> > > Buxtehude, Dieterich: Kantaten und Sonaten
Dienstag, 28. September 2021

Buxtehude, Dieterich - Kantaten und Sonaten

Buxtehude vokal und instrumental


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


William Dongois und sein Ensemble Le Concert Brisé mit einer programmatisch gemischten Buxtehude-Platte.

Um die Anerkenntnis des musikhistorischen Rangs Dietrich Buxtehudes (1637-1707) muss man sich in der Gegenwart kaum mehr sorgen: Zu deutlich sind seine kompositorischen Qualitäten, und erfreulich zahlreich sind inzwischen die seinem Werk gewidmeten, größtenteils niveauvollen Einspielungen. Stand über längere Zeit Buxtehude in seiner Rolle als ein kompositorischer Vorläufer Johann Sebastian Bachs vor allem mit seinem Orgelwerk im Vordergrund, wird der Lübecker Meister inzwischen stärker denn je als musikhistorische Figur eigenen Rechts wahrgenommen. Das liegt sicher daran, dass Buxtehude in seinen vielgestaltigen Arbeiten stets als formal starker, phantasiebegabter Tonsetzer mit einer individuellen Stilistik erkennbar wird. Mit den durch die Tradition des geistlichen Konzerts vermittelten italienischen Impulsen setzte sich Buxtehude fruchtbar auseinander, andere Einflüsse nicht ausblendend, eigene ästhetische Ideen ebenfalls nicht negierend. In letzteren Bereich zählt unbedingt seine überragende Fähigkeit, teils wenig komplexe Reihungsformen auch über sehr weite Strecken hin schöpferisch ertragreich zu machen und abwechslungsreich zu gestalten.

Ansprechende Interpretation, heikle Punkte eingeschlossen

Davon ist auch im Programm der aktuellen Platte des Ensembles Le Concert Brisé zu hören. Es beinhaltet eine Auswahl von Kantaten und ausgreifend dimensionierten Sonaten aus der Feder des norddeutschen Meisters. Den vokalen Part singt die tschechische Sopranistin Dagmar Saskova mit feiner, schlanker, dabei durchaus farbenreicher Stimme, die in dezidiert gestalteten Linien zu einiger beweglicher Eleganz findet. In stärker durchbrochenen, kontrastreicheren Sätzen – etwa in 'O Gottes Stadt' BuxWV 87 – kommen ihre ansprechenden Möglichkeiten vor allem in den bloß continuobegleiteten Passagen sehr schön zur Geltung. Dagegen steht ihre Stimme immer dann unter Druck, wenn Zink und Barockposaune eine klangmächtige instrumentale ‚Gegengröße’ bilden, ergänzt um den freilich feiner klingenden Dulzian.

Dieser Befund beschreibt ein Problem, das in etlichen Passagen der vokal-instrumentalen Sätze präsent bleibt: Die Frage nach einer gelungenen, ansprechend belebten und passgenau in den Raum integrierten Balance zwischen den beteiligten Kräften ist immer wieder heikel. Denn die enorm versierten Instrumentalisten zeigen sich spielfreudig, schwingen sich trotz differenzierter, angenehm variantenreicher Artikulation und der Fähigkeit zur feinen Geste immer wieder auch zu kräftigerer Klangwirkung auf. In diesen Momenten fehlen dem insgesamt guten, stimmungsvollen Klangbild die letzte Präzision und die letzte Fokussierung, speziell bei der sich im Raum üppig entfaltenden Kombination von Zink und Posaune. Feine, das klangliche Tableau angenehm gliedernde Beiträge liefert hingegen die Theorbe in den rezitativischen Abschnitten, auch die Orgel lässt sich mit delikaten Beiträgen hören. Die von William Dongois und seinem Ensemble angeschlagenen entschiedenen Tempi sichern dem Geschehen einen klaren Fluss, aus den verschiedenen Besetzungen ergeben sich plastische dynamische Kontraste.

Dongois gelingt mit seinem Ensemble ein kundiger Blick auf einen interessanten Ausschnitt des Schaffens Dietrich Buxtehudes – zwar sensibel im Ansatz aber doch in relativ großer Klanggeste realisiert. Dabei sind die Sonaten noch schlüssiger gelungen, als die vokal-instrumentalen Sätze, die unter Balanceproblemen leiden, was ein Befund sowohl in klanglicher als auch in interpretatorischer Hinsicht ist. Gleichwohl liegt eine Platte vor, die Buxtehudes Potenziale ebenso zeigt wie diejenigen der Interpreten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Buxtehude, Dieterich: Kantaten und Sonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.11.2011
Medium:
EAN:

CD
4015023242401


Cover vergössern

Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Accent:

  • Zur Kritik... Engelskonzert: Das Tiburtina Ensemble und Oltremontano Antwerpen: So kann man Artefakte der Bildenden Kunst über Jahrhunderte hinweg zum Klingen bringen – mit Geschmack, gedanklicher Schärfe und Klangimagination. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Solistischer Bach: Im Ergebnis ein luzider, lichtdurchfluteter Bach von Sigiswald Kuijken und La Petite Bande – gelegentlich zu statisch und etwas reduziert, stimmlich und in der instrumentalen Energetisierung. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Entdeckung eines bedeutenden Oratorums: Gregor Joseph Werner (1693-1766) war der Vorgänger Joseph Haydns am Fürstenhofe Esterházy. Von ihm ist nur ein schmales Oeuvre bekannt, darunter auch vorliegendes Oratorium. Wir haben es mit der Entdeckung eines großartigen Werkes zu tun. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle Kritiken von Accent...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Orgelsinfonik: Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Englische Perlen: Ein erfrischender Blick auf fernes Repertoire: Das Huelgas Ensemble mit seinem Leiter Paul Van Nevel liefert verlässlich Vokalkunst auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Noble Fortsetzung mit Schnittke und Pärt: Der Estnische Philharmonische Kammerchor und sein Leiter Kaspars Putninš erweisen sich bei Alfred Schnittke und Arvo Pärt abermals als interpretatorisches Kraftwerk von Graden. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ausgegraben: Die Wiederveröffentlichung von Aufnahmen aus den 1990er-Jahren schließt eine empfindliche Lücke in der Andriessen-Diskografie. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mit Charme und Substanz: Pianist Matthias Kirschnereit und das HR-Sinfonieorchester brillieren mit Klavierwerken von Johann Nepomuk Hummel, Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Der wunderbare Klangkosmos des Leo Brouwer: Gitarrenmusik auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

RHPP70

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2021) herunterladen (3400 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Andrea Gabrieli: Canzon Ariosa

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich