> > > Werke von Telemann, Graun, Vivaldi u.a.: Konzert in a-moll
Freitag, 23. August 2019

Werke von Telemann, Graun, Vivaldi u.a. - Konzert in a-moll

Konzertantes Temperament


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kammermusikalisch besetzte Gambenkonzerte: Vittorio Ghielmi und sein Ensemble Il Suonar Parlante mit einer farbigen Konzertplatte.

Georg Philipp Telemanns Aufenthalt am Hof des Grafen zu Promnitz in Schlesien ist als eine der Inspirationsquellen seines kompositorischen Schaffens oft beschrieben worden. Telemanns Erfahrung jener ‚barbarischen Schönheit‘, die ihm bei Hofe, vor allem aber ‚in gemeinen Wirtshäusern‘ begegnete, schlug sich in etlichen Kompositionen nieder, rhythmisch und melodisch – allzu grob als polnischer Einfluss bezeichnet – sich manifestierend. Dieses Moment der Begegnung an den Grenzen kultureller Traditionen, verbunden mit der Attraktivität des Unbekannten ist für den italienischen Gambisten Vittorio Ghielmi der Ausgangspunkt für das Programm der vorliegenden Platte: Ein Konzert von Telemann für Gambe und Blockflöte eröffnet den Reigen, gefolgt von einem Gambenkonzert Johann Gottlieb Grauns, der am preußischen Hof ebenfalls mit etlichen Impulsen böhmischer Musikerkollegen konfrontiert war. Bis hierhin ist das Programm sehr schlüssig, die dann folgenden Gambenkonzerte von Antonio Vivaldi und Giuseppe Tartini setzen das hohe kompositorische Niveau zwar nahtlos fort, fügen sich aber nicht mehr ganz so deutlich in die thematische Grundanlage. Auch wenn Vivaldi und Tartini nie wirklich ‚falsch‘ sind: Hier hätte es der programmatischen Stringenz gut getan, wenn sich Ghielmi weniger auf seine Präsenz als Solist denn auf eine noch schlüssigere Werkauswahl verlegt hätte.

Denn dass sich die Beschäftigung Ghielmis und seines wunderbaren Ensembles Il Suonar Parlante mit dieser ambitionierten Konzertmusik lohnt, zeigt die Platte überdeutlich: Das Ensemble agiert als kompakte, enorm homogene Einheit, deren Spiel ebenso von rhythmischer Prägnanz wie von der glücklichen Präsenz des Melodischen geprägt ist. Vor allem pulsierende Klangfreude kommt nie zu kurz, avancierte musikalische Gesten werden bereitwillig mit Leben erfüllt. Doch auch das seelenvolle Adagio steht den in schmaler, nur achtköpfiger Besetzung agierenden Musikern zu Gebote. Auffällig ist dazu die geradezu perfekt ausgeformte Artikulation: Nichts bleibt dem Zufall überlassen, es ist beeindruckend, wie stimmig und zugleich belebt auch kleine Begleitfiguren gezeichnet werden, wie kurze Pizzicati in höchster Präzision hervorschnellen.

Auf dieser Basis entfaltet Vittorio Ghielmi seine üppige Kunst: Er verfügt über einen wandlungsfähigen Ton von einiger Substanz und damit über eine sehr vielseitig formbare Ressource. Sein Gambenspiel scheint weniger ausschließlich der klanglichen Konzentration, dem eher schmalen Ton verpflichtet. Als fantastischer Techniker brilliert er auch intonatorisch bis in die extreme Diskantlage, gerade Grauns Konzert bietet hier einige Herausforderungen. Zudem präsentiert Ghielmi immer wieder seine beeindruckende Geläufigkeit.

Kongeniale Partnerin bei Telemann ist Dorothee Oberlinger, die mit ihrem harmonischen, gleichwohl selbstbewusst profilierten Flötenton artikulationsstark das Klangtableau belebt, so wie es die Geigerin Mayumi Hirasaki im Vivaldi-Konzert tut. Besondere Erwähnung verdient der instrumentale Beitrag des Cymbalon-Spielers Marcel Comendant, der zu Telemanns Komposition eine freie Introduktion sowie ein resümierendes Nachspiel liefert und dazwischen in den Tuttipassagen klangfüllender und zugleich durch Perkussivität strukturierender Teil des Ensembles ist – eine wirklich interessante, programmatisch überaus passende Farbe.

Das alles serviert Ghielmi in überwiegend frischen Tempi, doch auch in langsameren Gefilden werden überzeugende Charaktere ausgeformt. Die Gegensätze der Satzanlage werden klug genutzt, ohne Künstlichkeiten zu forcieren. Ähnliches gilt für die Disposition der dynamischen Anlage, die auf plastische Kontraste abzielt, ohne die bei kleiner Ensemblebesetzung gebotene Differenzierung der expressiven Gesten zu vernachlässigen. Das Klangbild ist konzentriert, doch belebt, in ansprechender Plastizität strukturstark und wirkt fein gestaffelt. Im sehr schön fotografierten Booklet scheint Ghielmis Einführungstext etwas knapp und die teils blaue Schrift auf schwarzem Grund verlangt nach einem geübten Auge.

Ghielmi und seine Mitstreiter bieten konzertantes Musizieren auf höchsten Niveau: Klangsinnlich und zugleich in sehr plastisch geformten Gestalten, mit rhythmischer Verve und mit einem erstaunlichen Sinn für lineare Adagio-Schönheiten. Einzig die fehlende Konsequenz in der Gestaltung des Programms schränkt die diskographische Wirkung der Produktion etwas ein. Davon abgesehen überzeugt, wie sehr sich die Akteure vom konzertierenden Prinzip haben inspirieren lassen und wie traumwandlerisch sicher sie auf dem schmalen Grat von entschlossener Geste und delikater Detailarbeit balancieren.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werke von Telemann, Graun, Vivaldi u.a.: Konzert in a-moll

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
01.11.2011
Medium:
EAN:

CD
5425004849724


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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