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Samstag, 21. Mai 2022

Campra, André - Italienische Arien

Geglückter musikalischer Historismus


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Gli strali d'Amore' ist ein kleines Juwel der Kammeroper, bei dem man fast vergessen mag, dass es in dieser Form zu Campras Zeiten nicht exisitiert hat.

Das kleine Ensemble Risonanza unter der Leitung von Fabio Bonizzoni hat mit seiner jüngsten Einspielung beim Label Glossa ein barockes Fantasiegebilde geschaffen. Aus italienischen Arien von André Campra und Instrumentalstücken von Louis-Nicolas Clérambault hat man ein ‚Divertimento Immaginario‘ zusammengestellt, das es so nie gab, aber möglich gewesen wäre. Ergänzt hat man es um Rezitative aus der Feder des Ensembleleiters, dem man dies als Cembalist allemal zutrauen darf. In den geschaffenen Rollen aus dem Fundus des italienischen Theaters und der Commedia dell‘arte (Leonora, Lelio und der Dottore) singen mit der Sopranistin Roberta Invernizzi, dem Haute-Contre Cyril Auvity und dem Bass Salvo Vitale etablierte Künstler des barocken Repertoires.

Das Rekonstruieren verlorener Werke ist ein heikles, aber immer wieder praktiziertes Unterfangen. Die Schaffung neuer Werke aus altem Material geht in eine ähnliche Richtung, erspart sich jedoch durch die fehlende Vorlage die Diskussionen um die Genauigkeit der rekonstruierten Stücke. Das Ergebnis kann in beiden Fällen bedenklich sein. Im vorliegenden Fall war die Gefahr gering: Man bediente sich der Werke eines einzelnen Komponisten für die Vokalmusik und vermied so die Vermischung von persönlichen Stilen. Die instrumentalen Einschübe von Clérambault verleihen dem Werk ein französisches Antlitz, denn man darf nicht vergessen, dass hier zwar ein Werk in italienischer Sprache geschaffen wurde, welches aber die Musik eines Franzosen verwendet, der genau solche Stücke für ein französisches Publikum geschrieben hat. Das begrenzte Repertoire an Themen, die in barocken Arien um 1700 verarbeitet wurden – in erster Linie ging es um die Liebe in allen Ausprägungen –, macht es einfach, Stücke zu finden, um eine ebenso stereotype Handlung zu konzipieren. Nicht zuletzt ist das barocke Secco-Rezitativ an eine Reihe einfacher Regeln geknüpft, so dass es sich mit etwas Geschick im Umgang mit der Sprache auch heute noch überzeugend konstruieren lässt. Des Weiteren sind die hier vertonten Rezitativ-Texte von Angela Romagnoli ein zeitgenössisches Werk im Stil barocker Poesie.

Der größte Stolperstein ist stets die Dramaturgie, der im vorliegenden Falle überzeugend genommen wird. Die Handlung ist kurzweilig und erfrischend abwechslungsreich durch die Musik umgesetzt. Am Anfang stehen zwei Sonatensätze als französische Ouvertüre und zwischen den Aufzügen erklingt instrumentale Musik, zu dem man sich eine choreographische Umsetzung, wie sie in der Zeit üblich war, gut vorstellen könnte. Der sich dramaturgisch verdichtende letzte Aufzug liefert komplett mit Contredanse und Schlusschor einen schmissigen Abschluss. Es bleiben keine Wünsche offen.

Nach fast einem halben Jahrhundert der bewussten, teilweise geradezu erzwungenen Isolierung der französischen Musik gegenüber äußeren Einflüssen, insbesondere von Italien, öffnete man sich dafür nach dem Tode Lullys, der alles dominierenden Figur der französischen Musik. In den 1690er Jahren wurde italienische Musik und mehr noch die Vermischung von italienischen und französischen Elementen wieder beliebt. Man sprach von einer ‚Vermischung der Geschmäcker‘ im positiven Sinne. Kleine Divertissements mit ganz oder teilweise italienischen Arien, angereichert mit französischer Instrumentalmusik und Chansons waren Publikumserfolge – und ein Kontrast zur hochdramatischen und immer noch gespielten Tragédie en musique Lullys. Bonizzonis Idee ist also keineswegs historisch zweifelhaft, sondern entspricht dem musikalischen Geschmack um die Wende zum 18. Jahrhundert.

Die Solisten sind gut ausgewählt und vertraut mit dem Kunstgesang um 1700. Invernizzis strahlender Sopran verkörpert glaubhaft die junge, verspielte Leonora, die ein Mal mühelos die kapriziösesten Koloraturen singt und ein anderes Mal ('Vuo vendetta') furios eine Rachearie schmettert. Cyril Auvitys jugendlich leuchtender Tenor mit der für französische Werke typischen Höhe (die Stimmlage Haute-contre gab es in der italienischen Oper nicht) zeichnet ein feinsinniges Bild des Lelio, der schwärmerische Arien mit dem überschwänglichen Schmelz eines Verliebten singt ('Amanti godete'). Den Kontrast bildet der lüsterne alte Dottore, der unverfroren um Leonora wirbt. Salvo Vitales kräftige, aber samtige Bassstimme ist eine Wohltat für den Hörer, stellt den Dottore aber fast ein wenig zu harmlos dar. Begeisterung erweckten die Klangschönheit und Harmonie der drei Stimmen und die beeindruckende Beweglichkeit und Klarheit bei den Koloraturen.

Das sehr kleine Instrumentalensemble produziert einen lichten, lebendigen Klang. Da hier quasi jeder Solist ist, bleibt der klangliche Eindruck heterogen und individuell, passt aber hervorragend zu den eher leichten Stimmen der Sänger. In Stücken wie der als Ouvertüre und Zwischenspiel verwendeten Sonate Nr. 11 von Clérambault blitzt in den Tanzsätzen der französische Hintergrund der Werke auf. Hier wie auch bei der Chaconne – die außerdem noch als typisch französisches Merkmal Doppelcouplets enthält – hätten die Musiker den französischen Charakter der Werke etwas stärker herausarbeiten können, gliedern sie aber nahtlos in den italienischen Stil ein.

Das Booklet enthält das Libretto in fünf Sprachen und zeichnet sich durch einen hervorragenden einführenden Text aus, der von einer führenden Musikforscherin auf dem Gebiet der französisch-italienischen Musikbeziehungen verfasst wurde. Der Klang der Aufnahme ist klar, obwohl man in einer Kirche aufgenommen hat und eine große Raumakustik erwarten würde. Auch Details sind auf der Aufnahme erhalten geblieben und die Stimmen und Instrumente wirken authentisch und unverfälscht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Campra, André: Italienische Arien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
01.11.2011
Medium:
EAN:

CD
8424562215122


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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