> > > Riccardo Chailly, Gewandhausorchester Leipzig: Gustav Mahler: Sinfonie Nr.8
Dienstag, 17. September 2019

Riccardo Chailly, Gewandhausorchester Leipzig - Gustav Mahler: Sinfonie Nr.8

Mahlers Achte aus dem Gewandhaus


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mahlers Achte zum Abschluss des Internationalen Mahler-Festivals 2011 im Leipzi-ger Gewandhaus unter Riccardo Chailly - mit kleinen Abstrichen im Ersten Teil ei-ne durchaus gelungene DVD-Produktion.

Nachdem bereits 2010 Gustav Mahlers 150. Geburtstag gefeiert wurde, zelebrierte man den Komponisten auch im Folgejahr – nun anlässlich seines 100. Todestages – vor allem durch die Aufführungen seiner Werke. Zu diesem Anlass wurde in Leipzig das Internationale Mahler-Festival veranstaltet, denn schließlich war auch Leipzig eine Station im Leben des ‚heimatlosen‘ Musikers. Neben einem musikwissenschaftlichen Kongress zum Thema ‚Mahler in Leipzig‘ wurden von verschiedenen Interpreten sämtliche Sinfonien Mahlers aufgeführt. Und welches Werk eignet sich zum Abschluss eines internationalen Festivals besser als seine Achte Sinfonie?

Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly hatte zu diesem Finale mit dem GewandhausOrchester, dem MDR Rundfunkchor, dem Leipziger Opernchor, dem GewandhausChor sowie dem Thomanerchor und dem GewandhausKinderchor rund 500 Musiker um sich versammelt, die bis auf die acht Vokalsolisten allesamt zur Stadt Leipzig gehören. Am Pult stand der gebürtige Mailänder, der seit 2005 in Leipzig als Chefdirigent des Gewandhausorchesters tätig ist. Seine Gesamteinspielung der Sinfonien Mahlers mit dem Concertgebouw-Orchester, die zwischen 1988 und 2004 entstand, als er dem Orchester als Chefdirigent vorstand, bezeugt Chaillys lange (und erfolgreiche) Auseinandersetzung mit der Musik Gustav Mahlers.

Bezogen auf die Achte Sinfonie klingt der DVD-Mitschnitt aus dem Gewandhaus im Vergleich mit seiner CD-Aufnahme aus dem Concertgebouw (2000) etwas luftiger und transparenter. In Leipzig verzichtet Chailly zugunsten von mehr Leichtigkeit auf die erschlagende Klanggewalt, die auf seiner CD-Aufnahme dominiert, und so klingt die aktuelle Produktion frischer und vor allem was das Musizieren im ersten Satz angeht schlicht ‚gewandter‘. Das Resultat kann sich wirklich sehr gut hören lassen, doch ist nicht alles gleichermaßen gut gelungen. So klingt gerade der erste Teil der Sinfonie auch in Chaillys DVD-Produktion noch zu undifferenziert. Kommt das erste ‚Veni‘ zwar durchaus kraftvoll und brillant daher, so bleibt es im Gestus gleichzeitig aber – und das gilt für den gesamten ersten Teil – ein wenig schwerfällig. Zu buchstabiert wirkt da auch der Abschnitt 'Hostem repellas'; zuweilen geht die Bedeutung des Pfingsthymnus im Getöse der Sphärenklänge unter. Besondere Freude wiederum macht der Übergang von der Durchführung in die Reprise. Aber auch dieser funktioniert vor allem durch Lautstärke. Insgesamt hätte dem über weite Strecken wirklich lauten ersten Teil noch mehr dynamische Feinarbeit gutgetan – und das gilt besonders für die Solisten, die sich im Ensemble nicht gerade feinfühlig in den Gesamtklang einfügen, zumindest suggeriert das die Aufnahme.

In dieser Hinsicht überzeugt der abwechslungsreichere und dramatischere zweite Teil der Sinfonie mehr als der erste. Die von Mahler vertonte Schlussszene aus ‚Faust II‘ mit dem langen Orchestervorspiel gelingt Chailly hörbar besser, und das gut besetzte Gewandhausorchester fährt unter seinem Dirigat zu Höchstformen auf, wobei die Leistung in jedem Register sehr überzeugend und im musikalischen Vortrag immer konsequent ist. Hervorgehoben seien an dieser Stelle die von Konzertmeister Sebastian Breuninger grandios vorgetragenen Soli. Auch bestätigt sich im zweiten Teil ein Eindruck, der sich im ersten Satz bereits abzeichnete: Nicht nur das Orchester, sondern auch die versammelten Chöre agieren auf sehr professionellem Niveau mit einem runden Chorklang in allen Registern. Sensibel agieren die Herren in der anspruchsvollen ‚Waldungsszene‘, wendig, wenn durch Chaillys Interpretation stellenweise auch forciert, gestalten die Damen den Chor der Engel. Auch der Knaben- und Kinderchor ist im Klang besonders präsent und verdient an dieser Stelle eine eigene Erwähnung für die hervorragende Leistung!

Auch die Leistung der Vokalsolisten ist überwiegend zufriedenstellend. Unter den fünf Damen hervorzuheben sind Erika Sunnegårdh, die mit einem glasklaren Sopran begeistert, sowie Christiane Oelze, die zwar nur einen sehr kurzen aber dafür nicht minder beeindruckenden Auftritt hat: so erscheint sie nur für beiden Zeilen der 'Mater Gloriosa' kurz auf die Orgelempore – dort, wo zu gegebener Zeit auch die exponierten Blechbläser auftreten – und singt mit weicher aber durchdringender Stimme: ‚Komm! Hebe dich zu höhern Sphären!‘ – es klingt auch räumlich tatsächlich so, als würde sie aus einer anderen Sphäre, gleichsam von der Orgelempore herunter singen – verzaubernd. Erwähnenswert unter den drei Herren ist Georg Zeppenfeld. Der Wagner-erprobte Bass überzeugt mit einer kraftvollen Stimme, die nicht nur in der Tiefe sondern auch in der Höhe äußerst präsent ist. Die Partie des Pater Profundus (tiefe Region) scheint ihm beinahe wie auf den Leib geschrieben, so sehr versteht er es die Anweisung in Mahlers Notentext umzusetzen: ‚mit mächtigem Ton‘. Weniger gelungen besetzt ist hingegen die Tenorpartie. Stephen Gould, der schon das Latein im ersten Teil mehr schmiert als singt und es auch sonst mit Aussprache und Konsonanten nicht so genau nimmt, kämpft sich im Zweiten Teil hörbar mühevoll durch die Höhen der Partie des Doktor Marianus.

Alles in allem überzeugt der Mitschnitt aus dem Gewandhaus letztlich durch das Gesamtpaket. Mahlers Achte unter Chailly bewegt sich auf sehr hohem Niveau mit einigen wenigen Abstrichen. Als Videomitschnitt ist diese Aufnahme eine von wenigen DVD/BluRay-Produktionen, denn inzwischen gibt es von dem Werk zwar viele CD-Aufnahmen, aber kaum Videomitschnitte. Auch was Kameraführung und Schnitt angeht ist die Produktion sehr gelungen. Man bekommt einen guten Eindruck vom Werk und von der Aufführung. Dass die ‚Sinfonie der Tausend‘ unter Chailly ohne hörbar musikalische Reduktion auch als ‚Sinfonie der Fünfhundert‘ funktioniert, spricht für die Qualität der hier versammelten Musiker.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:






Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Riccardo Chailly, Gewandhausorchester Leipzig: Gustav Mahler: Sinfonie Nr.8

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ACCENTUS Music
1
19.09.2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830194
ACC20222 (DVD)


Cover vergössern

"Im Mai 2011 brachte Gewandhauskapellmeister Riccardo Chailly mit Gustav Mahlers 8. Sinfonie rund 500 Mitwirkende auf die Bühne. Mahlers "Opus magnum", wie der Komponist sein Werk selbst bezeichnete, war der monumentale Abschluss des Internationalen Mahler-Festivals in Leipzig.
Die jetzt als DVD und Blu-ray erscheinende Aufnahme zählt zu den wenigen überhaupt existierenden Aufzeichnungen dieser herausragenden Sinfonie.
Inspiriert durch einen Probenbesuch des Gewandhausorchesters malte der Leipziger Künstler Neo Rauch das Bild "Chor" eigens für das Cover dieser Mahler 8 Veröffentlichung."


Cover vergössern

ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Peter Büssers zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Rossinis 'kleine' Messe ganz groß: Mit diesem Konzertmitschnitt aus Leipzig gelingt Riccardo Chailly ein großer Wurf. Dieser Aufnahme von Rossinis 'Petite Messe Solennelle' in der Orchesterfassung darf Referenzcharakter zugesprochen werden. Weiter...
    (Peter Büssers, 16.02.2011)
  • Zur Kritik... Leipziger Impulsgeber: Was diese Produktion von anderen Konzertmitschnitten positiv abhebt, ist die Konzentration auf den Dirigenten. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 03.04.2006)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ACCENTUS Music:

  • Zur Kritik... Musikalisches Welttheater: Gustav Mahlers Achte Sinfonie liebt man oder hasst man mit Berechtigung. Riccardo Chailly zeigte beim Lucerne Festival 2016, wofür Ersteres spricht. Weiter...
    (Simon Haasis, )
  • Zur Kritik... Heilige Nüchternheit: Halb leer ist halb voll. Weiter...
    (Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Polnische Meisterwerke: Alexander Liebreich setzt die famose Reihe des Polnischen Nationalen Radio Symphonieorchesters bei Accentus mit einer grandiosen Aufnahme zweier Werke von Szymanowski und Lutoslawski fort. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
blättern

Alle Kritiken von ACCENTUS Music...

Weitere CD-Besprechungen von Peter Büssers:

  • Zur Kritik... Großartig gespielt, schlecht geschnitten: Jean-Guihen Queyras vervollständigt seine Diskographie um Elgars Cellokonzert und Tschaikowskys 'Rokoko-Variationen'. Großartig gespielt, aber leider schlecht geschnitten. Weiter...
    (Peter Büssers, )
  • Zur Kritik... Mussorgsky in Hollywood: Eine spannende, vor allem aber zeitgemäße Orchestrierung von Mussorgskys berühmten Museumsspaziergang hat Peter Breiner vorgelegt. Neben dem Maßstab Ravel klingt sein Arrangement opulent und hollywoodesk. Weiter...
    (Peter Büssers, )
  • Zur Kritik... Ragtime-Improvisationen: Der Pianist Bruno Fontaine erfüllt sich einen Herzenswunsch und nimmt eine CD mit Ragtimes auf. Mit nobler Coolness, viel Freiheit und Mut zur Improvisation gelingt ihm ein überzeugendes Plädoyer für die Konzertfähigkeit des guten alten Ragtimes. Weiter...
    (Peter Büssers, )
blättern

Alle Kritiken von Peter Büssers...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Besonderes Erlebnis: Auf ihrem Debüt-Album kann Moné Hattori ihr immenses Talent voll ausspielen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Starke Crossover-Platte: Das WDR Funkhausorchester Köln serviert drei Symphonic-Jazz-Leckerbissen für Klarinette und Orchester. Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Formexperimente: Piet Kuijken bietet ein überzeugendes Plädoyer für Johann Ladislav Dussek. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georg Christoph Wagenseil: Concerto g-Moll - Vivace

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich