Sitzung beiwohnen – insbesondere dann, wenn die Maulwerker auf dem Boden sitzend darüber diskutieren, was das alles denn mit ihnen so macht. Vielleicht ist es angesichts dieses doch manchmal auf unfreiwillige Weise etwas erheiternd anmutenden Szenarios kein Zufall, dass Schnebel die Erarbeitungsprozesse nicht öffentlich gemacht haben wollte und allein dem ‚Opus‘, also der Realisation, einen Werk- und Aufführungscharakter zugesprochen hat.

Filmische Realisierung

Gleichfalls rund 37 Minuten lang ist die filmische Realisierung des ‚Opus‘ unter der Regie von Susanne Elgeti, die als visuell-klangliches Kunstwerk besticht: nicht nur wegen der Sicherheit der Ausführenden, sondern auch durch die visuelle Umsetzung, bei der die bildnerischen Mittel als adäquate Reaktion auf die von Schnebel offen gelassene Möglichkeit zur Hinzuziehung visueller Medien genutzt werden. Das Ergebnis fasziniert weit eher als der dokumentarische Erarbeitungsprozess und zeigt, dass das aufführbare ‚Werk‘ noch immer Relevanz beanspruchen kann, auch wenn die hier vorgeführten Vokal- und Artikulationskontexte mittlerweile zu Klischees der neuen Musik erstarrt sind. In der Tat wirken sie in ihrem Impetus stellenweise ein wenig angestaubt, was auch daran liegen mag, dass selbst die überzeugendste Realisierung den oftmals didaktischen Charakter des Herzeigens von alternativen Möglichkeiten des Umgangs mit Stimme und Lauterzeugung nicht verbergen kann. Zudem bleibt als grundsätzliches Problem auch kritisch anzumerken, dass Schnebels Musik gleichfalls ausgrenzt und mit ihrer Virtuosität gerade die traditionelle Art des Klanggebens ausschließt – also wie der Belcanto, gegen den sie sich richtet, ein exkludierendes und nicht etwa integrierendes Prinzip verfolgt.

Eine besondere Variante haben sich die Produzenten der DVD mit einer zwölfminütigen ‚Cut Up‘-Version der 'Maulwerke' einfallen lassen: einer Version, bei der unterschiedliche Filmschnipsel aus Dokumentation und filmischer Werkrealisierung bei jedem Abspielen anders miteinander vermengt werden. Dieser Zugriff auf unterschiedliche Stadien der Ausarbeitung bricht somit die Gerichtetheit des Erarbeitungsprozesses auf und realisiert eine medientechnisch überzeugend weitergedachte Fortführung von Schnebels Konzept. Darüber hinaus bietet die DVD noch einen ausführlichen 33-minütigen Gesprächsteil, in dem Volker Straebel sich mit dem Komponisten einerseits und den sechs Vokalisten andererseits unterhält und wichtige Aspekte der 'Maulwerke' zur Sprache bringt. Damit nicht genug, gebührt auch dem Booklet ein großes Lob, da es neben einem ausgedehnten und kenntnisreichen Essay der Musikwissenschaftlerin Christa Brüstle eine ganze Reihe von Abbildungen aus dem Tabellenmaterial zu den 'Maulwerken' enthält, so dass sich insgesamt ein geschlossenes Bild von der Komposition und Schnebels Intention ergibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schnebel, Dieter: Maulwerke - Filmversion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
01.11.2011
120:00
EAN:
BestellNr.:

4010228080452
MV 08045


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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