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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Werke von Chopin, d'Albert ,Tschaikowsky, Saint-Saëns - Romantische Cellokonzerte

Lohnenswerte Wiederentdeckung einer Cellistin


Label/Verlag: Hastedt
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch die zweite von der Musikedition Hastedt veröffentlichte CD mit Aufnahmen der Cellistin Anja Thauer ist ein bemerkenswertes Zeugnis der musikalischen Reife jener heute fast vergessenen Interpretin.

Die Bremer Musikedition Hastedt hat sich auf die Veröffentlichung wichtiger Werke von Komponisten der ehemaligen DDR verlegt. Seit neuestem gibt sie auch CDs von Musikerinnen des 20. Jahrhunderts heraus, die heute beinahe vergessen sind. Eine davon ist die 1945 in Lübeck geborene Cellistin Anja Thauer. Bereits im Frühjahr 2011 kam eine CD mit von ihr eingespielten Werken für Violoncello und Klavier heraus. Auf dieser neuen CD befinden sich nun die Cellokonzerte von Camille Saint-Saëns und Eugen d‘Albert, die ‚Rokoko-Variationen‘ von Peter Tschaikowsky sowie die Sonate für Klavier und Violoncello von Frédéric Chopin. In ihrer Spielweise ähnelt Thauer ihrer Zeitgenossin Jacqueline du Pré. Auch sonst drängt sich der Vergleich mit der Weltklasse-Cellistin auf, mit der sie nicht nur das Geburtsjahr gemeinsam hat. Beider Karriere war 1973 unter tragischen Umständen beendet: Die Britin erkrankte an Multipler Sklerose, die Deutsche setzte ihrem Leben ein Ende.

Ein direkter Vergleich der Aufnahme des Cellokonzertes in a-Moll von Saint-Saëns von 1966 auf dieser CD mit einer Aufnahme der du Pré von 1969 zeigt verblüffende Parallelen. Beide verfügen über einen kraftvollen Ton, wobei der von Thauer insgesamt feiner, der von du Pré sonorer ist. Beide spannen weite Bögen, interpretieren das Werk feinfühlig, brillieren technisch. Anja Thauer nimmt vor allem den zweiten Satz recht schnell und bringt hier – im Gegensatz zu einigen Partien im dritten Satz – trotzdem das Kunststück fertig, dass er nicht hektisch klingt. Die Balance zwischen Orchester und Solistin ist meist ausgeglichen; nur im ersten Satz verdrängt die Begleitung des Soloinstrumentes gelegentlich das eigentliche Geschehen im Orchester.

Notwendigerweise abrupt wechselt die CD vom vollen Orchesterklang im Finale des Konzertes von Saint-Saëns zur Sonate für Cello und Klavier von Frédéric Chopin. Die Pianistin Claude Françaix, Tochter des französischen Komponisten Jean Françaix, und Anja Thauer bilden eine harmonische Einheit und interpretieren die romantische Sonate mit viel Feingefühl. Jede lässt der anderen Platz, ohne selbst zu stark in den Hintergrund zu treten. So wird die Sonate, zu der Chopin selber ein gemischtes Verhältnis hatte, zu einem Hörerlebnis und -genuss.

Das weniger bekannte Cellokonzert in C-Dur von Eugen d‘Albert leidet in dieser Aufnahme unter der dürftigen Tonqualität, obwohl sie aus dem Jahre 1972 stammt und damit die jüngste der CD ist. Das Konzert beginnt mit Arpeggien im Cello zur Melodie in Oboe und Klarinette, gefolgt von der Umkehrung: Die Solistin spielt die Melodie, das Orchester die Arpeggien, die in einem Klangteppich untergehen. Das Soloinstrument ist dabei jeweils so laut aufgenommen, dass ein interessanter, aber möglicherweise nicht gewollter Gegensatz zwischen den beiden Phrasen entsteht: Ein beinahe harscher Anfang leitet sphärische Klänge ein. Im weiteren Verlauf des Werkes fällt die schiefe Balance zwischen Orchester und Solocello nicht mehr so ins Gewicht, zumal die Interpretation und die technischen Leistungen als solche überzeugend sind. Ähnliches gilt auch für die ‚Rokoko-Variationen‘, die die CD beschließen.

Das Booklet ist unprätentiös gehalten, enthält aber dennoch einige Informationen über die Cellistin und die Werke sowie ein Foto der Künstlerin. Auch Angaben über Aufnahmezeit und -ort und sogar über Tonmeister und Toningenieur fehlen nicht. Insgesamt ist die CD sehr hörenswert, stimmig in der Dynamik und in der Intonation, mit sehr wenigen Ausnahmen. Ich wage zu behaupten, dass, wer Jacqueline du Pré mag, auch Anja Thauer schätzt. Eigentlich müsste der Name Thauer ebenso bekannt sein wie der Name du Pré, denn die beiden Interpretinnen sind durchaus ebenbürtig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Swantje Gerking Kritik von Swantje Gerking,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Werke von Chopin, d'Albert ,Tschaikowsky, Saint-Saëns: Romantische Cellokonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Hastedt
1
05.10.2011
77:51
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4037218066067
HT 6606


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Hastedt

Wiederentdeckung einer Musiklandschaft - Vier Jahrzehnte Musik in der DDR.

ACHTZEHN JAHRE - Hastedt - ACHTZEHN JAHRE <BR> Seit achtzehn Jahren stellt Hastedt wichtige KomponistInnen vor, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben - mit exemplarischen Werken und in erstveröffentlichten Aufnahmen von Solisten/Orchestern aus der ehemaligen DDR. Aber auch KomponistInnen aus Berlin, Bremen, Brünn, Bukarest oder Glasgow finden Sie in unserem Programm.

Interpretenporträts von herausragenden, doch weitgehend vergessenen Künstlern aus dem vorigen Jahrhundert vervollständigen unser Programm.

Poldi Mildner (1913-2007), eine Pianistin aus der Liszt-Schule. Einen "Vulkan am Klavier" nannte Franziska Kottmann die einstündige Sendung über sie im DLF.<P>

Branka Musulin (1917-1975), die Magierin am Klavier. FONO FORUM hat ihr und der Hastedt-CD eben (02/13)einen zweiseitigen Artikel gewidmet. Neu in 2014 erschien von ihr eine Doppel-CD mit ihren schönsten Plattenaufnahmen aus den 60ern (Ravel, Franck und Chopin-Konzerte), zusammen mit den Diabelli-Variationen von Beethoven.<P>

Anja Thauer (1945-1973), die "deutsche Jacqueline du Pré", wie die Süddeutsche Zeitung sie nannte, ist mit bisher drei CDs vertreten, die alle begeisterte Kritiken ernteten. Anja Thauer war eine charismatische Musikerin, die leider viel zu früh starb. <P>  

Jenny Abel, Violine mit Roberto Szidon (1941-2011) am Klavier mit Brahms' dritter Sonate, Medtners 1. Sonate, der Violinsonate von Poulenc sowie zwei hinreißenden kleineren Werken von Messiaen und Rachmaninow werden in Rundfunkproduktionen der achziger Jahre vorgestellt. <P>

Max Rostal (1905-1991), ein legendärer Geiger in der ersten Jahrhunderthälfte - und nach seiner Rückkehr aus dem Exil ein ganz wichtiger Lehrer für eine ganze Geiger"generation". An ihn wird in exemplarischen Kammermusik-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren erinnert. <P>

 


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