> > > Werke von Tartaglino, Mayone, Guami u.a.: La Bella Minuta
Sonntag, 18. August 2019

Werke von Tartaglino, Mayone, Guami u.a. - La Bella Minuta

Virtuosität & Kontemplation


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein Plädoyer für den Zink, vorgetragen von Bruce Dickey und kundigen Mitstreitern - Diminutionen italienischer Komponisten um 1600.

Eigentlich ist es merkwürdig, dass sich der Solozink irgendwann im 18. Jahrhundert endgültig aus der Instrumentalmusik verabschieden musste – sind doch seine klanglichen, vor allem klangsinnlichen Qualitäten offenkundig, zeigen auch manche spätere Beispiele konzertanter Ästhetik mit der Beteiligung des Zinks, dass die Kombination des etwas archaisch wirkenden Blasinstruments mit einem in seiner Größe allmählich erweiterten barocken Orchester durchaus überzeugen konnte. Natürlich gab es manche Einschränkungen des Zinks – doch die (Fort-)Existenz in einer kleinen, charmanten Nische ist eine irgendwie reizvolle, wenn auch natürlich unhistorische Vorstellung.

Gleichwohl: Weit vor dieser Zeit hatte der Zink seine Hochphase und war um 1600 eines der wichtigsten Melodieinstrumente. In diesem Umfeld bewegt sich das Programm der vorliegenden Platte, auf der Bruce Dickey den Zink als hochvirtuoses, zugleich klangintensives Instrument von expressivem Format präsentiert. Dazu hat er Instrumentalsätze einer Reihe italienischer Komponisten zusammengestellt, die das Blasinstrument mit teils diffizilen Aufgaben aus dem Reich der kunstfertigen Diminution betraut haben. Neben einer Reihe interessanter Arbeiten von Gioseffo Guami (1542-1611) stehen unter anderem Werke von Giovanni Maria Trabaci (ca. 1575-1647) oder Ascanio Mayone (ca. 1565-1627). Dazu gesellte Bruce Dickey Sätze von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) und die berühmte Chanson 'Mille regretz' von Josquin Desprez (ca. 1450-1521), auf deren Grundlage der Zinkvirtuose jeweils eigene Verzierungen präsentiert. Dickey hat sich bei der Programmauswahl also durchaus nicht nur an den großen Namen der ersten Reihe orientiert, sondern seine über Jahrzehnte erworbene, tiefe Repertoirekenntnis fruchtbar gemacht.

Auffällig ist bei den meisten der Kompositionen, wie eng die plastisch herausgestellten Sololinien des Zinks mit den übrigen Stimmen des Satzes verwoben sind. Gerade durch Dickeys eigene diminutive Beiträge wird zudem deutlich, dass der Interpret in diesem Repertoire eine besonders prägende, kreativ fordernde Stellung einnahm. Und dass Dickey als einer der wichtigsten Protagonisten der Wiederbelebung des Zinks in der Gegenwart seinen historischen Kollegen in dieser Hinsicht nicht nachsteht, zeigt die traumverloren schöne Version von Josquins 'Mille regretz' eindrucksvoll.

Könnerschaft

Selbstverständlich ist das Spiel Bruce Dickeys hochvirtuos – das erwartet der Hörer bei einer Platte dieses programmatischen Zuschnitts natürlich zu Recht: Geläufig, beweglich und mit einer parlandoartigen Leichtigkeit perlen die unendlichen Tonketten aus Dickeys Instrument. Artikulatorisch agiert der versierte Stilist makellos, detailorientiert, zugleich aber in lebendig beatmeten Linien. Dazu zeigt er, dass der Zink durch alle Lagen hindurch enorm ausgeglichen gespielt werden, dass auch die extreme Höhe drucklos und wirklich frei klingen kann. Und all der atemberaubenden Artistik zum Trotz: Es sind in der großen Mehrzahl affektiv entspannte Stücke, deren ruhevolle Grundlage in den Gamben oder auf der Orgel gelegt und dann von Dickeys Zink umspielt und gekrönt wird. Die zahllosen Ornamente sind dabei kein Selbstzweck des ambitionierten Solisten – vielmehr deuten sie, explizieren sie, weiten sie das musikalische Geschehen um eine entscheidende Dimension. Müßig zu sagen, dass all dies auch ästhetisch weit entfernt vom späteren Virtuosenverständnis sich vollzieht.

Dazu tragen auch die begleitenden Instrumentalisten entscheidend bei: Das Gambentrio agiert dezent, mit feinem Strich, gelegentlich bei aller strukturellen Interaktion mit dem Zink vielleicht sogar etwas zu verhalten. Entscheidende Impulse bringt die im Jahr 2006 restaurierte Antegnati-Orgel von 1565 ein: Im hohen Stimmton von 462 Hertz klingt das 16-Fuß-Instrument enorm farbig, mit charaktervollen, gleichwohl gedeckten Registern von integrativer Klanglichkeit. Eingeschobene solistische Sätze der Orgel heben dann auch die kräftigeren Töne des Instruments hervor.

Besondere Erwähnung verdient das Klangbild: Vor allem ist das musikalische Geschehen sehr harmonisch in den mitmusizierenden Raum gestellt. Der Zink kann sich in diesem Umfeld nobel und elegant entfalten, die Balance zur Orgel wirkt glücklich, vielleicht ist das Bassregister aus dem Gambentrio zu schmal und zu dezent – was teilweise auch am konzeptionell bedingten Hochklangmoment des gesamten Programms liegen mag. Natürlich – über die gesamte Spielzeit von über einer Stunde hinweg kann sich ob der affektiven Ähnlichkeit der Werke der Eindruck von Monochromität einstellen. Doch überwiegt die positiven Eindrücke deutlich: Ohne äußeren Druck und überzogene Virtuosengeste breiten Bruce Dickey und seine Mistreiter durch eine üppig ornamentierte Oberstimme gekrönte Klangflächen aus. Das gerät schwebend, oft kontemplativ und ist klanglich wunderbar in den Raum gefügt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werke von Tartaglino, Mayone, Guami u.a.: La Bella Minuta

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
01.10.2011
Medium:
EAN:

CD
5425004849793


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Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


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