> > > Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Sinfonie Nr.4 in f-moll op.36
Sonntag, 16. Januar 2022

Tschaikowsky, Peter Iljitsch - Sinfonie Nr.4 in f-moll op.36

Funkensprühend


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme ist ein Muss für Tschaikowsky-Verehrer und solche, die es werden wollen.

Obwohl Andris Nelsons aus Lettland stammt, hat er doch in Riga und beim Studium in St. Petersburg eine ganz andere Affinität zu Russland und russischer Musik entwickeln können, als das in mitteleuropäischen Regionen unseres Kontinents möglich ist: Wie aufgewühlt und lodernd klingt unter seinen Händen Tschaikowskys symphonische Fantasie op. 32 'Francesca da Rimini'. Nelsons ist zwar immer noch ein junger, aber doch schon erfahrener Dirigent. Er musiziert auf seiner neuen CD, erschienen beim Münchner Label Orfeo, dem Mitschnitt eines Konzertes in der Symphony Hall Birmingham vom Juni 2011, mit dem dortigen City of Birmingham Orchestra, das seinen Ruhm durch Sir Simon Rattle erlangte.

Der lichte und weite Klang in den Holzbläsern und Streichern kommt dieser romantischen Musik sehr zugute. 'Francesca da Rimini' klingt in der neu vorliegenden Version wie ein Ausbund an Frische und Unverbrauchtheit. Seidig drehen die Celli hoch, die Harfe parliert geschmeidig, dialogisch korrespondierend erlebt der Hörer Englischhorn und Oboe im Mittelteil. Die Flöten singen dazu frei, und das ganze Tutti nimmt einleitend vorweg, was sich in der Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36 später abspielt – insofern ist die Repertoire-Kombination 'Francesca da Rimini' und Vierte Sinfonie unbedingt schlüssig, führt sie doch zwei temperamentvolle Werke des russischen Meisters zusammen. Sensationell leiten gerade die Hörner mit ihren drängenden Salven das Finale ein. Nelson fordert seine Musiker da bis zum Äußersten. Hier ist technische Brillanz von scheinbar um ihr Leben spielenden Streichern ebenso zu erkennen wie eine kernig agierende Schlagzeugertruppe, die am Ende – nach 22 spannenden Minuten – alles in den vermeintlichen Abgrund reißt.

Bestechend, wie darauf das Schicksaal fanfarenartig an die Türe pocht. Um das der Eröffnung der Vierten Sinfonie zugrundeliegende (autobiographische?) Programm ist lange gerätselt worden – ohne Erfolg. Zumindest schickte der Komponist eine Deutung an seine Gönnerin Nadeshda von Meck, die auch Widmungsträgerin der Sinfonie ist. Die Blechbläser klingen hier in der Eröffnung keineswegs schrill oder derb wie bei manch anderem Klangkörper, sondern versprühen weiche Noblesse, runden sich und zeigen Format. Die sich anschließenden Klarinettenrufe überbieten sich an sehnsuchtsvollem Ausdruck. Andris Nelsons formt die Musik in dieser Live-Einspielung wieder einmal meisterlich. Das Tempo überzeugt immer mit schwelgerisch voranschreitender Nuance. Dadurch erzielt der Maestro einen Spannungssog, wie er nur selten erlebbar ist. Außerdem gehen die englischen Orchestermusiker auf seinen fantasievollen, mutigen, manchmal unberechenbaren Zugriff ein. Erlebbar ist auf dieser Orfeo-CD also Tschaikowsky in exquisiter und mitreißender Interpretation, wobei das City of Birmingham Symphony Orchestra internationalen Spitzenklangkörpern durchaus Paroli bieten kann.

Angenehm überraschen auch die dynamischen Abstufungen im Piano- und Pianissimo-Bereich. Nelson erreicht mit dem Orchester aus Birmingham gelegentlich eine fast kammermusikalische Aussage. Das hat Klasse, vor allem wenn gleich ein paar Sekunden später wieder ein Hornquartett Fortissimo bläst. Der erste Satz der Vierten Sinfonie ist ein emotionales Schwergewicht, dem die Interpretation vollends gerecht wird. Konträr dazu steht die Canzona des zweiten Satzes, die ganz in weiches Licht getaucht ist. Das Oboensolo zu Beginn ist leider nicht perfekt geblasen; vielleicht wurde es auch etwas zu hastig angegangen. Es fehlt dort die Nuance der Heiligkeit. Doch fortschreitend findet sich diese Stimmung: Soli in Violoncelli und Fagott werden hochsensibel vorgetragen, intonationsmäßig schwierige Bläsereinsätze sind vortrefflich austariert.

Das Pizzicato-Feuerwerk des dritten Satzes fällt bei Nelsons nicht so schnell, dafür aber intensiv musiziert aus – was allemal besser ist. Exaltierte Klarinetten- und Piccoloflöten-Einwürfe blitzen da genauso frisch auf, wie die Streicher sich in ihren Pizzicato-Teilen um Präzision bemühen. Die Dynamik ist auch hier wiederum effektvoll gestaltet. Im Finale gibt das City of Birmingham Symphony Orchestra noch einmal mächtig Gas. Hier fliegt einem alles um die Ohren: Becken rumsen, Streicher flitzen in die Höhen und das Blech spart nicht an Energie. All dies paart sich mit emotionalen Melodien, die hier expressiv vorgetragen werden.

Diese Aufnahme ist ein Muss für Tschaikowsky-Verehrer und solche, die es werden wollen. Zudem überzeugt das Booklet textlich mit einem Originalbeitrag von Geoffrey Norris, der ins Deutsche und Französische übersetzt wurde. Allerdings hätte Orfeo dem Booklet ruhig ein paar farbige Bilder spendieren können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Sinfonie Nr.4 in f-moll op.36

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Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
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