> > > Haydn, Johann Michael: Symphonies 22, 23, 33 & 1C
Montag, 29. November 2021

Haydn, Johann Michael - Symphonies 22, 23, 33 & 1C

Unterschätzte Werke ins rechte Licht gerückt


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bis in jüngste Zeit wurden Michael Haydns Instrumentalwerke häufig als simple und vergleichsweise einfallslose Musik abgetan. Konnte er sich auf dem Gebiet des Vokalen, besonders der geistlichen Chormusik, im Urteil der Nachwelt noch gegen den jungen Salzburger Kollegen Mozart, vor allem aber gegen den großen Bruder Joseph behaupten, so konnte sein sinfonisches Schaffen dem Vergleich mit den Großen nicht standhalten – eine dem klassischen Geniegedanken verhaftete Einschätzung, die dem Komponisten Unrecht tut, wie die vorliegende Aufnahme vor Ohren führt.
Johann Michael Haydn wurde 1737 im niederösterreichischen Rohrau geboren, kam aber früh nach Wien und verbrachte seine Jugend dort unter anderem als Chorknabe am Stephansdom und als Organistenkollege von Albrechtsberger an der Jesuitenkirche. Im Alter von etwa 20 Jahren ging er nach Großwardein in Ungarn, dem heute rumänischen Oradea, und wurde dort bald darauf zum Kapellmeister berufen. Nach einem weiteren kurzen Aufenthalt in Wien trat er dann 1763 die Stelle des Konzertmeisters in Salzburg an, wo er unter anderem mit Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart zusammenarbeitete. Als letzterer seinen Posten als Hoforganist aufgab, wurde Haydn sein Nachfolger. Michael Haydns Kompositionen fanden in den 1780er Jahren weite Verbreitung; Wolfgang Mozart, der Haydns Werke schätzte, berichtete seinem Vater erstaunt, wie einfach es selbst in Wien sei, an Abschriften und Drucke der Sinfonien zu gelangen. Michael fühlte sich in Salzburg offensichtlich wohl, denn er lehnte zahlreiche Angebote von außerhalb ab und war als Kompositionslehrer unter anderem Carl Maria von Webers bis zu seinem Tode 1806 dort tätig.

Gewohnte musikalische Qualität
Das Label CPO begann bereits vor einigen Jahren, sich dem Werke Michael Haydns anzunehmen, und veröffentlichte Aufnahmen etwa seiner Divertimenti und Märsche, des Singspiels ‚Der Baßgeiger zu Wörgl’ und der Schauspielmusik zu ‚Zaire’ sowie vor allem der Sinfonien. In eben dieser Folge sind nunmehr auch die Sinfonien Nr. 1C, 22, 23 und 33 erschienen.
In gewohnter Qualität präsentiert CPO dem Hörer hier eine Referenzaufnahme; den Vorsatz, von Musikleben und Tonträgerindustrie vernachlässigten Werke, die einen höheren Bekanntheitsgrad durchaus verdient hätte, zu ihrem Recht zu verhelfen, nimmt man dem Label durchaus ab. Keine Spur von dem allzu häufig bei Einspielungen seltener Werke entstehenden Eindruck, hier hofften mittelmäßige Interpreten, sich nicht mit anderen Aufnahmen messen zu müssen, oder es solle lediglich der Wunsch übereifriger Sammler nach Vollständigkeit unabhängig von der Qualität bedient werden.
Die Deutsche Kammerakademie Neuss unter Johannes Goritzki musiziert mit Präzision und verfügt über eine facettenreiche dynamische Ausdruckspalette. Die Tempi sind sämtlich schlüssig, selbst im Prestissimo-Finale der Sinfonie Nr. 1C Es-Dur (MH 35) gewährt Goritzki seinen Instrumentalisten in dieser Hinsicht keinen Nachlass; strikt wird der geforderte musikalische Schlussspurt durchgehalten, und die Musiker geben sich dabei keine Blöße. Die langsamen Sätze, in denen Haydn harmonisch wie melodisch seinen größten Reichtum entfaltet, bieten den Neussern beste Möglichkeiten, ihre Qualitäten unter Beweis zu stellen: Auch im Piano noch werden musikalische Gedanken sinnfällig in technisch sicherer feiner dynamischer Abstufung präsentiert.
Besonderes Lob sei hier den Bläsern gezollt. Haydn, der den Streichern in den vorliegenden Werken Oboen, Hörner und Fagotte zur Seite stellt, gewährt diesen nur gelegentlich eine gewisse Eigenständigkeit. Doch dort, wo sie gefordert werden, musizieren sie klar und mit Sinn für den Zusammenhang, die Hörner darüber hinaus mit präziser Intonation. Wiederum sind es die langsamen Sätze (wenn sie sich nicht wie in Nr. 33 auf den Streichersatz beschränken), in denen diese Fertigkeiten auf den melodisch fruchtbarsten Boden fallen – es sei an dieser Stelle vor allem das wunderbare Andante der F-Dur-Sinfonie MH 284 hervorgehoben.

Kleine Abstriche bei Klang und Text
Wenn etwas kritisch angemerkt werden sollte, dann wohl am ehesten, dass die Aussteuerung der Aufnahme die kompositorisch bedingte Dominanz der Streicher noch zu verstärken scheint. Gerade die Violinen sind gelegentlich etwas scharf und machen sich breit, wobei sie sogar Violoncelli und Bässe akustisch an den Rand drängen.
Dieses Problem macht sich in den Sinfonien F-Dur und Es-Dur wesentlich weniger stark bemerkbar als in den beiden D-Dur-Werken Nr. 33 (MH 24) und Nr. 22 (MH 287, die Köchel noch Mozart zugeschrieben hatte). Dies mag tonartliche Gründe haben, doch scheint insgesamt den erstgenannten die größere Hingabe zuteil geworden zu sein – weil die Mühe hier eher wert schien? Zumindest MH 24 scheint musikantisch und auch beim Anhören weniger dankbar als seine hier vertretenen sinfonischen Vettern. Nicht, dass ein kausaler Zusammenhang bestehen müsste, doch sei zumindest darauf hingewiesen, dass die Autorschaft Michael Haydns bezüglich dieser Sinfonie keineswegs als gesichert gilt.
Darauf weist der Begleittext zur CD leider mit keinem Wort hin. Auch sonst fällt das bei CPO oft ansprechende Beiheft bei dieser Produktion im Vergleich zum Hörzeugnis qualitativ doch deutlich ab. Der Autor ergeht sich in ausführlichen Verlaufsbeschreibungen der einzelnen Werke und gibt im Hinblick auf den historischen Hintergrund ihrer Entstehung zu affirmativ wieder, was sich musikwissenschaftlich lediglich im Bereich der Vermutung bewegt. Auch die Behauptung, für alle hier eingespielten Sinfonien seien die genannten Bläserstimmen obligat, ist schlicht falsch.

Trotzdem ist die vorliegende Aufnahme eindeutig überdurchschnittlich zu nennen. Für zukünftige Aufnahmen mag man sich vielleicht etwas mehr hörbare Musizierfreude wünschen (auch wenn Johannes Goritzkis Begeisterung gelegentlich durchaus akustisch Niederschlag findet), doch darf man sich vorerst einmal glücklich schätzen, eine Vorlage wie diese geliefert bekommen zu haben. Haydns Sinfonien sind von einer frischen und freundlichen Klarheit, die die Deutsche Kammerakademie hier überzeugend vermitteln kann. Zukünftige Einspielungen, die sich zum Anwalt dieses zu Unrecht belächelten Komponisten machen wollen, werden sich, so sie denn überhaupt zustande kommen, an dem hier erreichten Niveau messen müssen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Arne Muus,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Johann Michael: Symphonies 22, 23, 33 & 1C

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.07.2002
68:23
2001
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0761203938025
cpo 999 380-2

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Haydn, Johann Michael


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Dirigent(en):Goritzki, Johannes
Interpret(en):Deutsche Kammerakademie Neuss,


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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