> > > Werke von Monteverdi, Cavalli, Strozzi u.a.: Ferveur & Extase
Montag, 14. Juni 2021

Werke von Monteverdi, Cavalli, Strozzi u.a. - Ferveur & Extase

Ein Universum in einer Stimme


Label/Verlag: Ambronay Editions
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stéphanie d'Oustrac präsentiert sich einmal mehr als ausdrucksstarke Sängerin, die intensive emotionale Zustände lebhaft zu vermitteln versteht. Die zwischengeschobenen Instrumentalsätze dieses Recitals sind perfekt, aber recht glatt gespielt.

Stéphanie d‘Oustrac ist ein Phänomen. Sie schafft es, ein Mal Lullys Armide mit einer erschreckend finsteren Stimmfarbe hoch dramatisch zu interpretieren, ein anderes Mal Bizets Carmen mit glühender Leidenschaft zu singen und dann – wie auf dieser CD – mit beinahe lyrisch süßer Stimme die klagende Maria glaubhaft zu verkörpern. Für ein Programm, das so sehr auf den dramatischen Ausdruck extremer Affekte wie Leiden, Verzweiflung und Ekstase ausgerichtet ist, hätte sich keine bessere Interpretin finden können als die französische Mezzosopranistin.

Die Auswahl des Programms rührt her von der Idee des Ensembles Amarillis unter der Leitung von Héloise Gaillard, die elementaren Affekte des Leidens und der Liebe in ihrer Umsetzung im weltlichen und geistlichen Repertoire des Barock gegenüber zu stellen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Modellhaft bedienen sie sich hierfür der Figuren der Dido seitens der profanen und der Heiligen Maria in der sakralen Musik; denn verblüffend nah beieinander liegen die emotionalen Erlebnisse der anscheinend gegensätzlich zueinander stehenden Persönlichkeiten in den Momenten größter Verzweiflung.

D‘Oustracs expressive stimmliche Kraft entfaltet sich am besten in den rezitativischen Stücken, Monologen und Lamenti, wenn die Stimme nur begleitet durch den Basso continuo allein für den Ausdrucksgehalt der Interpretation verantwortlich ist, wie in Francesco Cavallis 'Lamento di Didone'. Hier schafft sie ein emotionales Kaleidoskop: verzweifelte Klagen, wütende Ausbrüche, tiefe Traurigkeit und fast ersterbende Zartheit. Man hört fasziniert zu, wie sie den Klang ihrer Stimme von einer Phrase zur nächsten radikal ändert, von einem Affekt zum nächsten stürzt. Was man von ihr weniger erwartet hätte, sind messerscharfe Koloraturen, die sie souverän in Arien wie 'Fuire, turbini dell‘onde' vorführt. Als Interpretin bemüht sie sich hörbar, jeder Dido individuelle Züge zu geben und die unterschiedliche Darstellung der Komponisten herauszuarbeiten; gemeinsam ist allen eine unerhörte Plastizität und Lebendigkeit.

Einen anderen Ton schlägt sie für die geistlichen Werke an: Zwar nimmt sie sich hier hörbar zurück und singt nahezu vibratofrei. Trotzdem ist diese vor Sinnlichkeit überquellende Stimme in sakraler Musik zunächst gewöhnungsbedürftig und fern von jedem überirdischen oder unnahbaren Klang. Sie gibt den Stücken wie Barbara Strozzis 'O Maria' ein ungewohntes, aber reizvolles, erdiges und menschliches Antlitz. Während ihre Stimme in den hohen Tönen ihre Eigentümlichkeit ein wenig verliert, ist ihre glühende Kraft und dunkle Farbe in der tiefen Lage geradezu berauschend. Der Kontrast zwischen dem süßen Schmelz, den sie in den geistlichen Werken kultiviert und der exzentrischen Farbigkeit in den weltlichen Werken zeigt die herausragende Wandelbarkeit der Sängerin.

Zwischen die teilweise gravitätischen Vokalwerke sind instrumentale Stücke eingeschoben, Auszüge der Frühzeit der autonomen Instrumentalmusik: Canzonen, Sinfonie und klein besetzte Concerti, die formal von den Komponisten noch sehr frei gehandhabt wurden. Das Ensemble Amarillis geleitet von der Blockflötistin Gaillard ist außerdem mit Streichern und einer Continuogruppe besetzt. Sie spielen die Werke recht akademisch, fast zu perfekt in Intonation und Klanghomogenität. Zwar ist die Interpretation keineswegs steif oder steril, aber so glatt und exakt, dass man sich fast etwas weniger lupenreine Perfektion gewünscht hätte neben den so lebendigen und kantigen Darbietungen von Stéphanie d‘Oustrac. Der Hörer bekommt hier in jedem Fall eine Atempause zwischen den mächtigen Vokalstücken. Die instrumentalen Zwischenspiele sind thematisch mit Bedacht ausgewählt und verarbeiten die Affekte und musikalischen Topoi, die die Leidenschaften der Vokalwerke widerspiegeln. Auf diese Weise wirken die Instrumentalstücke geradezu kontemplativ. Etwas enttäuscht ist man vom Booklet: Zwar sind die Texte knapp und inhaltlich prägnant verfasst, aber man tut gut daran, die französischen Originalversion des Booklet-Textes zu lesen, da die deutsche Übersetzung mehr schlecht als recht ist und sich nicht unerhebliche inhaltliche Fehler eingeschlichen haben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werke von Monteverdi, Cavalli, Strozzi u.a.: Ferveur & Extase

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ambronay Editions
1
14.10.2011
Medium:
EAN:

CD
3760135100279


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Ambronay Editions

Autour du Festival de musique ancienne créé en 1980, activité emblématique du CCR, Ambronay développe un ambitieux programme d'insertion professionnelle de jeunes artistes et créateurs, accorde une place importante à la pratique amateur et à l'action culturelle, propose une offre patrimoniale riche et variée et engage une réflexion approfondie sur les rapports entre culture, tourisme et économie avec la mise en place d'un centre de séminaires et d'un club d'entreprises. L'ensemble de ces activités bénéficie d'une diffusion internationale via le label de disques Ambronay Éditions.


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