> > > Liszt, Franz: Duo-Sonate für Violine und Klavier
Samstag, 15. August 2020

Liszt, Franz - Duo-Sonate für Violine und Klavier

Rhapsodisch, melancholisch


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zwischen schweifender Rhapsodie und abgründiger Melancholie: Liszts Kammermusik in vorbildlichen Interpretationen.

So könnte es geklungen haben, als Franz Liszt am Flügel und Johann Strauß senior an der Geige in einem Wiener Gartenkonzert gemeinsam Musik gemacht haben. Liszts Duo-Sonate für Violine und Klavier spiegelt die im Vergleich zur heutigen Klassikszene unbefangenere Musizierkultur des mittleren 19. Jahrhunderts eindrücklich wider. Die Notation lässt den Interpreten viel Raum, den der Paganini-Spezialist Ingolf Turban und Lukas Maria Kuen mit überwältigender Lebendigkeit auszufüllen wissen, ohne dabei die Transparenz von Struktur und Klang zu vernachlässigen. Deutlich arbeiten sie die orientalisierenden Wendungen und Verfestigungen des Kopfsatzes heraus. Turbans Violinspiel ist rustikal und geschmeidig zugleich. Die schweifende Eleganz des Klaviers entfaltet einen unwiderstehlichen Charme. Die Sonate entstand zwischen 1832 und 1835; Liszt war inspiriert von den Auftritten Paganinis, der seinerzeit Paris in Staunen versetzte. Erst 1960 wurde sie aus dem Weimarer Nachlass ans Licht geholt. Überhaupt, Liszts Kammermusik: Sie führt ein Schattendasein innerhalb seines umfangreichen und vielseitigen Œuvres. Diese empfehlenswerte und mit einem instruktiven Einführungstext versehene Einspielung macht nun mit ihr bekannt.

Unwiderstehlicher Charme

Das melodisch attraktive Klaviertrio 'Pester Karneval' von 1848, das Liszt, seinem offenen Werkbegriff entsprechend, später in die neunte 'Ungarische Rhapsodie' für Klavier umarbeitete, geben die Interpreten, nun verstärkt vom Cellisten Wen-Sinn Yang, herrlich rhapsodisch. Ihr zupackender Zugriff – der mit seiner süffigen Phrasierung und den üppigen Rubati im besten Sinne musikantisch ist – geht jedoch nicht auf Kosten der Präzision. Komische Wirkung erzielen sie aus dem Voransprechen und Zurückhalten im Presto-Finale.

Andere, dunklere Töne schlagen die späteren Werke seit den Siebzigerjahren an. Die unvollendeten Pläne in Weimar, wo Liszt als Kapellmeister wirkte, der Tod von zweien seiner drei Kinder und die gescheiterte Heirat mit Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein warfen Schatten auf seine letzten Jahre und das Spätwerk. ‚Wie Sie wissen‘, bekannte er gegenüber seiner Biografin, ‚trage ich tiefe Trauer im Herzen; sie muß hie und da in Noten ertönend ausbrechen.‘ Wie in der von einem Seufzermotiv eröffneten Ersten und in der Zweiten Elegie in der Fassung für Violoncello und Klavier. Mit Nachdruck gestalten Yang und Kuen diese Klagegesänge, lassen die Phrasen weiträumig ausschwingen und lauschen, wie in der Zweiten, den Pausen lange nach.

Tiefe Trauer

Das fragile Geflecht von 'Angelus! Prière aux anges gardiens', das als Klavierstück den dritten, 1883 erschienenen Band der 'Années de pèlerinage' eröffnet, balancieren die Interpreten in Streichquartett-Besetzung sensibel aus (mit Barbara Turban an der Violine und Martin-Albrecht Rohde, Viola). Die Intensität ihres Spiels und ihre dynamische Feinabstimmung bringen die Melancholie dieser ermattet anmutenden Musik vortrefflich zum Ausdruck. 'Am Grabe Richard Wagners', geschrieben anlässlich der Totenfeier in Weimar 1883, strahlt auch in der Quartett-Besetzung eine in der Tat tiefe Trauer aus. Groß ist der Gegensatz zur überschäumenden Spielfreude vom Beginn der mit 75 Minuten erfreulich langen Einspielung. Auch einzelne der ‚Totenkammerstücke‘, als welche Liszt seine späten Klavierstücke aus den Achtzigerjahren bezeichnete, transkribierte er. 'La lugubre gondola', während des Aufenthaltes beim todkranken Wagner in Venedig entstanden, verliert in der Fassung für Cello und Klavier klanglich das Karge, Desperate, metrisch das Bodenlos-Schwankende; was bleibt, ist eine mit bekenntnishaftem Elan ausgedeutete herbstliche Musik vom Ende.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liszt, Franz: Duo-Sonate für Violine und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
18.11.2011
Medium:
EAN:

CD
4260034864153


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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